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Bernd Sipple: "Vor dem Krebs nicht kapitulieren"

Fast zwei Jahre lang war der Stuhl von Bürgermeister Dr. Bernd Sipple im Herbrechtinger Rathaus verwaist. Nach einer Stammzelltransplantation und vielen Monaten der Nachsorge sitzt er jetzt wieder an seinem Schreibtisch. Ein Gespräch.

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Nach knapp zwei Jahren zurück im Herbrechtinger Rathaus: Bürgermeister Dr. Bernd Sipple.  Foto: 
Non-Hodgkin-Lymphom. Im März 2009 wurde Dr. Bernd Sipple mit der Diagnose konfrontiert, an einer bösartigen Lymphknotengeschwulst erkrankt zu sein. Der Versuch, dem Krebs im Sommer des darauf folgenden Jahres mit einer Chemotherapie beizukommen, schlug fehl.

Mehr Hoffnung verband Sipple mit dem Ergebnis einer Strahlentherapie, allerdings brach die Krankheit 2011 wieder aus – zwei Monate nach seiner Wiederwahl. Diese hatte er bewusst mit dem Slogan „Fit für Herbrechtingen“ angestrebt. Im August 2012 wurde Sipple dauerhaft krank geschrieben, am 25. Oktober folgte eine Stammzelltransplantation an der Freiburger Uniklinik.

Seit vergangener Woche sitzt Sipple wieder täglich in seinem Büro. Was sich offiziell Wiedereingliederung nennt, empfindet der 49-Jährige als „Neuanfang mit alten Bekannten“.

Herr Dr. Sipple, der erste Tag an einem neuen Arbeitsplatz ist meist mit einer gewissen Aufregung verbunden. Ist es Ihnen ähnlich ergangen?

Ja, natürlich. So ein Schritt ist schließlich mit vielen Emotionen verbunden. In meinem Fall übrigens mit durchweg positiven, denn ich bin sehr gerne Bürgermeister.

Wer hat grünes Licht dafür gegeben, dass Sie wieder am Schreibtisch sitzen: Sie oder die Ärzte?

Das waren wir zusammen. Die Ärzte akzeptieren in so einem Fall den Willen des Patienten, und für mich war der Zeitpunkt gekommen. Ich bin austherapiert, von Heilung spricht man bei einer Krebserkrankung nicht.

Sie hatten es zuvor ja schon mal versuchen wollen. . .

. . . aber manchmal klappt es eben nicht so gut, wie man es sich erhofft. Eigentlich wollte ich schon vergangenes Jahr zurückkommen. Eine Woche vor dem zusammen mit dem Landratsamt festgelegten Termin musste ich allerdings einen Rückschlag hinnehmen und mich erneut in die Klinik begeben. An Weihnachten habe ich dann einen gewaltigen Sprung nach vorn gemacht.

Wie geht es Ihnen heute?

Im Vergleich zu vielen meiner Mitpatienten hervorragend. Die Nebenwirkungen der hochdosierten Medikamente haben natürlich meine Gesundheit insgesamt angegriffen. Aber es geht mir gut, weil ich lebe. Ich bin deshalb sehr dankbar und nicht etwa unglücklich aufgrund meiner Krankheit. Dankbarkeit bringt Glück, nicht umgekehrt.

Ende Dezember 2012 sagten Sie mir, sie wollten Ihren Stammzellspender kennenlernen.

Das will ich immer noch. Nach den geltenden Bestimmungen ist das frühestens zwei Jahre nach der Transplantation möglich, also im Oktober. Ich habe ihm schon einen Brief geschickt, aber leider noch keine Antwort erhalten.

Wie fühlen Sie sich mit ihm verbunden?

Wir sind wahre Blutsbrüder, denn sein Blut fließt ja in meinen Adern. Man muss sich mal vorstellen, welches Glück ich hatte. In der Knochenmarkspenderdatei hat sich exakt ein Stammzellspender gefunden, dessen Merkmale auf mich zutrafen. Ich hatte also nur diese Wahl: es mit ihm zu versuchen oder zu sterben.

Die Öffentlichkeit hat längere Zeit sehr wenig über Ihren Gesundheitszustand erfahren. War das eine bewusste Entscheidung Ihrerseits?

Ja, denn ich wollte mich weder vermarkten, noch wollte ich bemitleidet werden. Und genau das wäre möglicherweise passiert, wenn ich viele Worte über meine Krankheit verloren hätte. Es ging für mich in erster Linie darum, mein Leben in den Griff zu bekommen. Das hat meine ganzen Kräfte gebunden.

Was hat Ihnen außer ärztlicher Kunst geholfen, nach der Stammzelltransplantation wieder auf die Beine zu kommen?

Dazu gehören zweifelsohne die E-Mail-Kontakte mit den Pfarrern hier aus der Stadt. Dieser Austausch war sehr wichtig für mich. Außerdem hat es Frau Dr. Ghilescu von der Strahlenabteilung im Heidenheimer Klinikum hervorragend verstanden, die emotionale und die medizinische Ebene zusammenzubringen.

Wie sieht der Zeitplan für Ihre Wiedereingliederung aus?

Bis Ende August will ich täglich zwei Stunden im Büro sein, um zu sehen, wie gut ich den beruflichen Stress bewältigen kann. Das Hamsterrad dreht sich ja nicht weniger schnell, nur weil ich wieder da bin. Also muss ich mich langsam rantasten.

