Die ganze Vielfalt der Kultur

Stuttgart.  Die Zeit der Büro- und Dienstleistungsgebäude sei abgelaufen, sagt der Vorsitzende des Stuttgarter Vereins Forum Hospitalviertel, Eberhard Schwarz. Die Umgestaltung zum Dorf in der Stadt hat begonnen.

Das Renitenztheater hat den Anfang gemacht. Stuttgarts älteste Kabarettbühne zog im Oktober 2010 von der Eberhardstraße in die Büchsenstraße um und brachte damit zweierlei in das Hospitalviertel zurück: Kultur und Gastronomie, letztere durch das angeschlossene italienische Restaurant "La Commedia". Eberhard Schwarz, Hospitalkirchenpfarrer und Vorsitzender des Forums Hospitalviertel, wertet dies als Ergebnis der zehnjährigen Bemühungen seines Vereins.

Dabei gab es die Kultur im Ansatz auch nach der weitgehenden Zerstörung dieses Gevierts am Ende des Zweiten Weltkriegs, etwa in Form von Jazzkellern. Dann kam die Zeit des Investierens in Geschäfts- und Bürogebäude, sagt Schwarz, und in den 80er Jahren begann deren Niedergang. Wie in vielen Städten sei nichts mehr in die Bausubstanz investiert worden; abgegrenzt von Cityring und Schlossstraße, verödete das Viertel zusehens. Die Straßen sind zugeparkt von den Autos zahlloser Pendler, Leben findet nach Feierabend kaum noch statt.

Weil auch das Wirtschaftsministerium in diesem Stadtteil liegt, gelangte das Hospitalviertel in den Genuss einer Förderung als "Landessanierungsmaßnahme". Die nächsten zwei, drei Jahre werden deshalb Baustellen das Bild prägen, dann, 2015, läuft die Förderung aus. Die Baustellen, sagt Schwarz, müsse man in Kauf nehmen auf dem Weg zu einem Modellviertel, welches zeigt, wie aus einem gewerblichen Raum wieder ein lebens- und wohnenswerter Bereich wird. Auf wenigen Quadratmetern entstehe ein kleines Dorf inmitten der Stadt, ein Kiez mit hohen sozialen Standards, Quartierfesten, Mittagstischen, Ärzten "und sonstiger Versorgung".

Die Vermieter müssten umdenken, sagt Schwarz. Zwar sei verständlich, dass die lieber nur einen Mieter hätten, doch die Zeit der Dienstleistungsviertel sei eben abgelaufen. Der Trend zurück in die Stadt müsse sich auch im Angebot für die Hinzuziehenden niederschlagen, durch Gewerbetreibende, Läden, Cafés in den Erdgeschosszonen etwa. Schwarz spricht von einer "gesellschaftlichen Baustelle neben der materiellen".

Der heutige Eindruck täuscht leicht darüber hinweg, dass das Hospitalviertel einst ein bedeutendes Quartier der Landeshauptstadt war. Der Grundriss der rechtwinkligen Anlage der Straßen lässt den Ursprung in der Renaissance erkennen, der neue Stadtteil zog vor allem wohlhabendere Bürger an. Im 19. Jahrhundert wurde das Hospitalviertel auch das Zentrum des religiösen und kulturellen Lebens der Stuttgarter Juden. 1856 wurde in der Hospitalstraße die erste Synagoge eröffnet, heute hat die Israelitische Religionsgemeinschaft ihren Sitz im Hospitalviertel, dort gibt es auch wieder eine Synagoge.

Eine zentrale Funktion misst Schwarz dem Hospitalplatz zu, von der Anlage her eigentlich nur eine etwas breitere, von Bäumen gesäumte Straße. Unmittelbar daneben steht die Ruine der Hospitalkirche, die an die Schrecken des Zweiten Weltkriegs erinnert. Nur der Chor der Kirche wurde wieder aufgebaut, auf den Ruinen des ehemaligen Klosters entstand in den 60er Jahren der Hospitalhof, zunächst ein Verwaltungsgebäude, dann, ab 1979/80, evangelisches Bildungszentrum nebst Tagungsort der württembergischen Landessynode.

Das Haus war sanierungsbedürftig wie das ganze Geviert, Ende Januar hat der Abriss begonnen, der Hospitalhof weicht einem Neubau, in dem nach einer geplanten zweijährigen Bauzeit mehrere Veranstaltungen gleichzeitig möglich sein werden. Der Hospitalshof ist die größte Baustelle des Viertels, gegenüber musste die Deutsche Bank ausziehen, davor war das Haus Sitz der Hypo Real Estate, jetzt entstehen Wohnungen.

Der Kiez Hospitalviertel, sagt Schwarz, wird geprägt sein von viel öffentlichem Raum, kleinen Plätzen, "fußläufigen Zonen". Und er soll widerspiegeln, dass Stuttgart eine internationale Stadt geworden sei mit dem höchsten Migrantenanteil aller deutschen Großstädte. Dies, sagt Schwarz, werde künftig das Viertel prägen: Kultur in ihrer ganzen Vielfalt.


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Autor: WOLFGANG RISCH | 04.02.2012

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