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Nattheims Bürgermeister: Kein Geld, aber einen langen Atem

Im Interview: Nattheims Bürgermeister Norbert Bereska spricht über den Bau-Boom, die Wiesbühlschule als Jahrhundertchance und warum ihm Geld dabei völlig egal ist.

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Norbert Bereska  Foto: 
Die Sommerferien sind vorbei, die erste Gemeinderatssitzung auch. Das Baugebiet Riederberg III war dabei Thema. Was war für Sie dieses Jahr in Sachen Wohnbauflächen der größte Erfolg?

Einmal natürlich, dass es uns gelungen ist, den kompletten Riederberg als Wohnbaufläche zur Verfügung zu stellen. Aber auch die 22 Wohnungen in den Neubauten vor dem Rathaus. Parallel dazu entwickeln wir die Krautgärten, 6500 Quadratmeter, da sind vier oder fünf Wohnblocks geplant wie hier vor dem Rathaus. Zwei im hohen, aber auch zwei oder drei im erschwinglichen Preissegment. Was auch noch kommt: Haus Regenbogen wird erweitern, also im Bereich betreutes Wohnen. Es läuft richtig rund.

Stichwort Krautgärten: Wie konkret sind die Planungen?

Es steht zu 98 Prozent. Wir haben gewartet, bis die Wohnblocks in der Mitte verkauft sind – das ist jetzt der Fall. Und dann kommt die nächste Stufe.

Beim Riederberg haben Sie einen langen Atem gebraucht, vor allem bei den Bevölkerungsprognosen. Wie sehen die nächsten Schritte aus?

Wir konnten dem Regierungspräsidium nachweisen, dass wir eine höhere Einwohnerzahl haben als die, die sie zugrunde gelegt haben. Das kann ja nicht sein, dass man die Zahl von vor zwei Jahren nimmt, wenn man eine Wohnbebauung für Jahrzehnte plant. Aber es hat ja geklappt. Ab der zweiten Jahreshälfte 2017 können schon mal 20 Bauplätze bebaut werden, 2018 dann weitere acht Plätze.

Rund 30 Bauplätze, das ist nicht wenig. Ist die Nachfrage tatsächlich so hoch?

Die Nachfrage ist ungebrochen. Es ist unfassbar, wie die Leute alle nach Nattheim wollen. Wir haben aktuell 27 Interessenten auf der Liste, die einen Bauplatz wollen.

Damit werden vor allem Familien angesprochen?

Ja, aber wir haben noch ein anderes Projekt dort. Kleine Bungalows, zwischen 60 bis 80 Quadratmeter, ohne Keller, ohne Dachgeschoss, alles ebenerdig. Perfekt für ältere Leute, die mit Garten, Winterdienst und Co. nicht mehr klarkommen. Da stellen wir einer Firma, wenn das Konzept passt, 2500 Quadratmeter zur Verfügung. Das würde für sechs bis zehn solcher Bungalows reichen, die dann als Gesamtwohneigentum betreut werden. Das Projekt hätte Charme, man muss eben sehen, ob es angenommen wird.

In den Teilorten dagegen keine Spur vom Bau-Boom. Sind die Teilorte nicht attraktiv genug?

Ein ganz wesentlicher Punkt ist die Versorgung mit Krippe, Kindergarten, Ganztagesbetreuung. Auernheim hat da ja nachgezogen. Im Kindergarten sind wir auch aktuell dran, über Mittag zu betreuen und einen Mittagstisch anzubieten. Gibt es das nicht, bringen die Eltern die Kinder in andere Einrichtungen – und das könnte, genau wie der Arbeitsplatz, ein Punkt sein bei der Wohnortwahl.

Apropos Teilorte: Es war mal die Rede von einem Bürgerbus. Was ist da Stand der Dinge?

Neun Ehrenamtliche wären bereit, den Bus zu fahren. Wir prüfen parallel aber auch andere Konzepte, beispielsweise ein Ruf-Taxi mit einer Pauschale. Da könnte die Gemeinde ja etwas dazu beisteuern – das ist unter Umständen billiger, als für 40 000 Euro einen Bus zu kaufen. Es könnte aber auch eine Zusammenarbeit mit Heidenheim werden, weil Großkuchen da auch überlegt.

Stichwort Ehrenamt: In Sachen Flüchtlingsarbeit wurde viel geleistet. Wo liegt da momentan der Schwerpunkt?

Das wird sein, die 60 Menschen in der Anschlussunterbringung zu integrieren. Und das funktioniert nicht im Bund und im Land, da kann keiner der verantwortlichen Politiker sagen, das schaffen wir schon. Denn die Arbeit wird hier vor Ort gemacht. Wir haben Einzelpersonen, Familien – da wird die Integration unterschiedlich schwer. Jetzt schauen wir: Wie wirkt es sich auf Kindergarten und Schule aus? Wie kann ein Konzept gestrickt werden, in dem Sprachkurse und Berufsausbildung mit drin sind?

