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Barfuß in Gussenstadt: Extremläufer macht Halt im Kreis Heidenheim

1770 Kilometer nach dem Start seiner Wanderung auf Rügen hat Aldo Berti am Wochenende Gussenstadt erreicht. Jetzt geht es für den 53-Jährigen weiter in die Schweiz.

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    Aldo Berti in Gussenstadt.
  • Asphalt, Schotter, Gras: Egal wie der Untergrund beschaffen ist, Aldo Berti wandert barfuß durch ganz Deutschland. Am Samstag machte der 53-Jährige in Gussenstadt Station. 2/2
    Asphalt, Schotter, Gras: Egal wie der Untergrund beschaffen ist, Aldo Berti wandert barfuß durch ganz Deutschland. Am Samstag machte der 53-Jährige in Gussenstadt Station. Foto: 
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Schuhe? Hat Aldo Berti schon seit mehr als zehn Wochen nicht mehr getragen. Der 53-Jährige geht barfuß – und zwar 2100 Kilometer weit von der Insel Rügen bis nach Einsiedeln in der Schweiz. Dort will er am 20. August nach 85 Tagen ankommen und damit den bisherigen Rekordhalter im Barfußwandern übertrumpfen. Im Interview spricht der Therapeut aus Villingen über Hornhaut, Hitze und die besten Straßen in Deutschland.

Herr Berti, Sie sind jetzt seit zehn Wochen barfuß unterwegs. Bestehen ihre Fußsohlen inzwischen nur noch aus Hornhaut?

Aldo Berti: Meine Füße sind tatsächlich relativ abgehärtet und die Hornhaut hat eine gehörige Schicht erreicht! Außerdem habe ich ein paar Splitter in den Füßen – einige davon sitzen so tief, dass ich sie nicht mehr rausbekomme. Hornhaut und Splitter also . . .

. . . und vermutlich Hitze. Der Sommer in diesem Jahr ist ja sehr sonnig! Auf einer Skala von eins bis zehn: Wie sehr fühlen Sie sich wie ein Fakir?

Die Mischung zwischen heißem Asphalt und Schotter, was in dieser Gegend häufig vorkommt, ist tatsächlich ziemlich anstrengend. Meine Füße brennen quasi ständig. Und wenn ich nach 25 bis 30 Kilometern abends im Hotel angekommen bin, sind sie noch den ganzen Abend gereizt. Das ist schon fakirmäßig, muss ich sagen. Ich hatte auch schon Hagel und Sturm. Aber die Hitze ist am schwierigsten zu überwinden.

Und daran gewöhnt man sich beim Barfußwandern nicht?

Nein . . . Ich hatte auch gedacht, dass es nach einer gewissen Zeit besser werden würde. Stattdessen sind meine Füße eher noch empfindlicher geworden, weil sie immer gefordert werden. Sie tun eigentlich ständig weh. Ich habe keine Stunde, in der die Füße nicht schmerzen oder brennen.

Klingt schlimm! Haben Sie in den vergangenen Wochen auch mal ans Aufgeben gedacht?

Nicht ans Aufgeben, nein. Denn meine Wanderung ist ja ein Charity-Projekt, bei dem ich für drei Kinderhilfsprojekte sammle. Und einige der Spenden, die mir zugesagt wurden, sind abhängig davon, ob ich ankomme. Insofern gibt es die Option Aufgeben nicht. Aber natürlich gibt es an ganz aasigen Tagen, an denen ich über viel Schotter laufen musste und die Sonne brannte, auch Momente, in denen ich das Gefühl habe: Es wäre schön, wenn es jetzt vorbei wäre und ich morgen nicht mehr los müsste. Aber man kann das Wetter eben nicht verändern. Ich nehme, was kommt.

Das machen Sie jeden Tag, stundenlang und meist allein – ist das nicht unglaublich langweilig?

Nein, das ist meditativ. Ich bin von Beruf Mentalcoach und Therapeut und die Themen Konzentration und Kontemplation begleiten mich daher auch im Alltag sehr. Da ich das aber beruflich mache, habe ich für mich selbst nie so viel Zeit. Und das ist jetzt ein Gewinn für mich. Es ist schön, dass ich mit mir alleine bin. Ich genieße das. Man kommt irgendwann in seinen eigenen Flow hinein, in seinen eigenen Rhythmus. Das ist schön für die Selbstreflektion und macht Spaß. Langeweile ist also nicht das Problem.

Vom Start Ihrer Wanderung auf Rügen bis hier in Gussenstadt haben Sie ja inzwischen fast ganz Deutschland durchquert. Wo gibt es denn die besten Wege?

Dortmund ist für Barfußläufer die geeignetste Stadt! Dort gibt es selbst in den Vororten schöne, glatte Gehwege, auf denen kein Schotter und kein Splitt liegt. Das war sehr angenehm zu gehen.

Und wo war es besonders schlimm?