Anschließend steht eine umfangreiche Untersuchung an, und ab Oktober kann ich dann hoffentlich wieder Gemeinderatssitzungen leiten, meine Aufgaben in diversen Aufsichtsgremien ausüben, an Bürgermeister-Dienstversammlungen teilnehmen. Und in einem Jahr um diese Zeit möchte ich gern den letzten Schritt tun: bei Kinderfesten dabei sein, bei Bürgerversammlungen, beim Stadtfest.

Was dürfen Sie noch nicht tun?

Ich muss mich vor Infekten schützen, weil mein Immunsystem noch nicht die alte Stärke erreicht hat. Momentan bin ich bei 54 Prozent. Aus Politikersicht könnte ich natürlich sagen: Das ist immerhin schon die absolute Mehrheit. Aber es muss noch besser werden.

Sicher eine schwierige Situation für jemanden, der gerne. . .

. . . unter Menschen ist. Da haben Sie vollkommen recht. Ich bin schließlich nicht Bürgermeister, weil ich als Einsiedler leben möchte, sondern weil ich das Bad in der Menge liebe, wenn Sie so wollen. Deshalb ist für mich zunächst auch eine Welt zusammengebrochen. Plötzlich musste ich die Menschen meiden, weil sie eine Bedrohung für mich darstellten. Meine bisherige Persönlichkeit war nicht mehr tragbar. Das Gesellige: aus und vorbei.
Ich musste zwei Jahre lang Menschenansammlungen aus dem Weg gehen, um mich nur ja nirgends anzustecken. Die Welt hat sich damals auf meine Familie und einen extrem ausgedünnten Freundeskreis beschränkt. Und jetzt muss ich eben noch eine gewisse Zeit kürzer treten, um das Risiko einer Ansteckung so gering wie möglich zu halten. Ich bitte die Bevölkerung und den Gemeinderat dabei um Nachsicht und Unterstützung.

Haben Sie daran gedacht, sich aus dem Berufsleben zurückzuziehen?

Diese Momente gab es, ja. Wenn sich die neuen Zellen in meinem Körper nicht wohlgefühlt hätten, wäre es ja biologisch ohnehin nicht mehr gegangen. Ich habe mir aber immer wieder gesagt, dass ich vor der Krankheit nicht fliehen, nicht kapitulieren werde. Weil ich es mir zutraue, und weil ich wissen möchte, ob ich es tatsächlich schaffe. Unter keinen Umständen will ich mir irgendwann Vorwürfe machen, es nicht wenigstens versucht zu haben.

Inwiefern haben Sie während Ihrer Abwesenheit Einfluss auf strategische Überlegungen und konkrete Entscheidungen der Stadtverwaltung genommen?

Überhaupt nicht. Ich war komplett aus dem Tagesgeschäft draußen. Man kann nicht mitmischen wollen, wenn man nicht über das nötige Hintergrundwissen verfügt. Wenn man seine Informationen ausschließlich von Zuträgern bekommt, können die allzu leicht einseitig und bewusst gefiltert sein. So etwas macht einen manipulierbar. Und daraus würde dann die Gefahr falscher Entscheidungen resultieren.

Sind Sie zufrieden mit den Dingen, wie sie sich während Ihrer Abwesenheit in Herbrechtingen entwickelt haben, oder stimmt Sie etwas missgelaunt?

Natürlich habe ich mir aus der Distanz zu vielem meine Gedanken gemacht, aber ich benötige erst noch mehr Wissen, um die jüngsten Entwicklungen wirklich kompetent beurteilen zu können. Eines ist aber klar: Ich bin ein Mensch, der sagt, was er denkt. Und das werde ich auch noch tun. Ich kann Dinge nicht einfach so schlucken, die ich nicht gut finde.

Ihr Stellvertreter Thomas Diem hat längere Zeit die Geschäfte im Rathaus geleitet und verantwortet. Jetzt sind Sie als Rathauschef zurück. Könnte das zu Abgrenzungsproblemen im Alltagsgeschäft führen?

Herr Diem ist ein ganz anderer Typ als ich. Aber in einem guten Team braucht man unterschiedliche Charaktere. Sie bringen das System voran. Und wenn es mal Spannungen gibt, dann muss das nicht schlecht sein. Im Gegenteil. Entsteht ein Ergebnis nach harten Diskussionen, dann ist es schließlich von vielen verschiedenen Seiten beleuchtet und deshalb für die Stadt hoffentlich das Beste.

Sitzt heute ein anderer Bernd Sipple als vor seiner Krebserkrankung?

Selbstverständlich. Wenn man sich in relativ jungen Jahren mit einer existenzgefährdenden Erkrankung konfrontiert sieht, befindet man sich natürlich zunächst einmal im freien Fall. Gestern noch denkt man: Mir gehört die Welt. Und heute schon ist nichts mehr, wie es war.

Ich spüre, dass mein Glaube noch intensiver geworden ist. Und die Prioritäten haben sich deutlich vom Materiellen zum Ideellen verschoben. Früher hätte ich eine Blume in meinem Garten vielleicht gar nicht wahrgenommen. Heute erfreue ich mich an ihr.

Ich hatte ja schon immer eine philosophische Ader. Aber jetzt bedeuten mir Gespräche mit anderen Menschen noch viel mehr. Es ist ja nicht wie bei einem defekten Auto: alter Keilriemen raus, neuer rein. Betroffen ist die Seele, und das ist dann doch deutlich komplizierter.
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