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The Cure in Stuttgart machen 12.000 einfach nur „wonderf’lly happy“

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Am Ende bleiben zwei Fragen offen: Was bedeutet das Banner mit der an die TV-Serie Doctor Who erinnernden Aufschrift „Bad Wolf“, das hinter The-Cure-Bassist Simon Gallup an einer Box prangt? Und was ist das für ein orangefarbener Drink, den sich Frontmann Robert Smith alle paar Songs in die Kehle kippt?

Wünsche hingegen lässt die seit 40 Jahren bestehende britische Kultband The Cure am Sonntag bei rund 12.000 jubelnden Fans in der Stuttgarter Schleyerhalle keine offen. Das wäre ja auch gelacht, nach 155 Minuten Spielzeit – mit 30 Songs, einem Querschnitt durch fast alle 13 Studioalben und zahlreichen Hits zwischen „Boys Don’t Cry“ (1979), „Pictures Of You“ (1989), „Let’s Go To Bed“ (1993) und „The Hungry Ghost“ (2008).

Die Show mit Live-Übertragung auf einen Riesenbackdrop und songtextlich passenden Visuals macht den vier am vorderen Bühnenrand platzierten Protagonisten – Reeves Gabrels an der Gitarre, Robert Smith an Gitarre und Mikro, Simon Gallup am Bass, Roger O’Donnell an den Keyboards – und ihrem Drummer Jason Cooper keine Konkurrenz. Auch Bühnenansagen lenken nicht vom Eigentlichen ab – wunderbar melodische, meist melancholisch-epische Rocksongs. Doch bei aller Vielfalt und Qualität des Materials: Erst bei den älteren Stücken gegen Schluss kommt das Marathonkonzert richtig in Schwung.

Nun ist The Cure nicht nur eine Band, deren Musik man auch als konsequenter New-Wave-Party-Verweigerer kaum nicht kennen kann – höchstens ist einem vielleicht nicht bewusst, dass „Lullaby“, „Friday I’m In Love“ oder „The Lovecats“ von The Cure stammen. Das Quintett gehört darüber hinaus zu den
Archetypen einer als Gruftis bezeichneten Spezies. Anhänger dieser Gothic-Szene finden sich noch immer – auch beim Konzert in Stuttgart. Sie tragen gern bodenlange Samtroben, drücken seelische Befindlichkeiten mit dem Durchmesser dunkler Ringe um ihre Augen aus, leiten Gefühlswallungen nach innen und rocken grundsätzlich nicht ab.

Entsprechend trägt ihr Anführer Robert Smith traditionell Schwarz, dunklen Kajal, roten Lippenstift und eine auftoupierte Wischmop-Frisur. Der seit einigen Jahren recht korpulente 57-Jährige ist zwar ein Mann mit bewegter (Drogen-)Vergangenheit, aber auch ein Live-Profi, der seine Kräfte einzuteilen vermag. Und so richtet der kultisch verehrte Sänger erstmals nach gut 40 Minuten das Wort ans Publikum.  Eher wenig verständlich.

Simon Gallup, der 56-jährige Basser, erinnert mit hochgegelter Rockabilly-Tolle und Iron-Maiden-Shirt an die Punk- und Rock-Wurzeln dieser musikalischen Kur-Schatten. Er hat die Bewegungshoheit an diesem Abend für sich gepachtet. Die restlichen Bandmitglieder entsprechen eher den per wackliger Hand-Infrarot-Kamera eingefangenen Pro­tagonisten im Hintergrund-Film zum wuchtigen „A Forest“: Sie stehen stille. Und tun vor den jeweiligen Monitorboxen und Mikros gewissenhaft ihre Arbeit.

Vor dem dritten, finalen Zugabenblock klärt Smith die zweite der eingangs erwähnten Fragen immerhin ansatzweise auf: „Ihr habt ja meine Stimme heute Abend gehört.“ Bei jedem Versuch, in höhere Gefilde vorzudringen, sage die „Nein“. Da die Stil­ikone dennoch problemlos die meisten stimmlichen Höhen zu meistern scheint, befinden sich in den Bechern hinter der Stern-Gitarre wahrscheinlich in Gin aufgelöste Strepsils-Halstabletten.

Beim letzten Stück, dem ultraschnellen, twistigen „Why Can’t I Be You?“, schließlich bewegt sich auch der Frontmann, wippt im Rhythmus mit dem Bein. Und scheint richtig Spaß zu haben.

Ganz nah an den Fans

Um kurz vor elf verlässt Robert Smith gar seinen Platz am zentralen Mikro. Er lächelt, winkt, liest ein ihm von Fans zugeworfenes Geschenk auf, bleibt als letzter auf der Bühne zurück und tritt ganz nah an seine Anhänger: „See you again soon, thank you.“

Das sind fast mehr Worte, als er in den zweieinhalb Stunden zuvor geäußert hat. Das macht Hoffnung, dass die aktuelle The-Cure-Retrospektive durch 30 Städte in 17 europäischen Ländern nach längerer Live-Abstinenz doch nicht die letzte Tour der Gothic-Helden war. Und das macht auch den allerletzten der Anwesenden in Anlehnung an den Text zum 83er-Hit „The Lovecats“ einfach wonderf’lly, wonderf’lly, wonderf’lly wonderf’lly – happy.

Bandgeschichte Der 17-jährige Gitarrist Robert Smith gründete mit drei Mitschülern 1976 im südenglischen Crawley die Gruppe Malice. Die nannte sich 1978 in The Cure um – mit Smith als Kopf, Komponist und Sänger. Das erste Album, „Three Imaginary Boys“, erschien 1979. Mit „Disintegration“ 1989 und „Wish“ 1992 veröffentlichten The Cure ihre bis heute größten Hits: „Friday I’m In Love“ und „Lullaby“.

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