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Waldarbeiter: So sägen die Profis

Präzision mit der Motorsäge: Redakteur Jens Eber besucht die Nationalmannschaft beim Training für die Deutschen Meisterschaften der Waldarbeiter in Ochsenberg - und schlägt sich gar nicht mal so übel.

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Ein Sonntagmorgen im Wald bei Ochsenberg. Als Kontrast zu den frischen, grünen Blättern der Buchen stapfen Männer in leuchtend orangefarbenen Sicherheitshosen und Helmen umher, tragen schwere Motorsägen oder Winkelmesser und Stoppuhren. Und wenn in ihrer Nähe eine Säge loskreischt, greifen sie sich routiniert an den Kopf und drücken ihren Gehörschutz fest an die Ohren.

Wir sind beim Training einiger der besten Waldarbeiter des Landes. Es sind zu diesem Zeitpunkt noch etwas mehr als drei Wochen bis zur deutschen Meisterschaft der Waldarbeiter in Ochsenberg. Markus Wick, Teamchef der Nationalmannschaft, und der Technische Leiter Wolfgang Junglas üben mit den „Waldsportlern“ an Details der Wettkampfdisziplinen. Und jetzt will auch noch ein Reporter zur Säge greifen.

Wenn man als Journalist an Ideen brütet, kommt manchmal ein Gedanke daher, der so verlockend erscheint, dass man sofort ein paar Mails schreibt, telefoniert und die Geschichte aufs Gleis hebt. Danach kann es passieren, dass man denkt: Bist du eigentlich deppert!?

So geht es mir jetzt. Ich stehe in meiner Schnittschutzhose, in schweren Stiefeln und mit einem Helm auf dem Kopf zwischen amtierenden Landesmeistern, deutschen Meistern und Weltmeistern, um einige ihrer Wettkampfdisziplinen auszuprobieren.

Äste absägen - möglichst flott

Die Teamchefs und der amtierende Vize-Landesmeister der Junioren, Marc Hald, kommen aus Gerstetten, Ulrich Ruoff aus Königsbronn. Alle, die heute trainieren, gehören zum Verein Waldarbeitsmeisterschaften Baden-Württemberg, der seit 20 Jahren aktiv ist. Die Waldarbeit ist in der Region tief verwurzelt. Also will ich mir diesen so lauten wie schweißtreibenden Sport einmal ganz nah anschauen. Und jetzt habe ich in der dicken Hose weiche Knie.

Ulrich Ruoff geht mit mir an den Start der Entastung. 2014 war er Dritter bei den Landesmeisterschaften in der Profiklasse. Vor jedem von uns liegt ein aufgebocktes Stammstück mit dreißig gleich dicken, in Bohrungen eingeschlagenen „Ästen“. Unsere Aufgabe: Die Äste absägen – eben am Stamm und möglichst flott. Das genaue Regelwerk des Bundesvereins Waldarbeitsmeisterschaften Deutschland umfasst allein für diese Disziplin zehn Seiten. „Die Schnellsten schaffen das in zehn Sekunden“, hatte Wolfgang Junglas vorher gesagt. Das sind drei Äste pro Sekunde.

Markus Wick gibt das Startzeichen per Hand. Die ersten drei Äste erwische ich recht schnell und halbwegs sauber, beim vierten bleibt ein daumenbreiter Stummel stehen. Ich schneide nach und habe ein paar Sekunden verloren. Aus dem Augenwinkel sehe ich Ruoff schon ein paar Meter vor mir. Seine Säge ist längst ausgeschaltet, als ich im Ziel bin.

Einen Großteil der Äste habe ich nicht sauber genug abgesägt, dafür mehrmals den Stamm angekratzt. Minuspunkte. Und die Zeit? Na ja. Dazu kommt noch die Todsünde: „Du bist mindestens vier Mal mit laufender Kette gegangen“, sagt Markus Wick und zwinkert. Unter dem Sicherheitsaspekt geht es in der Waldarbeit fast nicht schlimmer.  Im Wettkampf bräuchte ich mir schon allein deshalb auf einen Podestplatz keine Hoffnungen mehr zu machen.

Mehr als wilde Männer

Der Gussenstadter hat selbst Dutzende Male aktiv an Meisterschaften teilgenommen. Seit 2011 ist er Teamchef der deutschen Nationalmannschaft, zuvor war er seit 1999 technischer Leiter. Im Alltag leitet der Forstwirtschaftsmeister Auszubildende und  Meisteranwärter am Forstlichen Bildungszentrum in Itzelberg an.
„Wettbewerbe gibt es, seit es Waldarbeit gibt“, sagt der 43-Jährige. Egal, ob es darum ging, wer am schnellsten auf den Baum klettern konnte, oder wer als Erster einen Baum mit der Axt gefällt hatte – Wettbewerb musste sein. Jungs eben.

Seit einigen Jahren werden die Wettbewerbe auf immer professionellere Beine gestellt: Die Forstwirte messen sich nicht mehr in der Mittagspause miteinander, sondern bei Berufswettbewerben bis hin zu Weltmeisterschaften, die immer häufiger auch von den großen Sägenherstellern unterstützt werden. Einige der Trainierenden sind „Werksfahrer“ von Husqvarna, werden vom Unternehmen mit Sägen und Material versorgt.
Wick legt aber Wert auf die Feststellung, dass es sich bei den Waldarbeitsmeisterschaften nicht um showträchtige Veranstaltungen handelt, bei denen wilde Männer den starken Max markieren.