Die Kinder in Kindergarten und Schule unterzubringen, steht also an erster Stelle?

Ja, auch. Zudem müssen die Wohnungen betreut werden. Man muss quasi wie ein Hausmeister nach den Leuten schauen. Sie kennen ja teils die einfachsten Dinge nicht, müssen erst die Spielregeln unserer Gesellschaft lernen. Und da helfen wiederum die vielen Ehrenamtlichen, die sich mit viel Zeitaufwand um die Flüchtlinge gekümmert haben und immer noch kümmern.

Die Ehrenamtlichen schon, ja. Aber es sind nicht alle Nattheimer davon begeistert, dass einige der Flüchtlinge im Ort bleiben, oder?

Bei jedem Haus, das die Gemeinde hierfür gekauft hat, hatten wir sofort eine Unterschriftenaktion dagegen. Das ist traurig – man sollte doch erst einmal abwarten, wer da kommt. Wenn es funktioniert, ist es doch gut. Andererseits denke ich auch, dass wenn die Flüchtlinge die Spielregeln nicht einhalten, sollten sie eben rigoros zurückgeschickt werden.

Nun zu einem alten und immer noch aktuellen Thema: Ramensteinbad. Sie halten nach wie vor daran fest?

Ja, weil ich überzeugt bin, dass es eine Bereicherung für die Infrastruktur ist. Und es gibt kaum eine Einrichtung der Gemeinde, die so vielen Menschen Freude bringt. TSG Nattheim, Schwimmabteilung, 160 Kinder, Durchschnittsalter 22. Oder die Senioren. Oder, oder, oder. Da geht mein Appell auch an die Politik: Nicht jedes Jahr davon reden, dass Menschen ertrinken, weil sie nicht schwimmen können, dann aber keine finanziellen Mittel zur Verfügung stellen für die Instandhaltung der Bäder. Wenn man das Bad schließt, macht man eine Infrastruktur kaputt. Müsste man es neu bauen, hätte es einen Wert von sieben, acht Millionen Euro. Dann ist es doch leichter, zwei Millionen zu investieren.

Aber auch die muss man erst einmal haben . . .

Wir müssten jetzt Gelder ansparen, und zwar nicht übers Nicht-Ausgeben, sondern über neue Einnahmequellen. Eine Möglichkeit wäre die Grundsteuer – das beträfe jeden mit zwischen 20 und 80 Euro im Jahr, aber es kommen dann an die 100 000 Euro rein – zweckgebunden fürs Ramensteinbad. Wenn wir es dann in fünf Jahren sanieren, wäre das ein Grundstock von einer halben Million. Man muss den Bürgern von vornherein sagen: Wenn ihr das Bad wollt, beteiligt euch. Vielleicht durch einen Förderverein. Denn: Wenn es mal weg ist, ist es weg. Das kommt nie mehr. Jedenfalls: Ich kämpfe ums Bad.

Unruhige Zeiten auch bei der Wiesbühlschule. Wenn Sie realistisch sind – welche Teile des Umbauplans müssen unbedingt umgesetzt werden, was wäre eher Wunschdenken?

Den katholischen Kindergarten in die leeren Klassenzimmer zu bringen, wo früher die Grundschule war, das ist das Wichtigste. Die Zusage hierfür von der katholischen Kirche haben wir. Und wenn man schon umbaut, dann richtig: Auf energetische Sanierung würden 900 000 Euro entfallen. Zu Beginn der Überlegungen standen über sechs Millionen im Raum – das hat aber umschlossen, dass alle vier Gebäude energetisch saniert werden und dass für über 100 000 Euro Amok-Sicherungen drin sind. Solche Dinge müssen wir erwähnen, entscheiden muss der Gemeinderat.

Über sechs Millionen Euro klingt mehr als utopisch.

Wir hatten vor kurzem Klausurtagung und konnten die Kosten gemeinsam mit dem Architekten auf 3,9 Millionen runterschrauben. Aus meiner Sicht ist es ein Muss, das eine Gebäude mit dem Kindergarten hundertprozentig perfekt zu machen. Bei den anderen Gebäuden wird man sehen. Letztlich ist dieser Schulcampus eine Jahrhundertchance für Nattheim.

Wiesbühlschule, Ramensteinbad, Riederberg: Alles Themen, bei denen Durchhaltevermögen gefragt ist. So auch beim Autohof an der A 7. Worin sehen Sie dabei die Vorteile für Nattheim?

