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Fanklubs in Brenz und Heldenfingen: Leise sein? Geht gar nicht!

Man kennt die Bilder aus dem Fernsehen und von Spielen des Fußball-Zweitligisten FCH: Fans mit Fahnen und Trommeln begleiten ";ihr"; Team singend, brüllend und jubelnd durchs Spiel. Was in höheren Ligen üblich ist, ist in den unteren Klassen absolute Ausnahme – zwei Beispiele gibt's in Heldenfingen und in Brenz.

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    Liebesbekundung: Die "Albfighters" sind Feuer und Flamme für ihre Mannschaft, die Fußballer der SG Heldenfingen/Heuchlingen. Foto: 
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  • Da ist alles dabei, Banner, Fahnen und Megaphon: Die "TVB Nordkurve" sorgt bei Heimspielen der Brenzer Handballer in der Sontheimer Hermann-Eberhardt-Halle für mächtig Stimmung. 3/3
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Es war beim Maifest 2012. Die „Promille-Kolonne“, eine Heldenfinger Clique, saß feucht-fröhlich beieinander. Irgendwann stimmte einer der Jungs ein Lied an. Wie viel lustiger war der Abend plötzlich! Nicht nur Zuschauer sein, sondern Mitgestalter! „Da hatten wir die Idee, dass wir in Zukunft auch bei den Spielen des SV Heldenfingen Stimmung machen könnten“, erzählt Andi. Der 20-Jährige und sein Kumpel Kevin sind seitdem die treibende Kraft an der Spitze der „Albfighters“, dem Fan-Club der Spielgemeinschaft Heldenfingen/Heuchlingen, die in der Kreisliga A spielt. Bei jedem Heimspiel, bei jedem Auswärtsspiel können die Kicker auf stimmgewaltige Unterstützer am Spielfeldrand zählen.

Rund 30 junge Männer zwischen 18 und Ende 20 bilden den harten Kern der „aktiven Fan-Szene“. Dazu kommen noch eine Handvoll Ultras aus dem Heidenheimer Osterholz, die über freundschaftliche Verknüpfungen zur Heldenfinger Truppe gestoßen sind. Jeder von ihnen habe schon mindestens ein Mal gegen den Ball getreten, scherzen sie. Die meisten tun es derzeit nicht, ein paar wenige dagegen regelmäßig; sie spielen in der Reserve. Und weil die immer direkt vor der ersten Mannschaft dran ist, gehen die Jungs fix duschen und kehren eiligen Schrittes zurück. Andi: „Erst dann sind wir komplett. Deshalb läuft die erste Halbzeit meist ein bisschen ruhiger. Ab der zweiten supporten wir dann richtig, mit allem drum und dran.“

Wie an einem trüb-kalten Samstagnachmittag in Burgberg. Auch die Gastgeber haben ein paar Handvoll Fans vorzuweisen, allerdings „die ganz normalen“. Die stehen stumm unter ihren Regenschirmen, hin und wieder halblaute Zwischenrufe, schwacher Applaus bei Torerfolg. Kein Vergleich zum Gedröhne und Getrommle der Heldenfinger Fans.

„Alle zusammenrücken“, ordnen Kevin und Andi an. Und dann geht es los: Die Trommel gibt das Tempo für das Programm vor, mit dem die „Albfighters“ knapp 50 Minuten Spielzeit füllen. Alle singen lauthals mit: „Vorwärts Heldenfinger Jungs, schießt ein Tor für uns!“

Andi macht den Ansager, reagiert blitzschnell auf den Spielverlauf, hat zu jeder Situation die passende Idee. Mal wieder einen Ball in den angrenzenden Wald geschossen? Bis der geholt ist, muss die rasante Stimmung gehalten werden, ein Lied mit treibender Melodie muss her! Trommel bitte! Olé olé! Schalalalaaaa! Müde werden, leiser werden – geht gar nicht, finden die Organisatoren, da lassen sie auch nicht mit sich reden. Immer wieder ermahnen sie ihre Mitstreiter im Kommandoton, weiterzumachen, Stimmung zu machen: Arme hoch! Rausschreien was geht!

Auch in der Sontheimer Sporthalle, wo die Handballer des TV Brenz (Bezirksliga) ihre Heimspiele austragen, übertönen an diesem besagten Tag die Ultras um Benedikt und Benjamin alles und jeden. Die „Nordkurve“ ist voll bis auf den letzten Platz, Schulter an Schulter, Schweißstirn an Schweißstirn machen 50 Krach für 500. Berührungsängste darf man hier nicht haben. Mitmachen darf dafür jeder, man muss auch nicht besonders gut singen können. Besonders laut reicht völlig aus.

Die Brenzer Fans mit ihren gelb-schwarzen Fan-Shirts und Schals hangeln sich fröhlich von einem Lied zum nächsten, sie hüpfen und lachen, immer begleitet von einem Trommler und oft auch von einem Trompeter. „Das ist toll, dass wir die haben. Sind vom Musikverein“, erklärt Benjamin.

