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Life Award für Rudi Biskup, der Stimmlosen Mut macht

Der Krebs hat ihm den Kehlkopf und einen Lungenflügel genommen, nicht aber seine positive Einstellung: Seit acht Jahren betreut Rudi Biskup für den Bundesverband der Kehlkopfoperierten Patienten, die mit einem ähnlichen Schicksal zu kämpfen haben. In Österreich hat er jetzt für sein ehrenamtliches Engagement den Life Award erhalten.

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Rudi Biskup bei der Verleihung des Life Awards in Innsbruck. Seit acht Jahren betreut der kehlkopflose Sontheimer ehrenamtlich andere Krebspatienten.  Foto: 

Es war vor 18 Jahren im Aufwachraum eines Mannheimer Krankenhauses, als ihm der Arzt nach der Entnahme einer Gewebeprobe mitteilte: Es ist nicht nur Heiserkeit, sondern Kehlkopfkrebs. Eine Operation ist notwendig. Mit einem Schlag war sie also da, Rudi Biskups Diagnose. Und mit ihr der Anfang vom Ende der bis dahin gekannten Normalität. „Er hat mir das einfach so an den Kopf geworfen, da war sogar die Schwester entsetzt.“ Und trotzdem sah es zunächst recht gut aus für Biskup, den erfolgreichen Vertriebsleiter aus Heidenheim, den Raucher, den Ehemann. Der Krebs war im Anfangsstadium entdeckt worden, die betroffenen Stellen wurden weggelasert. Der Kehlkopf des 45-Jährigen sollte erhalten werden – und damit auch seine Stimme.

Doch es kam anders: Immer wieder kehrte der Krebs zurück, immer wieder wurde gelasert, immer wieder wuchs die Hoffnung – bis sie dann endgültig starb. Nach der achten Laserbehandlung schickten die Ärzte jemanden vom Verband der Kehlkopfoperierten zu Biskup. Ein Mann mit Sprechapparat war das und damit „nicht unbedingt das beste Beispiel“. Er sollte Biskup über das Leben ohne Kehlkopf aufklären, das Leben mit Tracheostoma, einem Loch im Hals. Die Stimme des Mannes klang abschreckend, „wie vom anderen Stern“. Für Biskup stand nach dem Treffen fest: „So möchte ich mal nicht rumlaufen.“

Das war damals. Heute – nach Reha, Eintritt in die Erwerbsunfähigkeit, Metastasen auf der Lunge und Entfernung des rechten Lungenflügels – hat Biskup sein Ziel längst wahrgemacht. Zum Sprechen benötigt der heutige Sontheimer weder Sprechapparat noch Sprechkanüle. Biskup spricht mit der Speiseröhre. Rau klingt das, und tief, in etwa so, als wäre der 63-Jährige ständig heiser. Immer wieder ist eine Art Gurgeln zu hören.

Fast ein Jahr hat er gebraucht, um diese Art des Sprechens von Grund auf neu zu lernen. Verbissen hat er dafür geübt. Gemeinsam mit Logopäden und zu Hause. „Einfach ist das nicht“ – auch darüber spricht er mit den Krebspatienten, die er an der Ulmer Uni-Klinik betreut. Seit acht Jahren übt er diese – jetzt preisgekrönte – Aufgabe ehrenamtlich für den Bundesverband der Kehlkopfoperierten, Sektion Ulm/Neu-Ulm, aus. Wenn die Ärzte ihn rufen, kommt er. Wenn die Patienten ihn fragen, antwortet er. Chemo-Therapie, Bestrahlung, Kehlkopfentfernung? Sprechkanüle, Sprechapparat oder Speiseröhre? Genau wie Biskup vor 18 Jahren haben die Patienten, unter ihnen immer wieder auch Personen aus dem Kreis Heidenheim, eine Menge Entscheidungen zu treffen.

