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Gussenstadt: Wo sich der Mesner vom Kirchturm stürzte

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Pfarrer Hans-Ulrich Bosch hatte den Heimatforscher Willi-Martin Jäger aus Anlass des renovierten Glockenstuhls im Turm der Michaelskirche gebeten, Gussenstadt und seine Geschichte vorzustellen und seinen Vortrag mit dem Geburtsjahr der ältesten Gussenstadter Glocke beginnen zu lassen: Sie wurde vor 570 Jahren bei Hans Kantengiesser in Ulm gegossen und hat den 30-jährigen Krieg unversehrt überstanden.

Gussenstadt selbst war im Gegensatz zu Gerstetten und Söhnstetten in jenen Kriegsjahren glimpflich davon gekommen. Belegt wird dies durch ein Straßenverzeichnis, das Jäger anhand der Lagerbücher aus jener Zeit wieder herstellen konnte. 60 Häuser, dazu eine Kirche und eine Zehntscheuer hatten den großen Krieg überlebt.

Das locker besiedelte Gussenstadt ist bis zum Jahr 1806 Amtsort gewesen und hatte bei der Lehmgrube eine Kapelle unterhalten, die die Bauern von Wallbach nutzten. Deren Höfe seien noch vor dem 30-jährigen Krieg „abgegangen“, stellte Jäger bei seinen Studien fest. Abgabepflichtig sei die hochgelegene Siedlung an drei verschiedene Herrschaften gewesen. 1538 musste in Gussenstadt erstmals „evangelisch geläutet werden“. Damals hatten Luthers Thesen auch Württemberg erreicht. Zuvor noch, 1609 geriet der Schultheiß mit seinem Gemeindeschreiber, Mesner, Schulmeister und Zoller in einen argen Streit, der in einem Sturz desselben vom Turm der Michaelskirche gipfelte und als Selbstmord ausgelegt wurde.

Diese Annahme führte zu einer „sang-und klanglosen“ Beerdigung des Verunglückten. Das Gerücht, der Schultheiß habe seinen Antipoden vom Turm gestoßen, hielt sich noch lange.

Dass der Tod in alter Zeit ein ständiger Begleiter des Dorfes war, wird durch das Sterberegister belegt. 1634 musste in Gussenstadt 301-mal die Totenglocke geläutet werden. Söhnstetten war in jener Zeit menschenleer. Ein Jahr nach dem Ende des großen Krieges trieben sich immer versprengte Landsknechte in den Wäldern herum.

Johann Christoph Ehinger, Oberforstmeister zu Altheim war wohl eines ihrer Opfer. Nahe bei Gussenstadt wurde er umgebracht. In Gussenstadt aber tanzte man zwischendurch auch. Immer an Walpurgen, dem 1. Mai, ging es im Sackental lustig zu: Trommler und Pfeifer spielten auf dem Tanzmahd beim heutigen Brückle an der Straße nach Bräunisheim auf.

Streitigkeiten zwischen den Ulmern und den Württembergern aber führten im inzwischen pietistisch geprägten Württemberg zu einem Verbot des Tanzvergnügens. Ein Vorwand, wie Willi Hans Jäger vermutet: Weder Ulm noch Württemberg habe von den jungen Leuten ein Umgeld kassieren dürfen, ihren Tanz beargwöhnt und ihn deshalb verboten.

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