Der Bund will Rastplätze an der Autobahn, und wir haben eben das passende Grundstück hier. Die 500 000 Euro, die wir dafür bekommen, machen uns nicht reich und nicht arm. Der Vorteil für Nattheim wäre aber zusätzlich, dass zehn Arbeitsplätze dort entstehen. Und wenn dann noch Gewerbesteuer abfällt, ist das auch gut.

Von den Um- und Neubauten zu den Straßen. Gartenstraße, Lindlestraße – was folgt als nächstes?

Als nächstes kommt die Schulstraße. Wir haben alle Straßen bewerten lassen und wissen genau, welche gut sind und welche nicht. Dabei gilt immer die Maßgabe: Wenn wir die Straße machen, dann richtig: Kanal, Wasser, Breitband. Das kostet erst einmal viel, aber wir sind dann für die nächsten 50 Jahre fertig. Es ist eine Investition für die Zukunft. Entscheidend ist, dass sich die Leute wohl fühlen. Alles andere ist egal. Geld ist völlig egal.

So ganz unwichtig ist Geld aber auch nicht . . .

Geld spielt keine Rolle. Wir haben keines. Wir müssen schauen, dass wir das wenige, das wir haben, sinnvoll einsetzen.

Apropos sinnvoll: Sie als Atom-Gegner müssten doch ein absoluter Windrad-Befürworter sein. Wie sind da die Pläne für Nattheim?

Der Nattheimer Windpark wird kommen. Es werden wahrscheinlich sieben Anlagen entlang der Autobahn. Mit der Interessengemeinschaft Wind haben wir verschiedene Vereinbarungen getroffen und auf zwei Windräder verzichtet. Dafür werden die sieben Anlagen die doppelte Leistung fahren – das heißt, es werden auch mehr Pachteinnahmen generiert. 2017 wird da gestartet.

In Fleinheim haben sich in den letzten Monaten die Beschwerden wegen des Dischinger Windparks gehäuft. Halten Sie das für überzogen?

Ich war vor Ort und habe selbst gemerkt, dass die Lautstärke der Windräder in Fleinheim und Auernheim unterschiedlich ist – an manchen Stellen hört man es fast nicht, an manchen Stellen ist es unerträglich laut. Deshalb nehmen wir die Beschwerden der Bürger sehr ernst. Alle Verstöße werden geprüft. Dann kann es auch ein Ordnungswidrigkeits- oder Bußgeldverfahren geben, und im Extremfall wird das Windrad abgestellt.

Von Dischingen nach Königsbronn: Bürgermeister Michael Stütz hat ja kürzlich von einer möglichen Teilhabe an der Verwaltungsgemeinschaft gesprochen. Das hieße: Heidenheim, Nattheim und Königsbronn. Können Sie sich das vorstellen?

Ich glaube, da muss man unterscheiden. Das eine ist die Verwaltungsgemeinschaft, wo es Verträge gibt: Flächennutzungsplan und die Zusammenarbeit der Rathäuser Heidenheim und Nattheim. Das sind historische Verträge. Etwas anderes ist die interkommunale Zusammenarbeit, beispielsweise im Bereich Wald. Da stehe ich schon dahinter. Oder wenn man einen Asphaltmischer kauft: Königsbronn, Nattheim, Heidenheim, Neresheim und Dischingen, die ihn untereinander austauschen können. Da braucht es keine Verwaltungsgemeinschaft. Man muss differenzieren – das hat der Kollege vielleicht nicht beachtet. Wobei das ja auch alles taktisch gemeint gewesen sein könnte, in Richtung Oberkochen . . . Jedenfalls, wir meinen es ernst: Interkommunale Zusammenarbeit gerne, und gerne mit Königsbronn.

Seit 22 Jahren sind Sie Bürgermeister. In dieser Zeit hat sich in Nattheim viel getan. War Ihnen jemals langweilig?

Nein, es lief eigentlich schon immer Schlag auf Schlag. Aber ich habe eine klasse Mannschaft. Wir denken immer etwas voraus.

Apropos vorausdenken: 2018 steht die Bürgermeisterwahl an. Hätten Sie Lust auf neue Herausforderungen?

Es gibt nur Nattheim und sonst keine andere Gemeinde mehr. Das steht fest. Ich hatte Chancen, Oberbürgermeister in zwei großen Kreisstädten zu werden, aber ich wollte hier bleiben. Man gibt das, was man erreicht hat, nicht leichtfertig auf. Aber ob es dann weitere acht Jahre werden, müssen die Nattheimer sagen. Es heißt ja, man sollte gehen, wenn es noch jeder bedauert . . .

Mit Norbert Bereska sprach Joelle Reimer

 
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