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Bahn frei für den "Trash Train"

Noch nie war das Kunstmuseum so vollgestellt mit Arbeiten, zumal nicht so unterschiedlicher Art wie jetzt. „Wir haben hier ein kleines Universum geschaffen“, meint Andreas Welzenbach, der das Projekt „Trashtrain“ im Heidenheimer Kunstmuseum gesamtkünstlerisch betreut.

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„Wir haben hier ein kleines Universum geschaffen“, meint Andreas Welzenbach, der das Projekt „Trashtrain“ im Heidenheimer Kunstmuseum gesamtkünstlerisch betreut. „Und wer sich durch den Raum bewegt, dem tun sich beständig neue Perspektiven auf“.

Noch nie war das Kunstmuseum so vollgestellt mit Arbeiten, zumal nicht so unterschiedlicher Art wie jetzt. Und diese eigenwillige Welt eröffnet sich sofort beim Betreten des Museums, wo ein Besucher empfangen wird unter anderem mit einer „Wohlfühlbox“, einer kleinen Kabine, die sogar mit einem wattierten Schulterklopfer ausgestattet ist. Auch ein trashiges Modell der Bahn, die oben im Hugo-Rupf-Saal aufgebaut ist, findet sich gleich hinterm Eingang.

Die eigentliche Ausstellung aber ist eingerichtet im ersten Stock. Und wer hier eintritt, wird empfangen von einer überwältigenden Fülle von Arbeiten – alles Unikate, denen allenfalls gemein ist, dass sie im Regelfall sehr bunt gestaltet wurden. „Es ist ein Gesamtkunstwerk“, beurteilt Welzenbach das, was hier aufgebaut wurde und derzeit ein Finishing hin auf die für morgen anstehende Preview erfährt. Aber zugleich ist es eine Schau mit Objekten in einer gar nicht gleich aufnehmbaren Hülle und Fülle, die einlädt, einen zweiten und einen dritten Blick und gerne auch einen zweiten und dritten Besuch zu wagen.

Kleine Bahn fährt zwischendrin

Und zwischen diesen Arbeiten, in anderthalb Jahren von vielen Kindern und Jugendlichen in zahlreichen Kursen von „Kinder und Kunst“ geschaffen, rollt eine Modellbahn. Das ist ein handelsübliches Produkt, elektrisch betrieben, wie sie etwa von Schaustellern (Schweinchenbahn) oder in anderen Bereichen betrieben wird. Sie fährt auf einem über 40 Meter langen Oval durchs Kunstmuseum, eine Umrundung dauert etwa eine Minute: Drei Waggons können jeweils zwei hintereinander sitzende Fahrgäste aufnehmen, dazu kommt ein weiterer Platz in der Lokomotive: Die symbolträchtige Zahl sieben nennt hier die Anzahl der jeweils mit dem „Trashtrain“ mobilisierbaren Menschen.

Mag die Technik des Zugs auch handelsüblicher Standard sein (was schon aus Sicherheitsgründen auch sinnvoll ist) – der „Trashtrain“ ist dennoch ein Unikat. Gestaltet hat Lok und Wagen der aus Aalen stammende freischaffende Künstler Andreas Welzenbach. Und er hat dafür gesorgt, dass das Bähnle von derselben „trashigen“ Anmutung ist wie die gesamte Ausstattung der aufwändigen Ausstellung, bei der vieles aus Kartons, Obstkisten und in Baumärkten günstig erwerbbaren Materialien besteht.

Viel Kreativität und Gestaltungslust steckt in jedem Objekt der vielen Teilwelten, die der große Museumsraum beherbergt; selbst die dritte Dimension ist besetzt, mit einem Flugzeug unter der schmiedeeisernen Entlüftung.

Und dann ist das Treppenhaus gleich nebenan noch als Autoparcours vorbereitet; das Foyer im Erdgeschoss beherbergt weitere Welt-Modelle.

