Partner der

Wirtschaft und Politik wollen die Mobilitätswende

|

Es dauerte 24 Minuten, bis erstmals das Wort „Diesel“ fiel. Ein Journalist wollte in einer der beiden zugelassenen Fragen etwas über die drohenden Fahrverbote in Stuttgart für Diesel-Fahrzeuge wissen. Ministerpräsident Winfried Kretschmann hatte zum „Strategiedialog Automobilwirtschaft“ Vertreter der Branche eingeladen, um nicht über weniger als die Zukunft des Autos zu diskutieren. Diesel? Kein Thema. „Ich denke, wir sind uns einig darüber, das Thema Diesel schnell und zügig zu klären, damit die negativen Diskussionen über Stadt und Standort beendet werden“, sagte der Grünen-Politiker nur – um sofort wieder auf die „innovative Region, die voran geht“ umzuschwenken.

Auch Daimler-Chef Dieter Zetsche sprach bei Verbrennungsmotoren allgemein nur noch von einer „Übergangstechnologie“. Was auf Benzin- und Diesel-Motoren folge sei der Elektroantrieb, das selbstfahrende Autos, eine andere Mobilität. Und diese seien existenziell wichtig: „Es findet gerade eine fundamentale Transformation statt, bei der die deutsche Autoindustrie die treibende Kraft des Wandels sein muss.“

Die Kernbotschaft des Strategiedialogs – der anfangs Autogipfel hieß – war vielmehr der Schulterschluss von Politik und Wirtschaft. Zwar könne es im Dialog auch Reibung geben, dies müsse aber nicht schlecht sein, wenn daraus Energie entstehe, hieß es freundlich. „Es lohnt sich miteinander statt übereinander zu reden“, sagte Zetsche. Der Politik falle die Rolle zu, Rahmenbedingungen für Bildung und Forschung zu schaffen, stellte der Daimler-Chef klar. Bosch-Chef Volkmar Denner fügte noch die Punkte Gesetzgebung und Infrastruktur hinzu.

„Wir müssen schnell und zielführend sein“, sagte der Grünen-Politiker nach dem nichtöffentlichen mehrstündigen Gespräch mit über 40 Teilnehmern, an dem auch Arbeitnehmer-Vertreter teilnahmen. „Der Wandel vollzieht sich in rasendem Tempo.“ Politik und Industrie hätten nun einen Dialog angestoßen, der dauerhaft sein soll.

„Wir befinden uns im wirtschaftlich tiefsten Umbruch seit vielen Jahrzehnten“, sagte Kretschmann. „Der Klimawandel, die Digitalisierung, neue Technologien, neue Marktteilnehmer und ein neues Nutzerverhalten“ forderten Baden-Württemberg heraus wie nie zuvor.

Für Denner bieten die Veränderungen aber auch „ausdrücklich Chancen“. Dass sich Industrie und Politik zum Gipfel getroffen hätten, zeige, dass sowohl Herausforderungen als auch Chancen der Transformation erkannt wurden. „Mobilität wird  viele Facetten haben. Auto, Bus, Bahn, Bike – alles wird nahtlos vernetzt und einfach buchbar sein“, sagte der Bosch-Boss.

Kretschmann forderte trotz des „rasenden Tempos“ der Entwicklungen dazu auf, offen zu sein und neuen synthetischen Kraftstoffen und der Brennstoffzelle eine Chance zu geben.

Eine weitreichende Partnerschaft für urbane Mobilität haben die Freie und Hansestadt Hamburg und die Daimler AG verabredet. Sie umfasst die Elektrifizierung sämtlicher Bereiche der urbanen Mobilität. Darüber hinaus baut Daimler im sächsischen Kamenz eine zweite Batteriefabrik. Im Zentrum dieser Strategie stehe das emissionsfreie Fahren, teilte der Stuttgarter Autobauer mit. vt

Kommentieren

Kommentare

20.05.2017 13:52 Uhr

Außer Spesen nichts gewesen

Den Begriff der "Innovation" auf seine technische Dimension zu reduzieren, verliert dessen soziale Ausdehnung aus dem Blick. Ohne soziale Erneuerung wird es jedoch keine technische geben, sondern lediglich ohnehin längst überkommene Formen der Organisation gesellschaftlicher Arbeit bestenfalls in modernisiertem Gewand. Angesichts dessen vom "wirtschaftlich tiefsten Umbruch seit vielen Jahrzehnten" zu sprechen wie gestern der baden-württembergische Ministerpräsident Kretschmannn, erfordert demnach Maßnahmen, die wenigstens dessen Reichweite besitzen und die nicht schon von vornherein scheitern, weil bereits kategorial zu kurz gegriffen wird. Im Zentrum des Strategiedialogs zwischen Landesregierung und Automobilindustrie steht daher zwingend die detaillierte Untersuchung seiner von Natur aus gegebenen Voraussetzungen, welche jedwedes Handeln zu erfüllen hat. Auf diesem Gebiet keine Anstrengungen zu unternehmen, spart somit an der falschen Stelle. Bislang scheint es deshalb eher so zu sein, dass außer dem Verkauf von altem Wein in neuen Schläuchen das besagte Gespräch keinen nennenswerten Fortschritt bietet.

Antworten Kommentar melden

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Partner der

Organisierte Fanszene: Fanatico Boys wollen umziehen

In Fußballstadien haben organisierte Fanszenen einen festen Platz. Auf Schalke ist es die Nordkurve, in Dortmund die Südtribüne – und in Heidenheim die Osttribüne. weiter lesen