Anders als in Heldenfingen, wo seit drei Jahren ganz bewusst Stimmung gemacht wird, habe sich die Sache mit dem Fan-Club in Brenz einfach so ergeben, sagen die beiden Jungs. Von Spiel zu Spiel hätten sich immer mehr Leute in der Halle eingefunden, die inzwischen auch außerhalb der Sporthalle zu einer starken Gemeinschaft geworden seien. Inzwischen sei es unter den jungen Brenzern geradezu „in“, im Pulk zu stehen und die Mannschaft zu unterstützen. Benjamin: „Mal sind wir 40 Leute, mal deutlich mehr, je nachdem, was sonst noch so los ist hier. Aber in Brenz ist ja meist eher wenig los.“

Die Gegner stürmen zum Angriff, die Brenzer Fans geben alles. „Defense! Defense!“, brüllen sie im Chor, die energische Forderung nach „Verteidigung“ wird vom Trommler kraftvoll begleitet und mit jedem Spielzug lauter. Dass der Torwart dann tatsächlich auch hält, sorgt nicht nur auf dem Spielfeld für großen Jubel. Auch auf der Fan-Tribüne: Freude. Erleichterung. Und das fantastische Gefühl, etwas beigetragen zu haben zum Erfolg. „Tatsächlich kriegen wir sehr viele positive Rückmeldungen auf das, was wir hier machen“, berichtet Benedikt. „Die Spieler sagen, dass wir sie motivieren, und ich glaube, dass das tatsächlich so ist.“ Nicht von ungefähr gelten die Brenzer Handballer als äußerst heimstark.

Auch in Heldenfingen ist das Verhältnis zwischen Spielern und Fans geprägt von Wertschätzung und Kameradschaft, auch hier sind die Fans viel mehr als nur Zaungäste. „Die Jungs pushen uns“, sagt Benjamin Junginger, aktiver Spieler in der ersten Mannschaft. Während der Stürmer die unpersönlichen Zwischenrufe der Zuschauer oft überhaupt nicht wahrnehme, seien die „Albfighters“ eine große Hilfe in spielentscheidenden Momenten. Wenn die Motivation am Boden liege oder ein Zweikampf durch Schnelligkeit entschieden werden müsse, dann könnten die Jungs schon „die letzten paar Prozente aus der Mannschaft rauskitzeln.“

Die Idee, sich zusammenzutun und die Lieblingsmannschaft vom Spielfeldrand aus gemeinsam zu unterstützen, stammt dabei aus dem Italien der 1950er Jahre. Die Fedelissimi Granata (Turin) und die Ultras Sant Alberto (Genua) zählen zu den ersten Fan-Clubs überhaupt. Der Name „Ultras“ geht auf eine italienische Lokalzeitung zurück. Anhänger des AC Torino hatten den Schiedsrichter nach einer 2:3-Niederlage bis zum Flughafen verfolgt, ein Redakteur bezeichnete die wildgewordenen Fans in seinem Bericht als „Ultra“, also als „extrem“.

Den Schiri mit der Mistgabel durchs ganze Dorf jagen, nein, das würden sie nicht machen, die Heldenfinger Jungs. Aber der Schiedsrichter sei ganz klar Feind Nummer eins, räumt Marcel ein. „Das kann man ruhig schreiben.“ Bisher hatten die „Albfighters“, so sagen sie, noch nie Probleme am Spielfeldrand. Der Radau, den sie machen, gefalle den Leuten in der Regel. Und die kleineren und großen Pöbelein – nun ja, die gehören eben zum Fußball mit dazu. Natürlich wissen sie alle miteinander, dass unter der Gürtellinie der moralische Strafraum beginnt. Trotzdem wird gern lautstark gegen die Gegner gestichelt.

Es sind keine geistreichen Sprüche mit Wortwitz, die da über den Platz gebrüllt werden. „Du bist doch der Hässlichste von allen! Du kannst überhaupt nichts“, legen sie los, sobald ein Burgberger Kicker in die Nähe kommt. Auch Sportstudent Marcel macht fleißig mit, haut bei jeder Gelegenheit eine Beleidigung raus und freut sich, wenn seine Strategie aufgeht: ablenken, wütend machen, aus dem Konzept bringen. Marcel: „Wir suchen uns immer jemanden raus, der auffallende äußerliche Merkmale hat. Lange Haare zum Beispiel.“

Auch wenn es ein gegnerischer Spieler mit einer Schwalbe probiert, wird gepfiffen und gebuht. Die Truppe stimmt unverzüglich einen Spott-Gesang an: „Soll'n wir die Mama hol'n, soll'n wir die Mama hol'n?“ Marcel sagt, das sei kein hirnloses Geschrei, sondern Psychologie. Tatsächlich ist wissenschaftlich erwiesen: gemeinsame Feinde stärken die Bande innerhalb einer Gruppe. Die Welt teilt sich in „gut“ und „böse“, wer sich auf der guten Seite wähnt, wird beflügelt.

