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Der eigenen WLAN-Turm vor dem Haus

Weil sie schlechte Breitbandversorgung nicht mehr länger hinnehmen kann, hat sich die Firma Maier-Kartonagen eine unkonventionelle Lösung einfallen lassen.

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Auf einmal war er da, der rund zwölf Meter hohe Turm auf der Anhöhe oberhalb des Gerstetter Ortsteils Heuchlingen. Bei näherer Betrachtung entpuppt er sich als Strommast, von einem Gerüst umgeben und mit Richtantennen bestückt. „Ein neues Objekt zeigt sich nördlich von Heuchlingen auf dem Höhenzug zwischen Dettingen und Heldenfingen. Was könnte es sein?“ – Mit diesem „Fahndungsaufruf“ samt Foto des zunächst rätselhaften Objektes auf ihrer Homepage versuchte zuletzt sogar die Heuchlinger Bürgerinitiative das Geheimnis zu lüften. Denn auch im Rathaus Gerstetten war man erstmal ratlos. Es lagen keine Informationen vor, ein Bauantrag war nicht gestellt worden. Schulterzucken überall, auch im Gemeinderat.

Doch die HZ weiß mehr: Eigentümer des unbekannten Objekts ist die Dettinger Firma Maier Kartonagen. Tatsächlich handelt es sich um einen eingerüsteten ehemaligen Strommasten, den das Unternehmen vom Stromanbieter EnBW ODR erworben hat. Das private Grundstück, auf dem der Mast steht, hat Maier angemietet. Für den Masten selbst ist keine neue Baugenehmigung erforderlich, da er Teil einer früher an dieser Stelle verlaufenden Stromleitungstrasse war, die inzwischen erdverkabelt verläuft – so das Ergebnis der Erkundigung durch Bauamtsleiter Fabian Oßwald.

Der Hintergrund des „Turmbaus zu Heuchlingen“ ist für die Firma Maier wenig erfreulich. Man leide seit Jahren unter der schlechten Internetversorgung im Dorf, erläutert Geschäftsführer Steffen Maier. Mittels Richtfunk hofft man nun, das Problem in Eigenregie zu lösen. Von Kabel-BW gespeist gelangt das schnelle Internet von einer Antenne in Gerstetten aus zum ehemaligen Strommasten und von dort weiter per Richtantenne zum Unternehmen. „Es ist das gleiche WLAN, wie man es zu Hause hat, nur die Richtung ist konzentriert“, erklärt Geschäftsführer Steffen Maier. Weil auch die Emissionswerte denen des normalen WLAN entsprechen, ist das Projekt anmeldefrei. Jede Menge Zeit und rund 30 000 Euro habe man in das Projekt investiert – ohne zu wissen, ob es wirklich so funktioniert, wie erhofft, fügt Maier hinzu. Ende der Woche will man den Versuch starten. „Ziemlich verzweifelt“, nennt Maier selbst die Situation, in der man sich befindet. Es geht nicht nur um die Internet-Geschwindigkeit, sondern um den Anschluss ans weltweite Netzwerk insgesamt. Denn mit dem einzigen Internetanbieter im Ort habe man schlechte Erfahrungen gemacht. Einmal habe man sogar drei Wochen lang keinen Internetzugang gehabt, erzählt Maier, „Das hat uns sehr, sehr geschadet“.

Vom Internetzugang hängt die Existenz des Unternehmens ab, denn via Internet schicken vor allem die Großkunden die Daten für ihre Aufträge. Laut Vertrag muss dann oft noch am selben Tag gefertigt und geliefert werden. „Sonst ist eine Strafe fällig“, so Maier. Da könne man sich selbst einen stundenweisen Ausfall der Internetverbindung einfach nicht leisten.

Maier betont, dass er die Schuld für die schlechte Internetsituation, die es in vielen Gegenden in der Gerstetter Gesamtgemeinde gebe, nicht bei der Gemeinde sieht. „Die Gemeinde tut viel, aber ihr sind oft die Hände gebunden“. Manche Entscheidung, die vor Jahren im Rathaus getroffen wurde, stelle sich heute zwar als ungünstig heraus, weil sie zur Monopolstellung des einzigen Internetanbieters geführt habe. „Aber ich hätte die Entscheidungen damals sicher auch so getroffen“, gibt Maier zu, „hinterher ist man halt immer klüger“.

Das Problem sei tiefergehend: Die Wichtigkeit des Internets werde in Deutschland insgesamt unterschätzt. Ein Blick auf die Statistik zeigt: In Japan lag die Netzabdeckung mit Glasfasern laut Fachstudien 2014 bereits bei 70 Prozent, sogar in Litauen waren es schon 40 Prozent. Die Quote in Deutschland: 1,2 Prozent. Als Industrienation müsse man über diese Entwicklung mehr als besorgt sein, gibt Maier zu bedenken. „Das ist ein Wettbewerbsnachteil. Wir haben hier in den letzten Jahren schon viele Chancen vertan“. Rund 60 Mitarbeiter gehören zum Familienunternehmen. Seit 1927 gibt es den Betrieb inzwischen in Dettingen. Eine Dauerlösung ist der kleine WLAN-Turm nicht, weiß Maier. „Aber ich will nicht umziehen. Er ist unser Notanker, warum wir überhaupt hier bleiben“.

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