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Wenn's den Schafen an die Wolle geht

Wolle runter in nur 40 Sekunden: Bei der Schafschurmeisterschaft am 20. und 21. August scheren die Profis insgesamt rund 450 Schafe. Ein Vorgeschmack samt Video:

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Ein lautes Surren tönt durch den Schafstall von Karin Wiedenmann, abgelegen am Nattheimer Ortsrand. Zwischendurch wird es immer wieder durch ein kurzes Blöken unterbrochen, oder es rumpelt mal, wenn eines der Schafe mit seinen Vorderfüßen auf den Boden stampft. Dafür aber, dass die Tiere innerhalb weniger Minuten ihre komplette Wollpracht verlieren, läuft die Schur doch relativ ruhig ab.

„Das tut ihnen nicht weh, es ist wie beim Haare schneiden. Wenn sie zappeln, dann nur, weil sie kitzlig sind“, erklärt Anette Wohlfarth, Geschäftsführerin des Landesschafzuchtverbandes Baden-Württemberg. Und an ihre Schafe lässt Karin Wiedenmann schließlich nicht irgendeinen Friseur. Mit Emanuel Gulde aus Salem, dem gebürtigen Heidenheimer Felix Ridel und Christian Zill aus Heilbronn sind wahre Profis am Werk – Gulde ist deutscher und baden-württembergischer Meister im Schafscheren, Ridel baden-württembergischer Vizemeister und Drittplatzierter bei den deutschen Meisterschaften. Alle drei werden auch am 20. und 21. August vor Ort sein, wenn auf dem Hof von Schäferin Wiedenmann die baden-württembergische Schafschurmeisterschaft ausgetragen wird.
 


 

„Wenn die Schermaschinen angehen, ist das für mich wie das Motorheulen bei der Formel 1“, sagt Schäferin Wiedenmann. Für sie ist die Schafschur das höchste im Jahr, weshalb sie gerne bereit ist, ihren Hof mit 850 Muttertieren als Veranstaltungsort bereit zu stellen und das Event gemeinsam mit dem Landesschafzuchtverband zu stemmen. Zwei Tage, 450 Schafe und rund 30 Scherer, von denen der jüngste 18 Jahre und der älteste 55 Jahre alt ist. Neben den Vorläufen, dem Halbfinale und Finale gibt es zusätzlich einen Länderwettkampf, bei dem die aus allen Ländern zugereisten Scherer antreten können. Die Bewirtung und musikalische Unterhaltung übernimmt der Musikverein Nattheim, außerdem wird ein kleiner Markt aufgebaut sein und die Besucher können beim Schauhüten zusehen. „Schafschur ist das eine, aber beim Wettbewerb ist es ein ganz anderes Feeling, mit den Zuschauern, der Rockmusik und allem drum herum“, so Wohlfarth.

Dass die Schafschur an sich gängige Praxis und sogar notwendig ist, ist klar. Aber als Wettbewerb? Wenn man pro Schaf teils nur 40 Sekunden benötigt? Da gibt es durchaus kritische Stimmen. Tierschützer der Peta beispielsweise mahnten bereits in der Vergangenheit den enormen Stress für die Tiere an und die Verletzungen, zu denen es kommen könne.

„Davon distanzieren wir uns komplett“, so Wohlfarth. Für die im Verband organisierten Scherer gebe es regelmäßig Fortbildungen, und außerdem zähle im Wettbewerb nicht an erster Stelle die Zeit, sondern die Sauberkeit und der Umgang mit den Tieren. Verletzungen hingegen führen zu Strafpunkten bis hin zur Disqualifikation. „Es hilft uns ja nur selbst, wenn wir so sanft wie möglich mit den Schafen umgehen. Ansonsten werden sie bockig und zappeln“, sagt auch Ridel. Gerade durch die Meisterschaften habe sich die Qualität in den vergangenen Jahren enorm verbessert.

Baden-Württemberg als Land der Schafscherer – dass es diesen Titel durchaus verdient, zeigen die Zahlen: Über 60 im Verein organisierte Schafscherer, 216 000 Schafe und 2300 Schafhalter mit 20 oder mehr Tieren, wobei davon rund 140 hauptberuflich als Schäfer arbeiten. Dennoch ist die Schafhaltung hier in den vergangenen fünf Jahren um 30 Prozent zurückgegangen. „Der Wettbewerb soll vor allem dazu dienen, der Bevölkerung die Schafhaltung, die Schafschur und die wirtschaftliche Situation nahe zu bringen“, sagt Wohlfarth.

Konnte ein Schäfer bis in die 70er Jahre noch vom Wollerlös leben, ist man davon heute weit entfernt. „Die Schurkosten liegen pro Schaf bei 3,40 Euro, der Erlös bei etwa 3,20 Euro“, so Wohlfahrt. Nicht weiter verwunderlich, dass deshalb nur noch rund zwei Prozent der Einnahmen aus dem Wollverkauf stammen, 39 Prozent hingegen aus dem Lammfleischverkauf und 59 Prozent aus der Landschaftspflege. „Ich schaue bei meinen Zuchtböcken trotzdem auf die Wollqualität. Ich hab die Hoffnung nicht aufgegeben“, so Wiedenmann, die den Hof in sechster Generation führt. Speziell für die Meisterschaft hat die Schäferin den Werner-Wiedenmann-Gedächtnispreis ins Leben gerufen, als Andenken an ihren verstorbenen Bruder: „Auch er hat immer sehr viel Wert auf eine saubere Schur und hohe Qualität gelegt.“

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