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Vor 75 Jahren: Vier Heidenheimer Juden kehrten nie wieder zurück

Vor 75 Jahren, am 1. Dezember 1941, wurden die ersten Juden aus Württemberg deportiert. Ihre Geschichte ist auch diejenige von vier Heidenheimern: Arthur, Jenny und Wilhelm Metzger sowie Hans Jontofsohn. Ein völlig überfüllter Zug brachte sie in die lettische Hauptstadt Riga, sie kehrten nie wieder zurück.

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Vorgeschichten müssen manchmal sein, und diese Vorgeschichte beginnt in dem Dorf Berlichingen an der Jagst, wo Anfang des 20. Jahrhunderts etliche jüdische Familien lebten. Auch Arthur Metzger war dort zu Hause, zusammen mit neun Geschwistern und den Eltern Kafel und Bräunle. Arthur wollte nicht Metzger werden, auch nicht Viehhändler, wie andere aus der Verwandtschaft. 1913, im Alter von 25 Jahren, ließ er sich deshalb als Textilkaufmann in Heidenheim nieder. Im Januar 1921 heiratete er Jenny Ehrlich, Tochter eines Kaufmanns in Gleicherwiesen (Thüringen). Ein Jahr später kam Wilhelm zur Welt, das einzige Kind des Paares.

Wilhelm besuchte zunächst die Bergschule, anschließend das Realgymnasium in der Oberschule für Jungen, dem heutigen Hellenstein-Gymnasium. Er gehörte immer zu den Besten. Dazugehören tat er aber nicht so richtig.

Bevor der Nazistaat den Juden ihr Leben nahm, nahm er ihnen ihre soziale Identität und stülpte ihnen eine neue über – zunächst propagandistisch, schließlich handfest und für jeden sichtbar. Im Oktober 1938 erhielten sie eine neue Kennkarte, den Judenpass. Und Mitte September 1941, für jeweils zehn Reichspfennig zu kaufen, gelbe Sterne mit dem Schriftzug Jude, die sie auf Höhe des Herzens an ihre Kleidung zu nähen hatten.

Aus Subjekten waren endgültig Objekte geworden. Auch vier der damals sieben in Heidenheim lebenden Juden, die am 1. Dezember von Stuttgart aus nach Riga (Lettland) ins damalige Reichskomissariat Ostland deportiert werden sollten: Arthur Metzger, bis 1938 Textilkaufmann in der Hauptstraße 36, jetzt Hilfsarbeiter in der Gärtnerei Haufe in Mergelstetten, seine Frau Jenny sowie sein 19 Jahre alter Sohn Wilhelm, einst Klassenprimus, der nun als Hilfsarbeiter bei Erhard-Waldenmaier seinen Lebensunterhalt verdienen musste. Außerdem Hans Jontofsohn, Sohn des ehemaligen Optikers Hugo Jontofsohn und jetzt Hilfsarbeiter bei der Kohlehandlung Streppel am Hauptbahnhof.

Am 19. November wurden sie benachrichtigt, sie hätten sich für die „Evakuierung in den Osten“ bereitzuhalten. Pro Kopf waren auf ein besonderes Konto 50 Reichsmark für die einfache Fahrt einzuzahlen, damals der Wochenlohn eines Industriearbeiters. Für die Reichsbahn waren es ganz normale Fahrgäste. Je Kilometer wurden dem Reichssicherheitshauptamt als Reiseveranstalter vier Pfennig berechnet. Kinder unter zwölf Jahren zahlten die Hälfte, Kleinkinder unter vier Jahren fuhren umsonst. Für eine Gruppe dieser Größe gab es 50 Prozent Ermäßigung. Die SS ließ sich die Kosten, aufgerundet, von den Juden erstattet.

Ab dem 26. November durften die Betroffenen ihre Wohnung nicht mehr verlassen, auch nicht kurzfristig. Der 27., ein Donnerstag, war der letzte Tag in der eigenen Wohnung, am 28. fielen sie aus der Zivilisation heraus. Sie wurden von der Gestapo abgeholt und nach Stuttgart gebracht. 1000 Juden aus ganz Württemberg wurden in einer Ausstellungshalle der Reichsgartenschau auf dem Killesberg untergebracht. Es herrschte eine entwürdigende Enge.

Die zusammengepferchten Menschen mussten bis zum Morgen des 1. Dezember warten, dann wurden sie mit Bussen zum Inneren Nordbahnhof hinter dem Pragfriedhof gebracht. Gegen 9 Uhr fuhr der Zug ab, begleitet von einem Polizeioffizier und 15 Wachtmeistern. Die dreitägige Reise auf harten Holzbänken in den hoffnungslos überfüllten Abteilen der dritten Klasse muss den Passagieren endlos erschienen sein.

Immerhin konnten sie noch in dem Glauben leben, sie würden tatsächlich im Osten angesiedelt und könnten dort ein neues Leben beginnen – vielleicht auch einfach abwarten, bis Hitler den Krieg verloren hätte, und dann zurückkehren. Aber nur knapp 40 der 1000 Juden erlebten das Kriegsende, manche nicht einmal die Ankunft des Zuges am 4. Dezember im Güterbahnhof Skirotava von Riga.