Während der vergangenen zwei Wochen lag auf den Wegen sehr viel Schotter. Ich bin wahrscheinlich zu einer schlechten Zeit hier: Man hat mir gesagt, dass gerade frisch geschottert wurde, weil der Asphalt so weich wird. Dann schottert man neu, damit er sich wieder stabilisiert.

Um auf solche Begebenheiten vorbereitet zu sein: Haben sie das Barfußlaufen vor der Wanderung trainiert?

Ja, die Tour ist mir Ende 2015 in den Kopf gekommen. Ich habe dann sukzessive angefangen, barfuß zu laufen. Und ab Winter 2015/16 bin ich ständig barfuß gelaufen. Auch bei Minusgraden und Schnee. Ich habe also wirklich eineinhalb Jahre trainiert, bevor ich losgelaufen bin. Die Füße waren deshalb schon ein bisschen vorgewarnt.

Wie kamen Sie denn überhaupt auf die Idee?

Ich engagiere mich seit vielen Jahren für unterschiedliche Charity-Projekte. Mit meinem Freund, dem ehemaligen Profiboxer Luan Krasniqi, bin ich zwei Jahre lang Marathons für SOS-Kinderdorf weltweit gelaufen. Das war das erste Projekt, bei dem ich mich sportlich beteiligt habe – damals mit einem Gewicht von 110 Kilo. Dann ist ein Charity-Box-Event entstanden. Da ich aber selber nicht in den Ring gehe, brauchte ich etwas, das ich machen kann. Ich habe also das Barfußlaufen für mich entdeckt und gesehen: Es gibt da einen Weltrekord. Der erste lag bei 1448 Kilometern in 100 Tagen, den habe ich in Bad Kissingen nach 60 Tagen und 1500 Kilometern eingestellt. Den zweiten Rekord hat ein Ire vergangenes Jahr aufgestellt. Er ist in 104 Tagen 2080 Kilometer um Irland herumgelaufen. Diesen Rekord werde ich hoffentlich am 20. August brechen – wenn ich in 85 Tagen 2100 Kilometer gelaufen bin.

Sieht es denn gut aus?

Ja, ich habe jetzt hier bis Gussenstadt 1770 Kilometer hinter mich gebracht. Wenn ich also in den nächsten Tagen durchschnittlich 25 Kilometer schaffe, sollte es passen. Ich liege gut in der Zeit.

Apropos schaffen: Wie wird eigentlich überprüft, ob Sie den bestehenden Weltrekord übertreffen?

Da ich die gelaufenen Kilometer nachweisen muss, habe ich ein GPS-Gerät dabei und benutze eine App. Die Daten muss ich am Ende des Tages nach England zu Guinness World Records schicken – zusammen mit den Fotos, Presseberichten und Zeugenaussagen. Ich lasse nämlich immer wieder Leute unterschreiben, dass sie mich gesehen haben. Alles wird möglichst gut dokumentiert.

Freuen Sie sich eigentlich darauf, mal wieder Schuhe anzuziehen?

Ja! Ich freue mich darauf, meine Füße wieder zu schützen und mal wieder durch eine Stade gehen zu können, ohne dass ich auf den Boden achten muss. Wie gesagt: Die Straßen sind voll mit Scherben und kleinen Steinen. Und wenn man die unter die Hacken kriegt, dann tut das aasig weh. Ich muss also immer sehr darauf fokussiert sein, wo ich hintrete. Dass ich dadurch von der Landschaft sehr wenig mitbekomme, hatte ich vorher nicht bedacht. Philosophisch betrachtet ist das ja auch im Alltag so: Man sieht das Schöne um sich herum nicht, weil man mit irgendetwas anderem zu sehr beschäftigt ist.

Nach all den Wochen, in denen Sie Ihren Rekordversuch sicherlich unzähligen Leuten erklärt haben: Können Sie das Wort Füße eigentlich noch hören?

Füße sind ein spannendes Thema! Sie sind Grundlage unseres Lebens und werden mich sicherlich auch nach der Wanderung noch beschäftigen. Und auch wenn ich natürlich wieder Schuhe anziehen werde, werde ich auch vielen Leuten raten, barfuß zu laufen. Immerhin weiß man heute, dass es für die Fußgesundheit, das Skelett und die gesamte Muskulatur sehr positiv ist. Worte, vor denen ich inzwischen Angst habe, sind zum Beispiel Schotter und Splitt. Da kriege ich Bauchkrämpfe. Das Thema Füße werde ich aber mit Leidenschaft weiterbetreiben.

Dann ist ja gut! Eine Frage muss nämlich noch sein: Wie wichtig sind Ihnen saubere Füße?

Man muss ja als Barfußläufer nicht dreckig sein! Ich pflege meine Füße deshalb schon sehr. Sie sind eigentlich immer sauber. Denn spätestens wenn ich abends ins Hotel komme, werden sie geschrubbt, eingecremt und dann hochgelegt. Außerdem benutze ich ein Enzympräparat. Deshalb sehen meine Füße nach 1700 Kilometern wahrscheinlich noch recht vernünftig aus, auch die Sohle.

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