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Milchbauern im Kreis: Keine Gentechnik, dafür mehr Geld

Viele Milchbauern aus dem Kreis setzen seit gut einem Jahr auf gentechnikfreies Futter. Dafür erhalten sie einen Cent mehr pro Liter Milch. Ob sich das lohnt? Und was die Umstellung mit sich bringt.

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Hans-Jürgen Stängle aus Dettingen im Stall bei seinen Kühen: Hier steht seit einem Jahr nur noch gentechnikfreies Futter auf dem Speiseplan.  Foto: 

Genau 1020 von 1066. So viele Landwirte, die ihre Milch an die Hohenloher Molkerei in Schwäbisch Hall liefern, machen mit: Sie verzichten bei der Ernährung ihrer Milchkühe seit mittlerweile einem Jahr auf gentechnisch veränderte Inhaltsstoffe. „Das sind gut 95 Prozent unserer Milchbauern“, sagt der geschäftsführende Vorsitzende, Martin Boschet, und spricht von einem großen Erfolg.

700 Euro mehr für gentechnikfreies Futter

Hans-Jürgen Stängle, Landwirt aus Dettingen und ebenfalls Vorstandsmitglied der Molkerei, ist mit seinen 102 Milchkühen Teil dieses Erfolgs und durchaus überzeugt von der Sinnhaftigkeit des kollektiven Verzichts. Trotzdem gibt er offen zu: Mit der Entscheidung für oder gegen die Umstellung des Futters hat er sich anfangs schwer getan. Unwissende Kunden spielten dabei eine Rolle, vor allem aber die Sorge vor noch mehr Bürokratie und möglichen Folgekosten.

Denn tatsächlich kostet der Verzicht auf Gentechnik Geld. In Stängles Fall rund 700 Euro. So hoch liegen die monatlichen Zusatzkosten für das gentechnikfreie Sojaschrot, das der Dettinger inzwischen seit April 2016 füttert. „Bisher sind diese Kosten durch den einen Cent Milchgeld pro Liter gedeckt“, sagt Stängle, durch Geld also, das der Handel an die Molkerei und deren Landwirte bezahlt. Und das hat seinen Grund: Die Entscheidung, überhaupt auf Gentechnik zu verzichten, beruht auf einer Forderung des Handels. Gemeint sind damit auch große Namen wie Lidl, Aldi und Edeka, die zu den Abnehmern der Hohenloher Molkerei zählen und regelmäßig mit deren Vertretern über den Milchpreis verhandeln.

„Wenn ihr nicht auf gentechnikfreies Futter umstellt, fliegt ihr raus“

Landwirt Stängle beschreibt die Forderung der Handelsvertreter in etwa so: „Wenn ihr nicht auf gentechnikfreies Futter umstellt, fliegt ihr raus.“ Molkerei-Chef Boschet hingegen formuliert diplomatischer: Man habe im Jahr 2015 intensive und konstruktive Gespräche mit großen, namhaften Discountern geführt und zu einem frühen Stadium erkannt, dass die Zukunft im Verzicht auf Gentechnik liege. „Der Verbraucher verlangt Natürlichkeit“, freue sich zudem über Labels und der Handel mache deshalb beides zum Standard. Martin Boschet zeigt sich überzeugt: Die Umstellung „ist der richtige Weg“.

Wie gesagt, Hans-Jürgen Stängle hat dem nichts entgegenzusetzen. Man müsse die Gentechnik-Ideologie der Futtermittelhersteller schließlich nicht komplett unterstützen. Aus Erfahrung nährt sich bei Stängle aber eine Befürchtung: Sobald die Umstellung auf gentechnikfreies Futter in der Branche zum Standard geworden ist, werde sich der Handel weigern, weiterhin den einen Cent pro Liter Milch beizusteuern.

„Das war schon öfter so“, sagt Stängle. Die Unterstützung schwinde, die Mehrkosten aber blieben. Und die Mehrkosten wachsen. Kosteten 100 Kilogramm gentechnikfreies Sojaschrot zu Beginn der Umstellung noch fünf bis sechs Euro mehr als gentechnisch verändertes Sojaschrot, sind es jetzt bereits acht bis neun Euro. Marktwirtschaft eben: Wird der Vorrat knapp und wächst die Nachfrage, steigt irgendwann auch der Preis.

Warum verweigern sich manche Milchlieferanten?

Ob darin auch der Grund liegt, dass sich manche Milchlieferanten der Hohenloher Molkerei weigern in ihren Betrieben auf Gentechnik zu verzichten? Hans-Jürgen Stängle vermutet das zumindest. In einem anderen ihm bekannten Fall stehe der Landwirt kurz vor der Rente, wolle seine Betriebsabläufe nicht mehr ändern. Denn: Neben dem finanziellen ist auch der bürokratische Mehraufwand enorm. Schließlich muss, wer sich vertraglich verpflichtet, seine Kühe nach den Richtlinien des Verbands Lebensmittel ohne Gentechnik (VLOG) zu füttern, auch nachweisen, dass er diese einhält. Das bedeutet Listen führen, Protokolle schreiben, Proben nehmen.

