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Vereinsarbeit künftig nur mit Führungszeugnis?

Ob Sport, Musik oder Theater – mit dem Begriff "erweitertes Führungszeugnis" werden sich die Vereine im Kreis bald ausführlicher auseinandersetzen müssen. Grund ist das Bundeskinderschutzgesetz: Es soll verhindern, dass Sexualstraftäter in Kontakt zu Kindern und Jugendlichen kommen können.

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Gegen sexuellen Missbrauch: Um sicherzustellen, dass einschlägig vorbestrafte Personen in Vereinen keine Kinder betreuen, soll von Übungsleitern ein erweitertes Führungszeugnis verlangt werden. Durch eine Vereinbarung zwischen Landratsamt und Vereinen soll festgelegt werden, wer genau den Schrieb vorlegen muss.  Foto: 

Für Angestellte in der Kinder- und Jugendhilfe ist es schon lange Pflicht: Sie müssen ihrem Arbeitgeber, beispielsweise dem Jugendamt, bei der Einstellung und danach in regelmäßigen Abständen ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen. Ist dort eine Verurteilung wegen einer Straftat im sexuellen Bereich vermerkt – etwa Vergewaltigung, Misshandlung Schutzbefohlener oder sexueller Missbrauch –, ist eine Anstellung nicht mehr möglich. So will es das Bundeskinderschutzgesetz von 2012. Auslegungsspielraum gibt es keinen. Viel zu groß wäre die Gefährdung der betreuten Kinder und Jugendlichen.

Anders ist das im Bereich der Vereine: Hier muss das Führungszeugnis laut Gesetz nicht pauschal von allen Beschäftigten verlangt werden. Stattdessen sollen die Träger der öffentlichen Jugendhilfe, in diesem Fall das Landratsamt, mit den Vereinen Vereinbarungen darüber abschließen, von welchen Ehrenamtlichen und Betreuern ein Zeugnis verlangt wird. Ausschlaggebend sind laut Gesetzestext „Art, Intensität und Dauer des Kontakts dieser Personen mit Kindern und Jugendlichen“.

Zu schwammig findet Anton Dauser, Sozialdezernent am Landratsamt Heidenheim, derartige Formulierungen, die Umsetzung des Gesetzes bezeichnet er als „sehr komplex“. Man sei dabei, mit den Vereinen ins Gespräch zu kommen – geschätzt sind das im Landkreis circa 700 an der Zahl. Dabei sei allerdings reichlich Fingerspitzengefühl gefragt: „Wir müssen vermeiden, dass ein Generalverdacht entsteht“, sagt Dauser, oder etwaige Jugendbetreuer gar komplett vor ehrenamtlichem Engagement zurückschrecken – aus Angst davor, dass durch die Herausgabe des Führungszeugnisses Dinge bekannt werden, die mit Kinderschutz nichts zu tun haben. Jugendsünden etwa. Schließlich sind in dem Schreiben strafgerichtliche Verurteilungen jeglicher Art vermerkt.

„Es hat schon einen Geschmack von Generalverdacht“, sagt auch Klaus-Dieter Marx, der als Vorsitzender des Sportkreises Heidenheim mit circa 140 Vereinen zu tun hat. Beim Sportkreistag habe es bereits entsprechende Diskussionen gegeben. So sei zwar inhaltlich nichts an dem Gesetz auszusetzen. Kinderschutz sei schließlich ein „ganz ganz wichtiges Thema“ – gerade in Vereinen, wo zwischen Betreuern und Kindern durchaus ein enges Verhältnis entstehen kann. Allerdings, so Marx, fehle es dem Gesetz an Klarheit. Dadurch werde es zu einem „reinen Befriedigungsgesetz“ seitens der Politiker. Die, so der Sportkreisvorsitzende, könnten sich jetzt auf die Schulter klopfen und sagen: „Wir haben etwas getan.“ Die Schwierigkeiten, die das Gesetz/„Bürokratiemonster“ aber durch die unklaren Formulierungen für die Vereine mit sich bringe, habe man völlig außer Acht gelassen.

Wie steht es um den Datenschutz?

Und zu klären gibt es tatsächlich eine ganze Menge: An welche Stelle können sich die Vereine wenden? Wäre beispielsweise der seit Januar angestellte Kreisjugendreferent der passende Ansprechpartner? Bezieht man die Kommunen mit ein? Wo werden die Zeugnisse gesammelt? Oder reicht es aus, eine Art Unbedenklichkeitsbescheinigung zu hinterlegen? Wie lange gilt das Zeugnis bzw. wann muss ein neues vorgelegt werden? Wie steht es um den Datenschutz? Und nicht zuletzt: Von welchen Betreuern soll denn nun überhaupt ein Zeugnis verlangt werden?

Geht es nach Marx macht es Sinn, schlichtweg jeden zu überprüfen, der in einem Verein Kinder betreut. „Da müssen wir von Anfang an klare Kante zeigen“, sagt er. Die Intensität des Kontakts von der im Gesetz die Rede ist, könne sich schließlich sehr schnell ändern. So sei der eine beispielsweise nur als Ferienbetreuer im Zeltlager tätig, der andere wiederum übernehme nach dem Renteneintritt von einer Woche auf die andere noch eine zweite Kindergruppe. Die Intensität sei daher schwierig zu überwachen. Und sowieso: Im Grunde genommen seien Intensität und Dauer des Kontakts auch keine aussagefähigen Faktoren. Wolle sich jemand an Kindern vergreifen, reiche vermutlich eine einzige Gelegenheit aus.

Für Sozialdezernent Dauser jedenfalls steht fest: „Wir müssen uns eine Strategie überlegen, wie das alles ohne riesigen Verwaltungsaufwand funktionieren kann.“ Nach jetzigem Stand rechnet er damit, dass schon nach der Sommerpause die ersten Anschreiben an die Vereine rausgehen werden. Wenn es gut läuft, sollen die Vereinbarungen dann bis Jahresende oder Frühjahr unter Dach und Fach gebracht werden. „Wir sind auf einem guten Weg“, sagt Marx, der die Arbeit der Vereine auch bisher nicht unterschätzt wissen will. „Wir brauchen kein schlechtes Gewissen haben. Wir tun auch jetzt schon was.“ Übungsleiter etwa beschäftigten sich in Aus- und Fortbildungen auch mit psychologischen Inhalten. Die Sinne würden über den Sport hinaus geschärft, etwa für Anzeichen häuslicher Gewalt in der Familie.

Zustimmen müssen die Vereine der Vereinbarung mit dem Landratsamt übrigens nicht. „Ich gehe aber nicht davon aus, dass ein Verein Nein sagt“, so Dauser. „Damit würde er sich selbst ins Abseits bugsieren.“ Zudem sei klar: Wer der Vereinbarung nicht zustimme, dürfe nicht mit öffentlichen Mitteln rechnen.

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