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Fechten selbst ausprobiert

Das Fechtzentrum in Heidenheim ist weit über die Kreisgrenzen hinaus bekannt – so messen sich beim Hartmann-Cup am Samstag und Sonntag sogar Fechterinnen aus 23 Nationen miteinander. Also Grund genug, das Degenfechten einmal selbst auszuprobieren.

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Auf den ersten Blick sieht die Übungshalle im Fechtzentrum wie eine ganz normale Sporthalle aus. Weiße Wände, Holzverkleidungen, Sprossenwände und Basketballkörbe, wie sie überall zu finden sind. Erst bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass an der Decke und den Seitenwänden lange Kabel hängen, passend zu den 14 parallel angeordneten, grauen Bahnen auf dem Boden. Über jeder Bahn sind kleine Anzeigetafeln mit grünen und roten Feldern angebracht. An der gegenüberliegenden Wand außerdem noch graue Polster mit speziellen Markierungen, direkt daneben ein hoher Spiegel. Ratlosigkeit. Wozu das alles?

Einige Fechter und Fechterinnen üben, teils zu zweit, teils alleine mit dem Trainer – „in der sogenannten Lektion“, wie Abteilungsleiter Jochen Kassel erklärt. Blitzschnell macht eine Schülerin ein paar kleine Schritte nach vorne, dann einen großen Ausfallschritt, der Arm schießt vor – die Anzeigentafel leuchtet grün auf. Ein Treffer. Es ist warm in der Halle – schon allein das Zuschauen und die Vorstellung, dort gleich selbst zu stehen, lässt den Puls schneller schlagen.

Doch bevor es Degen gegen Degen geht, steht ein Kampf mit der Ausrüstung bevor. In die langen Kniestrümpfe schlüpfen, dann die Hose und die Unterziehweste für die rechte Hälfte des Oberkörpers überziehen. Ein beklemmendes Gefühl, vor allem, wenn der Brustschutz und die schwere Jacke dazu kommen. Verdammt. Das Kabel. Jacke wieder aus, Kabel durch den Ärmel, Jacke an. Noch die Handschuhe. Das Kabel baumelt beim Laufen lose herab. Mit der Fechtmaske unter dem Arm geht's zurück in die Halle.

Metall trifft auf Metall, es klingt, reibt, schleift, wenn sich die Degen der Fechterinnen treffen. Ansonsten sind nur die Schritte und Sprünge zu hören. Ab und zu ein Keuchen. Gesprochen wird fast nicht. „Ich zeige dir erst einmal die Grundposition und ein paar einfache Dinge“, sagt Trainer Philipp Stein. Das rechte Bein vorne, das linke etwa schulterbreit dahinter, im rechten Winkel. Leicht in die Knie gehen. Dazu den Degen in der richtigen Position halten, den Arm angewinkelt – und trotzdem so weit wie möglich gestreckt. Den Griff wie eine Pistole umklammern. Er ist erstaunlich leicht.

„So, und nun ein paar Schritte vorwärts.“ Rechtes Bein vor, linkes nachziehen. Kurze Schritte. Den Degen oben halten, den linken Arm hinten. Alles gleichzeitig. „Und jetzt mit dem Degen nach vorne stechen, kurz und schnell.“ Beim ersten Mal berührt das Metall gerade so den Oberkörper. „Stärker“, sagt der Trainer.

Kein Mut, so richtig zuzustoßen. Statt dessen der dumme Gedanke, ob die filigrane Klinge nicht zerbricht, wenn sie den Gegenüber voller Wucht trifft. Philipp Stein lacht. „Ein Druck von rund 500 Gramm reicht, aber man kann den Degen ruhig auch biegen, da passiert nichts.“

Also los. Voll auf den rechten Arm und den Degen konzentrieren. Zustechen. Schon besser: der Degen biegt sich etwas. Schnell wieder zurück. „So, und nun die erste Gegnerin“, sagt der Trainer. Er steckt das eine Ende des Kabels in den Anschluss an der Hallenwand, das andere wird im Degengriff befestigt.

Die Klinge zum Gruß heben, die Maske anziehen – und alles wird schwarz. Blinzeln. Da stimmt doch etwas nicht. Durch das engmaschige, dunkle Metallgitter ist die Gegnerin nur schemenhaft zu erkennen, der Degen gar nicht wahrnehmbar. So soll gefochten werden? Im dicken Anzug wird es heiß, stickig. Der Atem geht schneller.

Auf die Startlinie. „Und los!“ Erst einmal passiert gar nichts.

„Trau dich, geh nach vorne“, sagt Philipp Stein. Ein erstes „Abtasten“ mit dem Degen. Fast ohne es zu merken, der erste Treffer für die Gegnerin. Blitzschnell hat ihr Degen den Arm erwischt. Ein rotes Licht leuchtet auf.

Nach vorne laufen, abwehren. Der Wunsch, selbst einen Treffer zu erzielen, wird nach vier Gegentreffern immer größer. Genauso wie der Mut, einfach mal nach vorne zu gehen und zuzustechen. Plötzlich leuchten ein grünes und ein rotes Licht auf – gleichzeitig getroffen. Es geht hin und her, vor, zurück. Parieren, stoßen, angreifen. Oder es zumindest versuchen.

Zurück zur Startlinie, neuer Versuch. „Mehr nach vorne, und mit viel Fingerspitzengefühl stechen“, rät der Trainer. Der Gegnerin so wenig Angriffsfläche wie möglich bieten. Wie befürchtet, leuchtet gleich wieder das rote Licht auf. Schweißperlen auf der Stirn, aber keine freie Hand, um sie abzuwischen.

Dann, völlig unerwartet: grünes Licht. Der erste Treffer, auf die Hand. Es geht sofort weiter. Mit jedem Treffer wächst der Spaß, aber auch der Ehrgeiz – ein „Ich-will-Gefühl“ stellt sich ein. Noch keinen Gedanken an eine Pause verschwendet. Mit der Zeit fühlt sich der Degen in der Hand nicht mehr so fremd an, die Sicht wird besser. Jeder Treffer motiviert, genauso wie jeder Gegentreffer.

Selbst wenn noch nicht viel Technik dabei ist – dieser Sport ist absolut packend. Fast unbemerkt sind schließlich zweieinhalb Stunden vergangen. Die vorerst einzigen Spuren: ein roter Kopf, ein Ziehen im rechten Unterarm und das etwas taube Gefühl in Ring-, Mittel- und Zeigefinger. Mit dem Fingerspitzengefühl ist es für die nächsten Tage wohl erst mal vorbei.

Info: Der Hartmann-Cup beginnt im Fechtzentrum am Samstag um 9 Uhr mit der Qualifikationsrunde. Am Sonntag geht es um 10 Uhr weiter, die Finalgefechte werden ab 14 Uhr ausgetragen.

 

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