Die hohe Kunst der Psychologie, sie wird demnach auch in Brenz profimäßig angewandt. Jede Entscheidung der Schiedsrichter gegen das eigene Team wird niedergebrüllt und ausgebuht. Die Pfiffe und die Lärm-Spitzen jagen sich durchs komplette Spiel. Dieses Hin und Her, es ist eine Art Machtkampf zwischen Schiri und Fanblock. Wer ist härter, lauter, wachsamer? Natürlich kriegen auch die gegnerischen Spieler ihr Fett weg.

Die eigenen Spieler werden dagegen ausnahmslos mit Lob überschüttet, sogar nach einem Patzer wird applaudiert. Tatsächlich mit sichtbarem Effekt: Selbst, wenn die Brenzer ein Tor kassiert haben, stürmen sie wie die Wilden wieder los, stets begleitet von rasantem Motivations-Getrommel. Die Ultras der Handballer planen deshalb, künftig auch bei Auswärtsspielen mit einer großen Truppe dabei zu sein. Im Moment organisieren sie mit Unterstützung der Vereinsleitung die Anmietung von Fanbussen. „Wir hoffen, dass wir auswärts auch bald so erfolgreich sind wie zuhause“, sagt Benjamin.

„Jetzt reicht es aber“, schimpfen die Heldenfinger gegen Ende der ersten Halbzeit vor sich hin. In Burgberg liegt der Gastgeber vorn. Es brodelt bei den „Albfighters“. Sie alle sind sich einig: Die Mannschaft braucht dringend Unterstützung! Mit Hilfe der Fans kann das Spiel noch gedreht werden! Was sie nicht sagen: Sie, die Fans, brauchen dringend ein Ventil, um ihrem Ärger über den Rückstand Luft zu machen. Sie wollen nicht machtlos zuschauen, sondern kraftvoll von außen aktiv ins Spielgeschehen eingreifen. Und so wandelt sich die Aggression in eine gewaltige Ladung positive Energie. Vom Anpfiff der zweiten Halbzeit bis zum Schlusspfiff, die Ja-wir-schaffen-das-Welle ebbt nicht ab. Marcel: „Bei uns ist der Zusammenhalt riesig. Ganz egal, wenn mal ein Einzelner schlecht war auf dem Platz oder wir verloren haben wie heute, niemand wird kritisiert. Da klopft man sich trotzdem auf die Schulter.“ Einer für alle, alle für einen eben.

Mit wie viel Herzblut die Fans bei der Sache sind, sieht man beispielweise an der Zaunfahne der Heldenfinger. Über 20 Stunden haben Kevin und Andi auf Knien verbracht, haben sich Pinselstrich um Pinselstrich, Zentimeter um Zentimeter mit den Vereinsfarben grün, weiß und rot vorangearbeitet – rund vier Quadratmeter reine Handarbeit. Kosten: über 100 Euro. „Solche Sachen oder auch Proben für neue Choreos laufen nach Feierabend. Wir haben eine Whatsapp-Gruppe, über die wir uns verabreden. Klappt gut“, sagt Andi.

Unter den Brenzer Fans ist sogar ein Grafiker, auch der hat sich in seiner Freizeit hingesetzt und ein Logo für die „TVB Nordkurve“ entworfen. Die Vereinsfarben gelb und schwarz füllen ein Ritterschild aus. Unter einem weißen Helm steht „T. V. Brenz 1864“. Das Bildle ist überall super angekommen, es ziert mittlerweile Fan-Shirts und -Schals – und die Trikots der Brenzer Handballer. Was es sonst noch so zu tun gibt: Fan-Artikel bestellen und verteilen, Plakate drucken, neue Spruchbänder und Zaunfahnen machen, Fahrten zu Auswärtsspielen organisieren. Die Last verteile sich auf viele Schultern, sagen Benjamin und Benedikt. „Wir sind einfach eine geile Truppe.“

„Schuhe aus“, tönt es aus dem Megaphon. „Schuhe hoch!“ Und schon wieder riesiges Gewusel auf engstem Raum in der Brenzer Halle. Alle hüpfen auf der Stelle, klatschen ihre Schuhe aneinander, rempeln sich an. „Wir ham die Schuhe aus und wissen nicht warum?“ Viele Zuschauer drehen sich zu ihnen um – und schmunzeln nicht zum ersten Mal an diesem Tag über „ihre“ Ultras. „Die machen immer mordsmäßig Remmidemmi. Das sorgt für gute Stimmung in der Halle. Auch dann, wenn es mal nicht so gut läuft“, sagt ein Mittvierziger, der inzwischen kein Heimspiel der Handballer verpassen will. „Macht voll Spaß, seit die Fans so aktiv sind.“

Und das wissen eben auch die Vereine, in Brenz wie in Heldenfingen. Wo es geht, werden die Ultras unterstützt, finanziell, organisatorisch. Nach Sieg oder Niederlage zusammenstehen, Spiel analysieren, vielleicht sogar am Abend noch gemeinsam was unternehmen: die Freundschaftsbande werden gehegt und gepflegt. Was wäre denn auch eine Mannschaft ohne Fans? Was wäre ein Spiel ohne Zuschauer?

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