„Es geht auch hinterher ganz gut weiter“ – das zu zeigen, Mut zu machen, das ist Biskups Aufgabe als Betreuer. Nicht alle Patienten wollen das. Sie schotten sich ab, sind zu geschockt von der Diagnose, die psychisch nur schwer zu verarbeiten ist. Viele trauen sich nach der Operation erst einmal gar nicht mehr aus dem Haus. „Ich kann ja nicht mehr sprechen“ heiße es dann oft. Und: „Wie soll das denn gehen?“ Zur Not mit Lippenlesen, mit Gestik, mit Mimik, sagt Biskup, der sich noch gut an seinen ersten Einkauf in einer Bäckerei erinnert. Er habe einfach auf seinen Mund gezeigt und mit den Lippen Worte geformt, bis die verunsicherten Verkäuferinnen ihn verstanden hatten. Da war die Situation schon nicht mehr ganz so schlimm. Für die Verkäuferinnen und für Biskup.

Bei den Treffen der Selbsthilfegruppe des Vereins der Kehlkopfoperierten, die der 63-Jährige bis vor kurzem ein Jahr lang interimsweise geleitet hat, tauschen sich Betroffene und Angehörige auch über Erfahrungen wie diese aus. Gemeinsam spricht man über Einschränkungen und Erlebnisse – und über das, was verloren gegangen ist. Das können Freunde sein, die plötzlich die Straßenseite wechseln, um einer vermeintlich unangenehmen Begegnung aus dem Weg zu gehen. Das kann der Beruf sein, aber auch ganz Alltägliches wie der Geruchsinn oder die Freiheit, so zu duschen, wie man es schon seit jeher gewohnt war. „Wenn Wasser ins Tracheostoma reinläuft, bin ich ein toter Mann.“ Unglaublich kompliziert klingt das. Mit der Zeit aber wird es leichter, kommen neue Gewohnheiten. Statt im Stehen wird in leicht nach vorn gebeugter Haltung geduscht. „Und irgendwann verliert man die Angst.“

Biskup klingt positiv. In allem was er beschreibt, schwingt Hoffnung mit. „Die innere Einstellung ist sehr wichtig“, sagt er und ja, er sei grundsätzlich ein optimistischer Mensch. Bewusst geworden sei ihm diese Charaktereigenschaft aber erst in der Zeit nach der Operation. „Bevor man in diese brutale Situation kommt, kann man nicht beurteilen, wie man reagieren wird“ – auf die Einschränkungen und das Loch im Hals. „Bei den meisten ist es erst einmal vorbei, wenn sie das sehen.“

Aber es geht weiter, immer weiter. Das Wort „geheilt“ setzt der Ehrenamtliche dennoch nur sparsam ein. Viel zu oft schon hat er hoffnungslose Fälle gesehen. Menschen etwa, bei denen der Krebs nach 20 Jahren wieder aufgetaucht ist. „Das war dann meist das Ende.“ Er selbst gilt bei manchen trotzdem als eine Art medizinisches Wunder. Nach zwölf Jahren ohne Krebs, ohne Kehlkopf und mit nur halber Lunge.

Selbst will Biskup davon nur wenig wissen. Jedes Jahr fährt er zum Lungencheck nach Stuttgart und zum HNO-Arzt an die Uni-Klinik im österreichischen Innsbruck. Der dortige Chefarzt hat ihn vor 18 Jahren operiert – und für den Life Award 2015 vorgeschlagen. Mit diesem Preis zeichnet die Alivia Award Association mit Sitz in Innsbruck seit 2001 Menschen mit und ohne Behinderung aus, die Außergewöhnliches leisten, oftmals aber im Hintergrund stehen. „Er besucht Betroffene mit ähnlichem Schicksal vor der schweren Operation in den Kliniken und zeigt, wie wertvoll und erfüllend das Leben auch mit Handicap ist“, hieß es in der Laudatio und zur Begründung der Jury-Entscheidung.

Und man gönnt Biskup diese Auszeichnung. Diesem Mann, der von sich selbst sagt: „Ich habe viel Glück gehabt.“

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