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Behindertengerechte Architektur: "Handicap Hus" in Kopenhagen

Oft sind es Kleinigkeiten, die Behinderten das Leben erleichtern. Welche dies sein können, wird im "Handicap Hus" in Kopenhagen gezeigt. Hier leben 24 Behindertenorganisationen unter einem Dach.

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  • Hervorgehobene Flächen und Buchstaben sowie deutlich unterschiedliche Farben ermöglichen stark Sehbehinderten und Blinden an Schautafeln bessere Orientierung. Fotos (3): Hannes Gamillscheg 1/3
    Hervorgehobene Flächen und Buchstaben sowie deutlich unterschiedliche Farben ermöglichen stark Sehbehinderten und Blinden an Schautafeln bessere Orientierung. Fotos (3): Hannes Gamillscheg
  • Zwei Knöpfe - zweite Etage. Am Handlauf können Blinde und Sehbehinderte ertasten, in welchem Stockwerk sie sich befinden. 2/3
    Zwei Knöpfe - zweite Etage. Am Handlauf können Blinde und Sehbehinderte ertasten, in welchem Stockwerk sie sich befinden.
  • Der Aufzug kommt nach leichtem Fußkick. Kleine Ideen machen Behinderten das Leben oft leichter. 3/3
    Der Aufzug kommt nach leichtem Fußkick. Kleine Ideen machen Behinderten das Leben oft leichter.
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Entschlossenen Schrittes geht Thorkild Olesen auf die Treppe zu. Mit tausendmal geübten Bewegungen tastet er sich mit seinem Blindenstock an den Leitlinien entlang, die ihm den Weg weisen. Der schwarze Streifen auf dem hellen Bodenbelag würde ihm zusätzlich helfen, wenn er noch einen Sehrest hätte, doch Olesen ist völlig blind. Noppen im Boden machen ihn darauf aufmerksam, dass er bei der Treppe angelangt ist. Ein rascher Griff aufs Geländer: ein Metallknopf, den Uneingeweihte übersehen würden, sagt ihm, wo er sich befindet. Der Knopf ist eben ins Holz eingebettet. Das heißt: Erdgeschoss. Wäre das Metall etwas tiefer eingelassen, wäre der Besucher im Keller, wölbt es sich hoch, ist er im ersten Stock. Zwei Knöpfe - zweiter Stock, drei Knöpfe dritter.

Willkommen im "zugänglichsten Gebäude der Welt", wie man in Kopenhagen mit typisch dänischer Bescheidenheit das "Haus der Behindertenorganisationen" nennt, das Königin Margrethe kürzlich feierlich eingeweiht hat. Was hier auf rund 12 600 Quadratmetern errichtet wurde, ist nicht nur ein Musterbeispiel für lichtes, skandinavisches Design. Es ist auch Lehrstück für Architekten, wie man mit vergleichsweise geringem Mehraufwand ein Gebäude so einrichten kann, dass Behinderte sich dort genauso gut zurechtfinden und wohlfühlen können wie Menschen ohne Handicap. "Es gibt viele Häuser, die blindengerecht sind oder für Rollstuhlfahrer geeignet, aber irgendeine Gruppe wird stets vernachlässigt", sagt Jesper Boelsen, der Verwaltungschef des Hauses, "hier versuchen wir, allen gerecht zu werden."

Jan Jacobsen fährt seinen Rollstuhl an den Aufzug heran. Er leidet an Muskelschwund und kann seine Arme nicht gebrauchen. Doch die sind nicht nötig, um den Lift zu rufen. Er lenkt sein Gefährt zu einem in Höhe der Fußstütze angebrachten Pedal und stößt dagegen. Das ist das Signal. Der Aufzug kommt. Normalerweise müsste Jacobsen jetzt die gewünschte Etage drücken, doch der Lift ist so programmiert, dass er weiß, dass er in jedem Stockwerk anhalten muss, wenn er mit der Fußleiste gerufen wurde. Dass eine Tonbandstimme die Etagen ansagt, versteht sich von selbst. "Die Aufzugtüren öffnen sich stets auf beiden Seiten", lobt Jacobsen, "da kann man durchfahren, statt im Aufzug wenden oder rückwärts einfahren zu müssen."