Sämtliche Disziplinen entspringen der täglichen Praxis in der Waldarbeit – und die gehört zu den gefährlichsten Arbeiten überhaupt. Nicht nur private Brennholzsäger tauchen immer wieder in den Nachrichten auf, wenn sie sich bei der Waldarbeit schwer verletzt haben, auch Profis erleiden Unfälle. Kein Wunder, dass bei Aus- und Fortbildung der Waldprofis höchster Wert auf Sicherheit gelegt wird. Und kein Wunder, dass sich die Wettbewerber die meisten Minuspunkte einhandeln, wenn sie Sicherheitsregeln missachten.

Die Königsdisziplin im Wettbewerb ist das Zielfällen, bei dem ein Baum auf einen in 15 Metern Entfernung eingeschlagenen Pflock gefällt werden soll. Wer den Pflock trifft, hat allerdings noch längst nicht alle Punkte: der übrigbleibende Wurzelstock wird exakt vermessen, die Toleranz liegt im Bereich weniger Millimeter. Die Forstwirte müssen mit geradezu chirurgischer Präzision sägen – allerdings nicht mit dem Skalpell, sondern einer PS-starken, heftig vibrierenden Motorsäge mit einigen Dutzend frisch geschärften Zähnen.

Ein eingeschworener Haufen

Die Mannschaft ist ein eingeschworener Haufen. Sie werfen sich freundschaftlich-spöttische Bemerkungen zu, wirft aber einer von ihnen die Säge an, schauen sie gebannt zu. „Das sind alles Verrückte“, sagt Wolfgang Junglas mit dem Stolz eines Lehrers, der einer Rasselbande Jungs Lesen und Schreiben beigebracht hat. Seit 1992 ist der 51-Jährige Ausbilder am Hauptstützpunkt Wental in Bartholomä, wo seit 1987 die Forstwirte des Landkreises ausgebildet werden. Einige der Kadermitglieder hat er einst beim ersten Anwerfen der Motorsäge begleitet. Als erfahrener Wettkämpfer kennt er die Tricks, wie etwa die Ketten für die Entastung perfekt geschärft werden, er weiß, wie stark er Gas geben muss, damit die Säge das Holz wie Butter durchtrennt.

Wie jeder Sport, ist auch die Waldarbeit auf diesem Niveau nicht zuletzt eine Frage der besseren Nerven. Die Teilnehmer können im Training jeden Schnitt und jeden Handgriff perfekt beherrschen – wer sich vom Publikum oder dem Schiedsrichter mit Stoppuhr und Schieblehre verunsichern lässt, verliert womöglich entscheidende Punkte. Und das Konkurrenzfeld ist stark: „Die Besten liegen nur noch ein paar Punkte auseinander“, weiß Junglas.

In der Vorbereitung auf die aktuelle Wettkampfsaison haben die baden-württembergischen Wettkämpfer auch einen Mentaltrainer eingeladen, der den Sportlern vermitteln sollte, wie man Ruhe bewahrt, wenn es um einen herum wuselt und kreischt.

Markus Wick hat mir inzwischen die letzte Station erklärt, den Präzisionsschnitt. Von zwei Stammwalzen muss möglichst schnell jeweils eine Scheibe abgeschnitten werden – im rechten Winkel, durchgehend gleich dick, und ohne den Boden darunter auch nur zu berühren, denn im Alltag könnte unter dem Stamm ja ein Stein liegen, der die Sägekette beschädigen würde.

Das scheint meine Disziplin zu sein. Beim zweiten Versuch bleibt meine Winkelabweichung unter einem Grad, am Boden lasse ich nur etwa einen Zentimeter Holz stehen. Schiedsrichter Paul Bode summiert 202 Punkte. „Das passt“, sagt Markus Wick. In der knappen Sprache der Waldarbeiter ist das knapp am Ritterschlag vorbei.



Die deutsche Waldarbeitermeisterschaft

Vom 4. bis 6. Juni findet in Ochsenberg die deutsche Waldarbeitsmeisterschaft statt. Los geht es am Donnerstag, 4. Juni, ab 9 Uhr mit den ersten Wettbewerben. Von 10 bis 17 Uhr findet parallel der Waldtag des Landkreises mit vielen Informationen rund um das Thema Wald statt. An diesem Tag werden kostenlose Shuttlebusse eingesetzt, die an der Zufahrt zum ehemaligen Munitionsdepot zwischen Itzelberg und Ochsenberg abfahren. Der Freitag, 5. Juni, steht ab 9 Uhr im Zeichen der Wettbewerbe, ab 20 Uhr wird das Jubiläum des Vereins Waldarbeitsmeisterschaften Baden-Württemberg gefeiert. Am Samstag, 6. Juni, starten erneut ab 9 Uhr die Wettbewerbe, ab 19 Uhr werden die Sieger gekürt, gefolgt von einer Partynacht. Internet: www.waldarbeitsmeisterschaften-bw.de
 

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