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Luisa Knies: Trotz Handicap in der ersten Klasse

Obwohl sie eine Lähmung und einen sogenannten Wasserkopf hat, besucht Luisa Knies die Nattheimer Wiesbühlschule. Gemeinsam mit ihrer Integrationshelferin Magdalena Straub drückt sie dort die Schulbank.

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Die 18-jährige Magdalena Straub (links) hilft der sechsjährigen Luisa beim Wechseln der Schuhe. Auch sonst ist sie immer mit dabei, wenn die Erstklässlerin Hilfe in der Schule braucht.  Foto: 

Zahlreiche Schüler rennen den Gang entlang, stürmen in die Pausenhalle, in die Mensa oder nach draußen. Es ist kurz nach 12 Uhr und das Läuten der Schulglocke verkündet für heute das Ende des Unterrichts. Nur das Klassenzimmer der 1 b ist noch nicht völlig leer: Dort hilft gerade die 18-jährige Auernheimerin Magdalena Straub der sechsjährigen Luisa, ihre Stifte und Hefte in den Schulranzen zu packen.

„Sie sind die Reporterin? Warum interessieren Sie sich denn für mich?“, fragt die Erstklässlerin. Die blonden Haare hat sie ordentlich zu einem Zopf nach hinten geflochten, zwei strahlend blaue Augen blicken aus den rosa umrandeten Brillengläsern nach oben. Warum? Eine gute Frage. Denn beim Anblick von Luisa kommen kurz Zweifel auf, ob das überhaupt das richtige Klassenzimmer ist: Es sollte eine Geschichte werden über ein junges Mädchen mit Handicap, das alleine nicht zurecht kommt und von einer Integrationshelferin in den Unterricht begleitet wird. Doch dass Luisa dieses Mädchen sein soll, scheint auf den ersten Blick absurd zu sein.

Arzt prophezeite, Luisa Knies würde nie sprechen können

„Sie war ein Frühchen, hatte in der 30. Woche eine Hirnblutung und ist in der Folge dann an Hydrocephalus erkrankt – dem sogenannten Wasserkopf“, erzählt Sarah Knies, Luisas Mutter. Dabei kann das gebildete Hirnwasser nicht frei zirkulieren bzw. vom Hirn absorbiert werden, weshalb Luisa im Alter von einem Jahr operiert wurde – sie bekam einen sogenannten „Shunt“, der die Flüssigkeit ableitet. Der Arzt prophezeite damals, dass das Mädchen nie würde sprechen können. Heute ist das Gegenteil der Fall: Luisa hört gar nicht mehr auf zu erzählen. „Ich gehe gern zur Schule. Am liebsten spiele ich in der großen Pause – oder nein, am liebsten lerne ich. Mathe ist mein Lieblingsfach“, sagt sie.

Die Entscheidung, sie auf eine Regelschule zu schicken, hat sich ihre Mutter nicht leicht gemacht. Doch nachdem Dr. Daniel Budka, Leiter der Herbrechtinger Pistorius-Schule, etliche Tests und Aufgaben mit ihr durchgeführt und sie im St.-Michael-Kindergarten beobachtet hat, stand im Sommer fest: Luisa ist kognitiv völlig fit. Es sprach nichts dagegen, dass sie die Grundschule in Nattheim besucht – und ihre Mutter bereut die Entscheidung nicht. So munter, wie das Mädchen vom Schulalltag spricht, scheint es sich dort mehr als wohl zu fühlen.

Die Hilfe von Magdalena Straub benötigt die Sechsjährige trotzdem. Sie hat eine Halbseitenlähmung am rechten Arm und Bein, die sich vor allem in der Feinmotorik bemerkbar macht. Jacke aus- und anziehen, die Schuhe wechseln, an den Tisch setzen, den Schulranzen aufmachen oder beim Basteln helfen: Immer dann, wenn Luisa Probleme hat, ist Magdalena zur Stelle. „Ich helfe auch beim Umziehen zum Sport, trage den Schulranzen oder gehe mit ihr auf die Toilette“, sagt die 18-Jährige, die als Integrationshelferin ihr FSJ absolviert.

Mit Integrationshelferin Magdalena Straub versteht sich Luisa bestens

Und auch in den Pausen ist sie immer mit dabei. „Da passe ich auf, dass Luisa nicht zu wild spielt. Sie will nämlich alles genauso machen wie die anderen Kinder, egal ob Fahrradfahren, Laufen oder Schwimmen“, sagt Magdalena. Ihre Orthese am Bein scheint sie dabei manchmal ganz zu vergessen. Doch das kann riskant werden: Der Shunt, der vom Gehirn bis in den Bauchraum führt, ist nicht ganz unempfindlich. „Sie sollte nicht direkt darauf stoßen, sonst könnte es kaputt gehen“, erklärt ihre Mutter. Eine verantwortungsvolle Aufgabe, die Magdalena da hat. Doch die Chemie zwischen ihr und Luisa stimmte von Anfang an, und die Erstklässlerin ist begeistert: „Sie hilft mir ganz toll“, sagt sie und strahlt die 18-Jährige an.

Auch die Lehrer und Mitschüler wissen von Luisas Handicap. Im Klassenraum gibt es deshalb zum Beispiel keine Magnete – kommt das Mädchen ihnen zu nahe, könnten sie das Ventil an ihrem Shunt verstellen. „Dann kann ich ohnmächtig werden. Aber alle meine Freunde wissen, dass ich keine Magnete haben darf“, erklärt sie. Als wäre das ganz normal.

Luisa ist nicht das erste Kind mit einer Integrationshelferin an der Wiesbühlschule. Doch oft kommt es nicht vor. „Ich habe dieses Jahr zum ersten Mal zwei in meiner Klasse. Das geht gut, aber mehr sollten es in einer Klasse nicht sein, denke ich“, sagt Elke Rein, die seit 1997 an der Wiesbühlschule unterrichtet. Auch Inklusionskinder habe es schon gegeben – „ich denke, das wird vielleicht in Zukunft noch mehr. Früher war es doch noch eher unüblich, dass sie auf eine Regelschule gehen“, so Rein.

Die Lehrerin ist begeistert von Luisas Lernwillen. Sie mache alles mit: schreiben, basteln, malen – es sei gar kein Problem für sie, mit den anderen Kids mitzuhalten. „Es war genau die richtige Entscheidung. Und nach allem, was die Ärzte prophezeit haben, ist Luisas Entwicklung schon ein kleines Wunder“, sagt ihre Mutter.

Als Integrationshelfer bezeichnet man eine langfristig eingesetzte Eingliederungshilfe. Er unterstützt Kinder mit Körperbehinderung, geistiger Behinderung oder psychischer Störung, die an einer allgemeinen Schule unterrichtet werden.

Ein Inklusionshelfer ermöglicht Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen den Besuch der für sie geeigneten Schulform. Sie richtet sich an Kinder und Jugendliche, die aufgrund ihrer Behinderung zum Schulbesuch auf individuelle Unterstützung angewiesen sind.

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