Dem Ausladen des schweren Gepäcks, das dann zurückgelassen werden musste, der Reinigung des Zuges und ersten Schlägen, schloss sich ein Marsch an. Zu Fuß ging es zum einige Kilometer entfernten Auffanglager. Abends traf die Kolonne auf dem Jungfernhof ein, einem 200 Hektar großen, seit dem Ersten Weltkrieg nicht mehr bewirtschafteten und deshalb heruntergekommenen Gut an der Düna, das sich die SS angeeignet hatte.

Tags zuvor war bereits ein Transport aus Nürnberg eingetroffen, dem zwei weitere aus Hamburg und Wien folgten, sodass sich 4000 Menschen auf engem Raum drängten. Frauen und Kinder wurden in zwei Stallgebäuden untergebracht, die Männer in einer etwa 100 Meter langen Wellblechscheune. Dächer und Fenster waren teilweise nicht mehr intakt, die Türen ließen sich nicht richtig schließen, die Räume waren nicht beheizt. Die Kojen waren sechs- bis achtstöckig und jeweils nur 50 bis 70 Zentimeter hoch, weshalb man nur im Liegen hineinkriechen und sich anschließend kaum bewegen konnte.

Seit Ende Oktober herrschte in Riga Frost. Im Dezember brachte dann eine wochenlang anhaltende Kältewelle mit Temperaturen von 30 bis 40 Grad Celsius unter null. In der Nacht erfroren die Menschen zu Dutzenden. Ein besonderes Arbeitskommando zog jeden Morgen viele Tote von den Pritschen und stapelte sie im Hof. Der Boden war zu tief gefroren, als dass man sie hätte begraben können. Erst im Februar wurde dann mit Dynamit ein Massengrab für 500 Leichen herausgesprengt.

Von Anfang an gingen verschieden große Gruppen ab, teils nach Riga, teils in das noch schrecklichere Waldlager Salaspils. Teilweise wurden sie auch selektiert und erschossen. Anfang März müssen sich noch etwa 2300 Juden auf dem Jungfernhof befunden haben – aus Sicht von SS-Unterscharführer Rudolf Scheck, dem Kommandanten, viel zu viele. Er drängte auf eine Lösung.

Vom Kommandeur der Sicherheitspolizei in Riga, Dr. Lange, erhielt er schließlich die Erlaubnis, sich diejenigen auszusuchen, die er brauchen konnte, die restlichen sollten abtransportiert werden. Das geschah am 26. März 1942. Mit Omnibussen und Lkw wurden die Überzähligen abgeholt. Viele hatten sich freiwillig gemeldet, weil man ihnen gesagt hatte, sie könnten in einer Konservenfabrik arbeiten. Einige Kilometer weiter, im Bickernwald, wurden sie erschossen.

Zurück blieben 440 Männer und Frauen, in der Regel jung und lebensstark. Und brillenlos – Seck mochte Menschen mit Brillen nicht. Sein brutales Willkür-Regime änderte sich von da an schlagartig. Das Gut wurde umgestaltet. Die dabei eingesetzten Juden erhielten plötzlich nicht nur eine anständige Unterkunft (eine beheizbare Holzbaracke mit Doppelstockbetten), sie wurden auch vergleichsweise gut verpflegt und behandelt.

Die Stelle, an der sich das Massengrab befand, blieb jedoch erkennbar, weil die Erde dort etwas abgesackt war. Auch sie wurde bebaut, und zwar mit den Händen. Die Pferde scheuten nämlich beim Pflügen davor zurück.

Und was geschah mit den vier Heidenheimer Juden? Hans Jontofsohn, so viel scheint klar, wurde gleich nach der Ankunft in Riga aus unbekannten Gründen erschossen. Weniger eindeutig sind die Aussagen zum Schicksal der Familie Metzger.

So gab 1947 vor dem Heidenheimer Amtsgericht Käthe Stangelmayer zu Protokoll, sie habe während des Rücktransports von Theresienstadt den Ludwigsburger Arzt Dr. Ludwig Elsas kennengelernt und von ihm die ehrenwörtliche Versicherung erhalten, Arthur Metzger sein im Februar 1942 bereits tot gewesen. Jenny und Wilhelm seien einige Monate danach verstorben. Das hätten ihr auch andere Personen mehrfach bestätigt.

Etwas anderes behauptete ein mittlerweile bei der Waffen-SS gelandeter ehemaliger Heidenheimer Schulkamerad Wilhelm Metzgers: Dieser habe im Oktober 1943 noch gelebt, mit einiger Wahrscheinlichkeit auch seine Eltern. Der Schilderung des Mannes zufolge, der vor der Rückkehr an die Front einer Genesungskompanie bei dem Dorf Dundaga nordwestlich von Riga zugeteilt war, befand sich Wilhelm Metzger dort in einem Nebenlager des KZ Kaiserwald. Er habe Metzger dort sogar besucht und ihm regelmäßig zusätzliches Essen verschafft.

Die letzten Spuren der Metzgers verlieren sich somit erst im Herbst 1943. Wie sie schließlich umkamen, ist nicht bekannt.

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