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Pilze und Vergiftungen: 2017 ist Rekordjahr im Kreis Heidenheim

Nach mehreren Jahren, in denen es kaum welche gab, wachsen Pilze heuer im Überfluss – mit unangenehmen Nebenwirkungen.

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  • Freund und Feind des Champignon-Sammlers: Links der essbare Grossporige Riesenegerling, rechts der Veränderliche Karbolegerling, der Erbrechen und Durchfall auslöst und Verursacher der meisten Pilzvergiftungen in diesem Jahr ist. 1/2
    Freund und Feind des Champignon-Sammlers: Links der essbare Grossporige Riesenegerling, rechts der Veränderliche Karbolegerling, der Erbrechen und Durchfall auslöst und Verursacher der meisten Pilzvergiftungen in diesem Jahr ist. Foto: 
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    Georg Schabel Foto: 
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Georg Schabel aus Gerstetten ist Pilzexperte und wird von Ulm bis Nördlingen zu Rate gezogen, wenn es einen Verdacht auf eine Pilzvergiftung gibt. Ein Gespräch über das gute Pilzjahr 2017 und dessen Nebenwirkungen.

Herr Schabel, es ist derzeit kaum möglich auch nur eine kleine Runde spazieren zu gehen, ohne Pilze zu sehen. Was ist da los?

Georg Schabel: In der Tat. Nachdem 2013 ein schlechtes Jahr war, 2014 ein durchschnittliches, 2015 ein Totalausfall und 2016 der Pilzherbst ebenfalls ausgefallen ist, haben wir dieses Jahr sehr viele Pilze.

Sind es wirklich sehr viele oder kommt es einem nur viel vor, weil die letzten Jahre so mager waren?

Nein, es ist tatsächlich ein außergewöhnliches Jahr. Sowohl was die reine Biomasse angeht als auch bezogen auf die Artenvielfalt. Und: Wir sehen heuer wieder Arten, die wir jahrelang kaum oder gar nicht gesehen haben.

Woran liegt das?

Die Bedingungen dieses Jahr sind ideal. Nach einem heißen, trockenen Juni hatten wir im Juli viel Regen, gleichzeitig optimale Temperaturen und kaum Wind. Das hat dazu geführt, dass sich auch in Bodennähe ein ideales Kleinklima bilden konnte – nicht nur großflächig in den Wäldern und auf den Flächen.

Welche Pilze haben Sie heuer gefunden, die sonst nie zu sehen sind?

Zum Beispiel der Riesenrötling. Er ist sehr selten, aber auch sehr giftig und kann leicht mit dem essbaren, nebelgrauen Trichterling verwechselt werden. Wer den Riesenrötling isst, bekommt heftige Magen-Darm-Störungen. Außerdem gibt es den Orangefuchsigen Rauhkopf. Er wächst heuer auf dem Steinheimer Meteorkraterrand unter Eichen und verursacht schlimme Nierenvergiftungen. Das Gefährliche: Erst nach zwei bis vier Tagen zeigen sich die ersten Symptome.

Sie werden auch bei Vergiftungsfällen zu Rate gezogen. Gab es heuer mehr Vergiftungen?

Ja, eindeutig. Bislang wurde ich schon zwölf mal gerufen. Letztes Jahr nur einmal.

Warum heuer so oft?

Ganz einfach: Viele Pilze, viele Vergiftungen.

Welcher Pilz war denn der häufigste Auslöser?

Der Karbol-Egerling, auch Gift-Egerling genannt. Er sieht ähnlich aus wie ein Wiesenchampignon, läuft aber am Stielende gelb an, nachdem man ihn gepflückt hat. Auch in der Pfanne sondert er eine gelbe Brühe ab, zudem stinkt die Küche sehr unangenehm nach Karbol. Wer ihn isst, wird sehr wahrscheinlich Erbrechen und Durchfall bekommen.

Welches sind erste Anzeichen, wenn man einen Giftpilz gegessen hat?

Es gibt viele Symptome, die häufigsten sind sicherlich Magen-Darm-Störungen. Aber auch Sehstörungen, Schwindel, Schüttelfrost, Kreislaufprobleme oder Herzrasen sollten Warnzeichen sein.

Und was tut man, wenn man merkt, das wohl einer schlecht war im Pilzgericht?

Ruhig bleiben, wenn möglich zum Arzt gehen oder den Notruf wählen. Das fällt vielen schwer, weil sie sich schämen zuzugeben, einen falschen Pilz gesammelt und gegessen zu haben. Ich empfehle außerdem, bei jeder Pilzmahlzeit Reste aller verwendeten Pilzsorten ungekocht im Kühlschrank aufzubewaren. Hilfreich kann auch sein, die Pilze vor der Zubereitung roh zu fotografieren.

Wer vergiftet sich denn?

Das ist unterschiedlich. Es sind nicht nur unerfahrene oder sorglose Pilzsammler. Immer wieder kommt auch vor, dass Kinder Pilze essen, die sie im Garten oder in Parks finden – besonders im Frühjahr.

Gab es heuer schon Fälle, die tödlich geendet haben?

Bei den Notrufen, die mich erreicht haben, zum Glück nicht. Es gab jedoch einen sehr schweren Fall in Geislingen, bei dem tödliche Zieglrote Risspilze verzehrt wurden. Durch die schnelle Abfolge von Notruf und Giftnotruf sowie dann gezielt eingeleiteter klinischer Maßnahmen konnte diese Situation aber ohne bleibende Schäden für den Patienten entschärft werden. Allerdings waren hierzu drei Tage Klinikaufenthalt nötig.

Aber es gibt ja auch viele gute Speisepilze diesen Herbst. Wie sind die Aussichten? Wie lange wird es heuer noch Pilze geben?

Wir hatten noch keinen nennenswerten Frost, es soll zudem wieder wärmer werden. Das bedeutet: Die Saison ist noch lange nicht zuende und es wird noch viele Maronen, Steinpilze und auch Schirmlinge wie den Parasol geben.

Und was ist nach dem ersten Frost? Muss man sie dann stehen lassen?

Wenn Sie einen gefrorenen Steinpilz finden und den noch gefroren direkt braten, dann kann man den gut essen. Aber keinesfalls sollte man Pilze sammeln, die schon Forst erlebt haben, aber wieder aufgetaut sind, also nach Frösten noch im Wald stehen. Man sieht es ihnen nicht an, aber der Frost verändert die Eiweißstruktur und sie werden unbekömmlich bis unverträglich. Dann sollte man die Saison für beendet erklären. Aber erlauben Sie mir noch einen Rat?

Ja natürlich. Welchen denn?

Bei Zweifeln sollte man eine Pilzberatungsstelle nutzn, um sich vor Pilzvergiftungen zu schützen. Eine Liste hierzu gibt es im Internet unter www.dgfm-ev.de. Um die Pilze bestimmen zu lassen, müssen sie vollständig sein und dürfen nicht abgeschnitten werden, sondern werden vorsichtig herausgedreht. Giftverdächtige Pilze sollten vorsichtig in eine Zeitung oder Alu-Folie eingewickelt werden, damit keine Kontamination mit gesammelten Speisepilzen stattfinden kann. Ein Knollenblätterpilz in einem Korb von Speisepilzen genügt, um den gesamten Inhalt wegwerfen zu müssen.

Info: Eine Ausstellung mit Pilz-Fotos von Georg Schabel ist noch bis Donnerstag, 30. November, im Gerstetter Rathaus zu den üblichen Öffnungszeiten zu sehen.

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