E-Mail an den Spieß
Seit 1. September vergangenen Jahres dient Kugelstoßerin Lena Urbaniak bei der Bundeswehr. Nach der Grundausbildung hat sie mit ihrer Einheit nichts mehr zu tun und konzentriert sich voll auf den Sport.
Einmal im Monat muss sich die Gefreite Lena Urbaniak bei ihrem Spieß in Todtnau melden. Ansonsten wohnt und trainiert sie in Stuttgart. Die Mitglieder der Sportkompanie Todtnau-Fahl leben im ganzen Ländle verstreut und konzentrieren sich auf Training statt Landesverteidigung.
Ihre sechswöchige Grundausbildung haben die Sportler genauso wie alle anderen Rekruten absolviert; seitdem kümmert sich Lena Urbaniak nur noch um die Kugel und nicht mehr ums Gewehr. Dennoch dürfte sich die 19-Jährige körperlich weit stärker betätigen als die gemeinen Soldaten. Nach dem Aufstehen um 8 Uhr und einem Frühstück folgen täglich zwei Trainingseinheiten. Jede dauert zwischen zwei und drei Stunden. Sie strengen mehr an als der gewöhnliche Innendienst in der Kompanie.
Die Bundeswehr fungiert als Arbeitgeber für Hochleistungssportler, die zu DDR-Zeiten Staatsamateure hießen. Durch den Dienst fürs Vaterland hat Lena Urbaniak "den Kopf frei" für Sport und Studium. Am 26. März beginnt sie an der Uni Ansbach ein Fernstudium im Bereich International Management. Dienstpläne müssen die Böhmenkircherin nicht kümmern - es zählt allein der Trainingsplan, den sie mit ihrem Coach Peter Salzer erstellt.
Das Training unter Profibedingungen macht sich bezahlt. Urbaniak hat erst vor zwei Wochen ihre Bestleistung auf 17,61 Meter gesteigert. Damit rückt sie in die Nähe der nationalen Spitze; ganz drin ist sie noch lange nicht. "Das Niveau in Deutschland ist unheimlich hoch", sagt die 19-Jährige, die sich keine Hoffnungen macht, noch auf den Olympiazug für London aufzuspringen.
Ihr Ziel heißt Rio, wo 2016 die nächsten Olympischen Spiele ausgetragen werden. Mindestens so lange will sie bei der Bundeswehr bleiben. Auch dort gilt das Leistungsprinzip. Es gibt nur Einjahresverträge, die im Erfolgsfall verlängert werden. Urbaniaks Vertrag endet am 31. August. Nach ihren gezeigten Leistungen geht sie "fest davon aus", dass er um weitere zwölf Monate verlängert wird. Darüber befindet ein Gremium, das sich mit den sportlichen Erfolgen der Soldaten beschäftigt und danach den Daumen hebt oder senkt.
Die finanzielle Absicherung im Staatsdienst weiß die Böhmenkircherin zu schätzen. Es dient der Konzentration aufs Wesentliche, wenn "man sich keine Gedanken machen muss, wie man das Geld für die Miete zusammenkriegt".
Mit dem Soldatenleben hatte sie seit der Grundausbildung nichts mehr zu tun, und das ändert sich auch nur geringfügig. Zwei Lehrgänge muss sie während ihrer gesamten Bundeswehrzeit absolvieren, um mal wieder ein Gefühl für Waffen zu bekommen.
Ansonsten hält sich Lena Urbaniak ihrer Kompanie fern und meldet sich nur per Mail. Das tut sie sogar öfter als vorgeschrieben. Wenn sich der Trainingsplan ändert, teilt sie das ihrem Spieß ebenso mit, wie wenn sie etwas braucht. Meist werden ihre Wünsche erfüllt. "Die sind dort sehr kooperativ", erzählt Urbaniak und sie weiß auch warum: "Weil wir die Bundeswehr nach außen repräsentieren." Und das tun die Sportler besser als mancher dafür hauptberuflich zuständige Verteidigungsminister.
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Autor: THOMAS FRIEDRICH | 04.02.2012
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