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Manche treiben’s bunt beim „Colours“-Tanzfestival in Stuttgart

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Intensive Körperschlacht: „Battleground“ von Louise Lecavalier ist ein Höhepunkt des „Colours“-Festivals.  Foto: 

Im Herbst sind es zehn Jahre. So lange leistet sich das Stuttgarter Theaterhaus mit Gau­thier Dance eine eigene Tanzsparte, die nicht nur in der Landeshauptstadt für Furore sorgt, sondern längst auch international  gefragt ist – des Stuttgarter Balletts kleiner frecher Bruder.

Inzwischen holt man sich mit dem „Colours“-Festival auch internationale Gäste ins Haus.  Als bei der Eröffnung auch der letzte Premiumpartner aus der heimischen Wirtschaft willkommen geheißen war, verkündete ein wiederum supercooler Prince Charming  („Hi everybody – ich bin Eric“), man werde mit dieser Neuauflage des Festivals noch mehr aus dem Theaterhaus  in die Stadt streben.  Und so treiben es Tanz-Kurator Eric Gauthier und die Seinen auch drunten bunter denn je, drängen mit „Colours in the City“ auf den Markt- und den Schlossplatz oder gleich ins Rathaus (Gauthier: „Dem Fritz sein Haus“), gehen in die Stadtbibliothek und demnächst sogar in den Skatepark. Und sind am „Colours Kids Day“ im Wilhelma-Zoo. Ob dann wohl auch die Bonobo-Affen HipHop tanzen“

Keine Frage,  Gauthier und sein Festival verstehen es, die Menschen zu bewegen. Die benachbarte Hausbank spendiert für jeden gefilmten Bürger-Move im Theaterhaus-Foyer fünf Euro für einen guten Zweck, und bis hin zum VfB-Stürmerstar Simon Terodde moven und grooven alle gerne mit. Und wie sieht‘s bei den anderen Profis aus?

Zuerst einmal: „Romeo und Julia“, der Klassiker. Für Christian Spuck  ist der Auftritt im Theaterhaus praktisch ein Heimspiel.  17 Jahre hat Spuck in Stuttgart verbracht, erst als Tänzer, dann als Hauschoreograf. Ausgerechnet mit „Romeo und Julia“ begann er vor fünf Jahren seine Zürcher Ballett-Intendanz. William Moore und Katja Wünsche, die dortige Bestbesetzung, gehörten ebenfalls lange zur Solistengarnitur  des Stuttgarter Balletts, „Graf Paris“ Tars Vandebeek tanzte wiederum  bei Gauthier Dance, wo Spuck mit „Poppea/Poppea“ reüssierte.

Ähnlich spartanisch wie damals bleibt wieder die Ausstattung. Ein paar zusammengerückte Tische reichen als Anmutung einer Totengruft, allerdings illuminiert von einer Kerzenwand als äußerstes Bühnenbild-Zugeständnis. Dazwischen wird getanzt. Beziehungsreich, anspielungswillig, vor allem in Richtung des Vorbilds John Cranko, dessen Version der Shakespeare-Tragödie gerade in Stuttgart als Maß aller Dinge gilt. Und an der Spuck sich abarbeitet, indem er sie auch erklärtermaßen weiterdenkt.

Frenetisch gefeiert

Spuck schaut außerdem genau hin, wie die beiden jungen Leidenschaftlichen in der sich düster kasteienden Adelskaste hin- und hergezogen (aber auch abgestoßen) werden. Dabei sind es oft diese kleinen Gesten, die sich der Choreograf woanders abguckt: Wie etwa der stenzig-steife Graf das „dumme Ding“, das er zu heiraten gedenkt, ans Kinn stupst, oder wie sich das Liebespaar im gegenseitigen Erkennen übers Gesicht streicht. Wer denkt da nicht an John Woos Actionthriller „Im Körper des Feindes“?

In Stuttgart wird „Romeo und Julia“ aus Zürich fast erwartungsgemäß frenetisch gefeiert, selbst wenn es sicherlich Aufregenderes zu entdecken gibt. Vorneweg Helena Waldmanns Stück „Gute Pässe, schlechte Pässe“: beklemmend aktuell, nachdem das Trump-Amerika gerade strengere Einreise-­Regularien für faktisch jedermann verkündet.

Auch bei Waldmann wird tüchtig sortiert und selektiert: Wer ist vorbestraft, wer zahlt seine Steuern? Wer liebt seine Heimat, wer versucht unbefugt die Demarkationslinie zu übertreten? Hier trifft ein Tanzensemble auf Grüppchen topfitter Artisten und Äquilibristen, die bis zur physischen Erschöpfung Zirkus-Kunststückchen und Breakdance-­Flicflacs vollführen und doch nie ganz dazugehören. Verstärkend zitiert die Choreografin  ikonografische Gruppenstandbilder herbei wie das berühmte Flaggenhissen der US-Truppen in Japan, Goyas Prado-Gemälde von der Rebellen-Erschießung oder auch eine schöne Kreuzabnahme. Ein überaus starker, grenzüberschreitender Salto mortale zur Festivalmitte.

Und dann ist da noch Louise Lecavalier. Mitbegründerin der kultigen Avantgarde-Performancetruppe LaLaLa Human Steps. Längst unternimmt die 58-Jähige ihre eigenen Schritte. Das nicht mehr ganz so jugendfrische Alter muss aber schon deshalb erwähnt werden, weil es keinerlei Rolle spielt. Denn Lecavalier liefert sich mit ihrem erweiterten Solo „Battleground“ tatsächlich eine unglaubliche intensive Körperschlacht in erster Linie mit sich selbst, aber auch mit der sugges­tiven Livemusik des Multi-­Soundcheckers Antoine Berthiaume und dem sich hinzugesellenden Tänzer Robert Abubo.

Es ist ein völlig neues Bewegungsvokabular des In-sich-Hineinfühlens, das die beiden exzessiv nach außen stülpen. Und das mit einem wahnwitzigen Drive, als müssten sie die Einfälle für dreieinhalb Stunden in dieser einzigen Stunde unterbringen. Tanz auf der Reset- und der Schnelllauftaste zugleich. Ganz großartig.

Tanz Das „Colours“-Festival im Stuttgarter Theaterhaus mit 21 Produktionen in drei Wochen geht jetzt noch bis einschließlich 23. Juli. Es gibt noch Karten, seit einige Kontingente wieder freigeworden sind.  Zu dem  Etat, der  etwa 1,8 Millionen Euro beträgt, steuern  Sponsoren rund die Hälfte bei. Vom Rest müssen 500 000 Euro selber eingespielt werden, was angesichts der sehr guten Auslastung  auch gelingen dürfte. Die weitaus meisten der mehr als 18 000 Karten sind verkauft. wit

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