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Wenn eine Orgel Atem holt

Seit 30 Jahren erklingt die Orgel der katholischen Kirche Mariä Himmelfahrt in Sontheim. Nun braucht das gewaltige Instrument eine Pause, damit ihm nicht die Puste ausgeht.

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Auf die Musik musste man einst fünf Jahre warten: 1985 wurde in der im Jahr 1980 errichteten Mariä Himmelfahrt-Kirche durch den Augsburger Orgelbaumeister Rudolf Kubak eine 19 Register umfassende Orgel eingebaut. Sie gilt unter allen Instrumenten als die Königin. Und die pflegen gelegentlich auch einmal zu kränkeln und brauchen den „Doktor“.

„Überfällig“ nannte Orgelbaumeister Dirk Banzhaf die jetzt begonnene Generalüberholung dieser mittelgroßen Orgel. Die Arbeiten dauern bis Anfang Juli.

Unter „mittelgroß“ versteht der in Bergenweiler beheimatete Orgelbaumeister Dirk Banzhaf die Relation zum eigentlichen Kirchengebäude in der Sontheimer Ortsmitte. Diese Orgel umfasst 19 Register und 1060 unterschiedliche Orgelpfeifen. Haupt- und Schwelwerk dazu das Pedal umfasst die zweimanualige Orgel.

Das Gehäuse wurde durch Rudolf Kubak aus Eschenholz gefertigt, was als sehr ungewöhnlich gilt und besonders schön aussieht in der katholischen Pfarrkirche mit ihrem Klinkermauerwerk und dem ungewöhnlichen Kreuzweg.

Vorgesehen sind im Zuge der grundlegenden Sanierung auch eine Klanganpassung und eine -klanganhebung der Orgel. „Für ihr Alter von 30 Jahren ist das Instrument erstaunlich gut erhalten“, sagte Dirk Banzhaf. Hervorragende Materialien seien verarbeitet worden. Beste Materialien: Für 30 Jahre ist die Orgel gut erhalten Allerdings ist dem Kirchenraum geschuldet, dass die Orgel als solches in der Anordnung der Pfeifen und Register nur wenig Raum hat und folglich ein ganz schönes Herumturnen auf einer hohen Bockleiter nötig ist, um auch die letzten Pfeifen entnehmen zu können. Die längsten Pfeifen aus Orgelmetall sind drei Meter lang und wiegen jeweils um die 20 Kilogramm. Bei der jetzigen Generalüberholung der Orgel geht es zunächst einmal darum, abgenutzte Teile zu ersetzten, Staub und anderes aus den Orgelpfeifen zu beseitigen. Da sammelt sich eine Menge an, weiß Banzhaf zu erzählen. Er und seine Berufskollegen sehen daher den Zeitraum, innerhalb dessen so eine Sanierung vorgenommen werden sollte, im Zeitfenster von 15 bis 20 Jahren. Prospektpfeifen mögen keine Fingerabdrücke Nach den Pfeifen wird die gesamte Technik auf Herz und Nieren geprüft. Die Trakturen, über die die Luftzufuhr zu den Orgelpfeifen geöffnet oder geschlossen wird, nutzen sich mit den Jahren ab. Es bleibt also viel zu tun. Die Prospektpfeifen müssen besonders gereinigt werden, befanden sich doch auf deren Oberfläche viele (fettige) Fingerabdrücke, die dem Orgelmetall zusetzen können. Vermutlich kommen die Fingerabdrücke daher, dass in dem Bereich der Orgel im Laufe vieler Jahre von außen Säuberungsarbeiten ausgeführt wurden. Die Sanierungskosten bezifferte Dirk Banzhaf auf 30 000 Euro.

Er plaudert über die Orgel als Instrument und die hohe Handwerkskunst, die dabei zur Geltung kommt. Drei verschiedene Pfeifenarten in unterschiedlicher Größe finden sich in einer Orgel. Die offene Labialpfeife kennt jedes Kind. Ein Teil dieser Pfeifen bilden den Orgelprospekt: Das ist sozusagen die Schokoladenseite einer Orgel. Hinter dem Prospekt finden sich die übrigen Pfeifen. Die gedackte Labialpfeife ist aus Holz und ist nicht rund, sondern hat einen quadratischen Grundriss der Pfeifenkörper. Die Lingualpfeife sieht gar nicht aus wie eine „normale“ Orgelpfeife, ist aber auch aus Metall. Umgangssprachlich würde man eine „Tröte“ als Vergleich nehmen.

Für Holzpfeifen werden in der Regel Eiche, Nadel- oder Obstgehölze, vereinzelt aber auch exotische Hölzer, verarbeitet. Diese Pfeifen sind mit Leim ausgekleidet, da Holz bekanntlich zu Rissbildung neigt. Undichtigkeiten würden die Tonerzeugung beeinträchtigen. Die Metallpfeifen bestehen aus Blech, das um eine Form rund gebogen und dann die beiden Hälften zusammengelötet werden. Das Orgelmetall ist eine Legierung aus Zinn und Blei und wird als dünne Platten gegossen.

Wer sich in die Kunst des Orgelbaues vertieft, stößt darauf, dass es dort sogar eine „Kernspalte“ gibt. Das hat nichts mit Atomkraft zu tun sondern beschreibt die scharfe Kante, auf die die Luft bei einer Holzpfeife trifft und sozusagen den Ton zum Klingen bringt. Und bei den gedackten Pfeifen ist der Pfeifenkörper oben mit einem mittels Filz abgedichteten Deckel versehen. Die Metallpfeifen sind hingegen nach oben offen und damit auch anfällig für Schmutz und Dreck und abgestürzte Insekten. Bei der Überholung dieser Labialpfeifen wird zunächst behutsam mit Pressluft die Reinigung vorgenommen und dann die Pfeife ins Reinigungsbad gelegt.

Die Länge wie auch der Durchmesser der Pfeifen bei den Labialpfeifen bestimmen die Tonhöhe und reichen von wenigen Zentimetern bis zu einigen Metern. Eine Orgel umfasst den Klang ganz unterschiedlicher Instrumente und ist von daher für den Orgelspieler von besonderem Reiz bei der Begleitung von Messfeiern oder bei Konzerten oder freiem Improvisieren. Die Überholung wird man hören können Die Orgel erhält eine neue Klangfarbe und auch Lautstärke. Mit den Jahren, so Banzhaf, ändern sich die Vorstellungen, wie eine Kirchenorgel klingen soll. Das Stimmen des Instruments ist eine Wissenschaft für sich, denn – wie beim Glockengeläut – werden die Pfeifen in den Registern auch unter einander aufeinander abgestimmt. Übrigens spielt das Alter einer Pfeife beim Orgelklang keine Rolle: Nicht das Material der Pfeife, sondern die Luft darin bringt den Ton hervor.

 

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