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Transparenz sieht anders aus

Erst 2016 wird eine Kommission der Bundesregierung mit der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle beginnen. Katholische Kirche und andere betroffene Institutionen tun sich schwer mit dem Thema.

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Als der Jesuitenpater Klaus Mertes Ende Januar 2010 an die Öffentlichkeit ging und über jahrelange Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg berichtete, brachte er eine Lawine ins Rollen, die allgemeine Empörung auslöste und nachfolgende Erschütterungen in den Kirchen, an Schulen und nicht zuletzt bei den Grünen. Pädagogen und Priester gerieten ins Zwielicht, Bischöfe mussten zurücktreten, viele Opfer überwanden ihre Scham und legten Zeugnis ab.

Die schockierenden Enthüllungen sorgten zwar für eine Debatte in Medien und Institutionen, auch gaben betroffene Einrichtungen Untersuchungen des sexuellen Missbrauchs oder - im Fall der Grünen - der Verstrickung in pädophile Rechtfertigungsstrategien in Auftrag, mit durchaus respektablen Einsichten. Doch kommt die Aufarbeitung des Missbrauch-Skandals insgesamt nur mühsam voran.

"Es reicht nicht, über Missbrauch nur zu sprechen", sagt Klaus Mertes, inzwischen Leiter des Internats Sankt Blasien im Schwarzwald, es mangele "trotz unbestreitbarer Erfolge" immer noch an Aufarbeitung, Hilfe und Entschädigung. Auch Johannes-Wilhelm Rörig, seit 2011 Unabhängiger Beauftragter der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, klagt an: "Kinder werden immer noch nicht ausreichend geschützt. Prävention muss in Kitas, Schulen, Sportvereinen und Kirchen endlich gelebter Alltag werden." Jedes Jahr werden in Deutschland rund 12 500 Missbrauchsfälle angezeigt - die Dunkelziffer ist hoch.

Die Bemühungen, Kinder und Jugendliche wirksamer vor Übergriffen durch Erwachsene zu schützen, sind vielfältig. Leitlinien an Schulen und in kirchlichen Einrichtungen wurden verschärft, Hotlines für Betroffene geschaltet, Beratungsstellen eingerichtet. Vereinzelt sah sich auch der Gesetzgeber zu Reformen und Ergänzungen veranlasst. Inzwischen fließen öffentliche Finanzmittel in Aufklärung und Fortbildung sowie in Therapiemodelle. Und doch mahnt Klaus Mertes: "Es bleiben offene Fragen, auch was den Schadenersatz angeht. Da steht eine gesellschaftliche Debatte noch an. Die muss auch im Bundestag geführt werden."

Im Blick hat der Jesuit die zahlreichen Missbrauchsopfer, die sich inzwischen teilweise zusammengeschlossen haben. Einer von ihnen ist Matthias Katsch, Sprecher der Betroffenen-Initiative "Eckiger Tisch" und ehemaliger Schüler am Canisius-Kolleg. Für ihn wäre ein direkter Kontakt zu den Bischöfen wichtig, um über geeignete Entschädigungsmaßnahmen zu reden. Derzeit zahlt die Kirche Opfern rund 5000 Euro - für Katsch nicht angemessen. Akzeptabel seien 25.000 Euro, meint er.

Auch Adrian Koerfer, einst an der Odenwald-"Reformschule" zum Missbrauchsopfer geworden, kritisiert, dass es für die Betroffenen nach wie vor keine Ansprechpartner in den Institutionen gebe. Diese Sprachlosigkeit der Verantwortlichen mache ihn und andere fassungslos: "Niemand ist uns wirklich wohlgesonnen, auch heute noch nicht." Große Hoffnungen setzen Katsch und Koerfer daher auf jene unabhängige Kommission, die im Auftrag des Bundestages die Aufarbeitung der Missbrauch-Skandale vorantreiben soll. Doch ihre Konstituierung lässt auf sich warten. Zwar gab das Parlament im Januar grünes Licht für die Auswahl von sieben Mitgliedern "aus unterschiedlichen wissenschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Kontexten". Doch vor Anfang nächsten Jahres wird das ehrenamtliche Gremium seine Tätigkeit nicht aufnehmen.

Wenigstens meldete der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung jetzt Vollzug in einem anderen Fall. Johannes-Wilhelm Rörig berief zehn Frauen und fünf Männer in einen "Betroffenenrat", der ihm fortan zur Seite steht. Damit werde die Beteiligung von Betroffenen auf Bundesebene sichergestellt, freut sich Rörig: "Das ist ein wichtiger Meilenstein für die Anerkennung Betroffener sexueller Gewalt in der Kindheit." Die Mitglieder des Beirats, der an Entscheidungen sowie Stellungnahmen zum Thema Missbrauch mitwirken soll, wurden aus rund 200 Bewerbungen von Rörig und vier Expertinnen aus dem Bundestag ausgewählt.

Rörig macht sich nichts vor: Die Aufarbeitung der Skandale wie die praktischen Folgerungen daraus stünden "erst am Anfang". Fünf Jahre, nachdem die Veröffentlichungen über die Vorkommnisse an dem Berliner Elitegymnasium die Lawine ins Rollen brachten, könne weder ein Schlussstrich gezogen noch Entwarnung gegeben werden.

Klaus Mertes, der eine große Intransparenz bei der Aufarbeitung in der katholischen Kirche und ein fehlendes Controlling bei den einschlägigen Verfahren in der römischen Glaubenskongregation beklagt, erhofft sich mehr Durchschlagskraft von der unabhängigen Aufarbeitungskommission. Die aber legt erst 2016 los.

Info: Hilfetelefon Sexueller Missbrauch 0800/22 55 530 (bundesweit, kostenfrei, anonym).

www.hilfeportal-missbrauch.de

Website des Beauftragten: www.beauftragter-missbrauch.de

Kampagne "Kein Raum für Missbrauch": www.kein-raum-fuer-missbrauch.de

"Skandal hat die Kirche verändert"

Bilanz der Bischöfe Im Januar zog die Deutsche Bischofskonferenz Bilanz zur Aufarbeitung des Skandals. "Das Thema hat die Kirche in unserem Land, aber auch weltweit verändert", erklärte der Missbrauchsbeauftragte, Bischof Stephan Ackermann (Trier). Die 27 Bistümer haben nun Präventionsbeauftragte. 8500 Gespräche führten die Mitarbeiter einer Telefon-Hotline der Kirche. Missbrauchsopfer erhalten 5000 Euro. "Zensur und Aktenvernichtung" warf dagegen der Kriminologe Christian Pfeiffer der Kirche vor und gab den Auftrag zur Aufarbeitung Anfang 2013 zurück.

Papst mahnt Klar ging Papst Franziskus auf Distanz zu Tätern. "Im kirchlichen Dienstamt ist absolut kein Platz für diejenigen, die Kinder missbrauchen", schrieb er im Februar an die Bischofskonferenzen. Im Juli 2014 empfing er von Priestern sexuell Missbrauchte im Vatikan.

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