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Chuck Berry ist tot: Musik für das Weltall

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Schreiben kann er nicht, lesen nur so lala, und doch ist er einer der Kulturbotschafter der Menschheit: Johnny B. Goode. Seit dem 5. September 1977 ist die Raumsonde Voyager auf ihrem Weg ins benachbarte Sonnensystem. Und neben Werken von Mozart, Bach und Beethoven ist auch Chuck Berrys Hit über diesen Helden vertreten, der die Gitarre spielt „just like ringing a bell“. Und noch eine gute Nachricht verbreitet „Johnny B. Goode“ in der Galaxie: Auch Wesen, deren Bildung eher rudimentär ist, können ganz Große werden – wie jener Charles Edward Anderson „Chuck“ Berry, der am 18. Oktober 1926 in St. Louis geboren wurde und jetzt im Alter von 90 Jahren ganz in der Nähe gestorben ist.

„Chuck Berry ist nur ein anderer Name für Rock ‘n‘ Roll“, sagte ein anderer ganz Großer: John Lennon. Die Beatles coverten Berry gleich zweimal auf ihren offiziellen Alben „Rock ’n’ Roll Music“ und „Roll over Beethoven“. Die Band hatte aber jede Menge Berry-Songs im Repertoire, die sie in den frühen 60ern auch gern in den Radio-Shows der BBC spielten. Und der 1980 ermordete Lennon bekam post mortem Recht: Berry war 1986 der erste Musiker in der Rock ’n’Roll Hall of Fame.

Berry hatte schon in der High School gesungen und Gitarre gespielt. 1952 begann er aufzutreten, zuerst vor einem rein schwarzen Publikum. Doch es sprach sich herum, dass im Cosmopolitan Club in St. Louis ein „schwarzer Hillbilly“ auftrat, und schon bald war fast die Hälfte der Zuschauer weiß.

1955 reiste Berry nach Chicago, um dort Blues-Größen wie Howlin’ Wolf, Elmore James und Muddy Waters  zu hören – und um Demobänder aufzunehmen. Waters empfahl Berry, es bei Chess-Records zu versuchen. Am 21. Mai nahm Berry „Maybellene“ auf, sein erster Hit, der erste von einem guten Dutzend, die heute zum Kanon der Rockmusik gehören. Die Zutaten waren einfach: Das berühmte Chuck-Berry-Riff, der „Duck Walk“, den er erfunden haben will, um von den Falten seines Anzugs abzulenken. Sein Songwriting: genial, aber auch ganz schön geklaut. Obwohl Berry Dutzende von Hits schrieb, sagen selbst seine Sympathisanten über ihn, dass er eigentlich nur zwei eigenständige Songs komponiert habe: einen zwölftaktigen Rythm-Blues wie „Roll Over Beethoven“ und „Jonny B. Goode“ und ein an Countrysongs angelehntes Grundschema wie „Sweet Little Sixteen“ und „You Never Can Tell“.

Doch Berry war erfolgreich – vielleicht auch zu erfolgreich für ein weißes Establishment, dem der Rock ’n’ Roll eines Elvis Presleys schon unheimlich war! Aber ein erfolgreicher Schwarzer? 1959 geriet Berry mit der Justiz in Konflikt. Sein Vergehen: Er hatte eine Minderjährige als Garderobiere in seinem Club angestellt. Weil er sie dabei über eine Staatsgrenze gebracht hatte, wurde er wegen Verstoßes gegen ein Bundesgesetzt, den  Mann Act, verurteilt. Der Erste, der wegen dieses Delikts 1910 verurteilt worden war, war auch ein populärer Schwarzer: Schwergewichtsweltmeister Jack Johnson, dessen Kämpfe Rassenunruhen auslösten. 1944 war auch der wegen seiner linken Ansichten missliebige Charlie Chaplin wegen des Mann-Acts angeklagt worden.

Nach seiner vorzeitigen Freilassung orientierte sich Berry in Richtung Europa, wo seine Songs von erfolgreichen Beatbands gerne gecovert wurden, was sich auch in seinen Alben niederschlug: 1964 nahm er „St. Louis To Liverpool“ auf. 1972 kam sein meistverkauftes Album heraus, die Single-Auskoppelung „My Ding-A-Ling“ war sein erster Nummer-eins-Hit, wurde aber von einigen Radiosendern nicht gespielt, weil der Text massive sexuelle Anspielungen enthielt. Doch da war der Stern des Musikers längst am Sinken.

In Europa trat Berry mit wechselnden einheimischen Begleitbands auf, mit denen er nie probte, das Niveau der Konzerte schwankte bis ins Desaströse. So demontierte sich Berry allmählich selbst. Was bleibt, sind seine Songs, die anderen Interpreten zu weitaus mehr Ruhm verholfen haben als dem Vater des Rock ’n’ Roll. Und davon gibt es jetzt posthum mehr. Berry hatte vergangenes Jahr nach 38 Jahren wieder ein Album aufgenommen. Es ist seiner Frau Themetta Berry gewidmet, mit der er fast 69 Jahren verheiratet war. Es soll im Laufe des Jahres erscheinen.

Reaktionen Viele Kollegen betrauern den Tod des Musikers: „Ich bin so traurig zu hören, dass Chuck Berry gestorben ist“, schrieb Rolling Stones-Sänger Mick Jagger bei Twitter. „Ich möchte mich bei ihm für all die inspirierende Musik bedanken, die er uns gegeben hat. Er hat Licht in unsere Teenager-Jahre gebracht und uns davon träumen lassen, Musiker zu werden.“

Ewige Hitliste Seine Songs zählen zum Besten, was der Rock hervorgebracht hat. Das Magazin „Rolling Stone“ listete einmal die größten Stars und die besten Songs aller Zeiten auf. Chuck Berry rangiert dort bei den Gitarristen auf Platz sechs, bei den 500 besten Songs kam „Johnny B. Goode“ auf Platz sieben, Maybellene auf 18, Roll „Roll Over Beethoven“ auf 97, „Rock and Roll Music“ auf 128, „Sweet Little Sixteen“ auf 272 und „Brown Eyed Handsome Man“ auf 374. Unter den besten Gitarren-Nummern nimmt „Johnny B. Goode“ gar den Spitzenplatz ein.

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