"Es sind keine großartigen Erfindungen nötig, um den Behinderten das Leben zu erleichtern", sagt Boelsen. "Die Knöpfe im Geländer kosten 50 Cent das Stück, die Fußleisten beim Aufzug höchstens 100 Euro. Das kann sich jeder Bauherr leisten." Wenn man einen Bodenbelag verlegt, kann man für die Bahn in der Mitte ohne Mehrkosten eine Kontrastfarbe wählen. Doch oft wird an die Zugänglichkeit erst gedacht, wenn es zu spät ist. Dann sind die Türen zu schmal, die Toiletten unerreichbar, Höranlagen vergessen, unnötige Treppen versperren den Weg. "Das Schlimmste sind freistehende Treppen", sagt Thorkild Olesen. "Man merkt sie erst, wenn man mit dem Kopf dagegenknallt."

Ehe sie ihr Haus eröffneten, haben die dänischen Behindertenorganisationen 13 große Büroneubauten besichtigt und geprüft, kein einziger entsprach ihren Vorstellungen. Im Alltag ist es noch viel schlimmer. "In viele Läden komme ich einfach nicht rein", sagt Jan Jacobsen, und Olesen hat ein aktuelles Beispiel: "Ich kam mit dem Zug hierher, der war verspätet. Doch man vergaß, die neuen Ankunftszeiten und die Stationen durchzusagen, und ich wusste nicht, wo ich war."

Im "Handicap Hus" im Kopenhagener Vorort Tåstrup sind 24 Behindertenorganisationen vom Taubblindenverband bis zu den Autisten unter einem Dach versammelt, 300 Arbeitsplätze gibt es hier, und wer Vorrang hat, ist schon auf dem Parkplatz zu sehen: 48 Felder mit dem Behindertenzeichen blockieren die besten Plätze. "Jetzt können die anderen mal sehen, wie es ist, nach einem geeigneten Platz spähen zu müssen", grinst Jan Jacobsen, während ihm seine Assistentin in der Kantine das Mittagessen in den Mund schiebt. Die Stühle sind vielfältig, unter dem Tisch ist reichlich Platz, um mit dem Rollstuhl zufahren zu können. Auf der schwarzen Tischplatte stehen weiße Salz- und Pfefferdosen, der Kontrast erleichtert Sehbehinderten das Würzen.

Der Empfang ist in zwei Höhen eingerichtet, für die, die stehen können und für die, die im Rollstuhl sitzen. Ins Atrium fällt von oben natürliches Licht ein. "Das ist wichtig für Hörbehinderte", erläutert Boelsen. "Künstliches Licht wirft härtere Schatten und erschwert das Mundablesen." Die Architekten wollten die Grundfläche rund halten. "Für einen Blinden ist das ein Ewigkeitskreis", sagt der Hausherr. Jetzt ist das Atrium fünfkantig, mit unterschiedlich langen Seiten. "So ist die Orientierung viel einfacher." Die Wände sind in fünf starken Farben gehalten. "Unsere Ambition war, dass alle Anweisungen nur aus zwei Elementen bestehen sollen. Wenn man einem mental Behinderten sagt: jetzt gehst du nach rechts, dann die Treppe hoch, links durch den Gang und dann wieder nach rechts, dann vergisst er unterwegs, wo er hinsoll. Hier heißt es: geh zum blauen Sektor und in den zweiten Stock. Das kann er finden."

So will man nicht nur den Mietern und Besuchern eine attraktive Atmosphäre bieten, sondern auch Standards setzen für "normale" Architektur. Zugänglichkeit soll mitgedacht werden, vom ersten Entwurf an. "Das Haus hier ist auch ein politisches Projekt", sagt Boelsen. Thorbjörn Olesen ist im zweiten Stock angelangt. Auf der Hinweistafel, deren Buchstaben und Symbole plastisch erhöht sind, kann er den Weg zum gesuchten Büro problemlos handablesen. In den Räumen sind Fühler installiert, die registrieren, ob sich jemand dort befindet und das Licht regulieren. Sensoren messen CO2-Inhalt und Temperatur und steuern Heizung und Ventilation.

Und wenn der Sommer kommt, soll auch der Park vor dem Haus, der jetzt noch eine Bauhalde ist, den Wohlfühlfaktor mehren. "Oft sind Bänke so angebracht, dass Rollstuhlbenutzer davor sitzen müssen. Hier schaffen wir Platz daneben", sagt Jesper Boelsen. "Auch Behinderte wollen gerne Händchen halten."

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