Und bei allen diesen Arbeiten gilt: Sie sind entstanden unter Mitwirkung und womöglich gelegentlicher Anleitung von Künstlern, die heute noch von den Einfällen der „Kiku“-Kinder schwärmen. Kathrin Vahle-Jochner etwa von den Ideen, die eingebaut wurden in die einleitend erwähnte „Wohlfühlbox“.

Videos in einer Blackbox

Weitere Namen, die der „Trashtrain“-Folder aufweist, sind durch eigene Arbeiten und Ausstellungen dem regionalen Kunstinteressierten bekannt: Johanna Bauer, Ulrike Beulich-Pfeiffer, Albrecht Briz, Beate Gabriel, Helmut Hurler, Sabine Sablotny sowie Johanna Senoner wurden vielfältig eingebunden in das Projekt.

Von Briz etwa stammt die Idee, mit zollstockartigen Elementen, frappierend überdimensioniert, die Silhouette eines Gebirges nachzuzeichnen, das sich erhebt über dem begehbaren Holzkubus, der einerseits als Tunnel dient (mit fluoreszierenden Lineaturen und geisterbahnartigen, angeblasenen Hängeelementen) und andererseits als „Blackbox“, in der bis zu 20 Personen Videos betrachten können. „Wir wollten auch dieses Genre zeitgenössischer Kunst integrieren“, nennt Welzenbach den formalen Hintergrund dieser Ecke hinten rechts.

Zu sehen sind verschiedene Videos, beispielsweise eines, das an der Heidenheimer Waldorfschule entstanden ist. Es gibt aber auch ein skurriles Video der beiden Künstler Uschi Huber und Jörg Paul Janka, das Mitglieder eines Wuppertaler Modellbahnclubs zeigt, die gezwungen waren, wegen Entmietung, ihre in 50 Jahren mit viel Liebe entstandene Großanlage abzubauen. Die Gesichter der Menschen, die genötigt sind, zu zerstören, was sie über die Jahre mit viel Liebe aufgebaut und gepflegt haben, spricht Bände. „Ein interessantes Kunstprojekt“, meint Welzenbach, der den Kontakt vermittelt hat. Jedenfalls bekommt der Begriff „Trashtrain“ hier eine ganz neue und nicht nur lustige Bedeutung.

Der Innenraum der Anlage ist begehbar nur über eine hohe und doppelt gesicherte Brücke aus Metallelementen. Geht man im Innenraum weiter, stößt man auf einen dreidimensionalen „See“ von Beate Gabriel, der aus vier Textilbälgen besteht, die von Ventilatoren beblasen werden und sich bewegen: „Das hat ein bisschen was von Wellen“, meint Welzenbach, der vehement abstreitet, dass man auch die Assoziation kopulierender Walfische haben könne.

Links hinten steht ein „Wald“, der aus hypertrophen Pilzen und zwischengestellten Rehen besteht. Der Bereich „Stadt“ findet sich gleich rechts vom Eingang und lädt auch zu genauerem Hinschauen ein. Denn einladende Gebrauchsanweisungen finden sich auf einigen Papparbeiten; wer etwa das adventskalenderartige Türchen am brennenden Haus öffnet, sieht ein gemaltes Kind mit der Sprechblase „Hilfe“.

Absicht der lange geplanten und sorgsam vorbereiteten Ausstellung ist es jedenfalls auch, Spaß zu vermitteln. Und den kann man haben beim Entdecken der vielen liebevoll gestalteten Details. Und die Gesichter der Menschen, die im Zügle sitzen, der über einen aufwändig geschaffenen Bahnhof erreichbar ist, sprechen Bände: Ein Grinsen kann sich da wohl keiner der Mitfahrer verkneifen.

Info: Am Freitag, 15. August, ist um 19 Uhr „Preview“ von „Trashtrain“. Danach kann die Ausstellung besichtigt werden. Die offizielle Vernissage findet nach den Sommerferien statt: am Samstag, 20. September, 17 Uhr. Dann gibt's auch Reden.

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