Und ganz konkret: Bekommt Hans-Jürgen Stängle eine neue Futterlieferung – das passiert etwa alle fünf Wochen –, muss er immer auch die Unterschrift seines Lieferanten einholen. Damit bestätigt ihm der Lieferant, dass er seine Mühle und sein Fahrzeug nach dem Transport von gentechnisch verändertem Getreide gereinigt hat, sprich keine Rückstände mehr enthalten sein können.

Dazu wird der Lieferung auch eine sogenannte Rückstellprobe entnommen, die dann stichprobenartig untersucht wird. Für Hans-Jürgen Stängle, der ausschließlich Milchkühe hält, bedeutet das: Etwa alle drei Jahre wird sein Futter überprüft. Bei Landwirten, die zusätzlich zur Milchviehhaltung noch Bullenmast betreiben, liegt der Fall anders. Sie haben mit jährlichen Kontrollen zu rechnen. Kommt dann noch Schweinezucht hinzu, erfolgt die Untersuchung sogar halbjährlich.

Großer bürokratischer Aufwand

Bisweilen geht es dabei auch um Details. Wird etwa eine Schubkarre sowohl für Milchvieh als auch für Schweine verwendet, muss deren Reinigung protokolliert werden. Hans-Jürgen Stängle erklärt: Je mehr Betriebszweige, desto größer die Gefahr einer Vermischung der Futtermittel. „Ohne wär's einfacher“, sagt Stängle über die vielen Untersuchungen und Richtlinien. „Aber das ist halt jetzt so.“

Und zwar auch in der Molkerei, wo die Umstellung auf gentechnikfreies Futter enorme Veränderungen im Betriebsablauf mit sich gebracht hat. Denn weil sich nicht alle Milchbauern an der Umstellung beteiligen, muss die Molkerei in die Trennung von gentechnikfrei produzierter Milch und solcher, die mit gentechnisch verändertem Futter hergestellt wurde, investieren. Angefangen bei den Wagen, die die Milch auf den Höfen holen, bis hin zur Verarbeitung in der Molkerei.

Keine Rückmeldung vom Kunden

„Wir kommen innerbetrieblich mit der Trennung klar“, sagt Geschäftsführer Martin Boschet. Natürlich hielte man es aus Kostengründen aber für sinnvoll, wenn sich alle Milchbauern der Hohenloher Molkerei an der Umstellung beteiligen würden. Druck ausüben oder jemanden zwingen wolle man deshalb aber nicht, sagt Boschet, lediglich mit Argumenten überzeugen. Etwa so: „Wer nicht mitmacht, verzichtet auf den einen Cent pro Liter.“

Der Verbraucher bekommt von all diesen Überlegungen, den Kontrollen und dem Papierkram freilich nichts mit. Auch das ist ein Punkt, der Hans-Jürgen Stängle stutzig macht. Zwar habe der Handel seine Forderung mit dem Wunsch des Verbrauchers nach gentechnikfreien Produkten begründet, doch Stängle hat Zweifel: Für die meisten Kunden sei der Preis ausschlaggebend. Ob Gentechnik zum Einsatz komme, sei zweitrangig. „Die kennen sich da gar nicht so aus.“ Und das bestätigt auch Boschet: Vom Endverbraucher gebe es nur wenig Rückmeldung.

Info: Aldi Süd und Lidl über Gentechnik und Milch

Aldi Süd teilt auf Anfrage mit, dass seit Januar 2017 alle Frischmilch-Artikel mit dem „Ohne Gentechnik“-Siegel zertifiziert sind. Quarkprodukte seien seit Anfang April 2017 umgestellt. H-Milch und Schlagsahne sollen bis Ende April 2017 folgen, das komplette Sortiment an Käseerzeugnissen bis Mitte 2019. Zudem heißt es: „Wir beobachten allgemein ein besonderes Interesse unserer Kunden an gentechnikfreien Produkten.“ Um die Transparenz zu erhöhen, habe man sich für die Einführung des Siegels „Ohne Gentechnik“ entschieden.

Lidl teilt mit, man führe bereits seit Sommer 2015 unter der Eigenmarke „Ein gutes Stück Bayern“ gentechnikfreie Molkereiprodukte – allerdings nur in den bayerischen Filialen. Seit Juli 2016 biete man Frischmilch der Eigenmarke „Milbona“ bundesweit nur noch mit dem „Ohne Gentechnik“-Siegel an. Bei Käse habe man in allen deutschen Filialen Teile des Sortiments mit dem Siegel eingeführt. Noch dieses Jahr soll gentechnikfreie H-Milch unter der Eigenmarke „Milbona“ folgen. Damit folge das Unternehmen dem Wunsch der Verbraucher nach gentechnikfreien Produkten.

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