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Antrag auf Härtefall: Die letzte Hoffnung dieser Familie

Um eine Familie aus Indien vor der Ausweisung und der Verfolgung durch Verwandte in ihrer Heimat zu bewahren, wird jetzt die Dischinger Aktion „Freunde schaffen Freude“ aktiv.

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Die Vorsitzende der Aktion „Freunde schaffen Freude“, Inge Grein-Feil (Zweite von links), und Annemarie Stoll, Einsatzleiterin der Nachbarschaftshilfe Dischingen (Zweite von rechts), unterstützen seit 2015 eine indische Familie, der jetzt die Ausweisung droht. Ein Härtefallantrag, erstellt von Siggi Feil (rechts), soll das verhindern.  Foto: 

Ein 36-seitiges Dokument, das abgeheftet in einem Ordner mit zahlreichen Anlagen auf dem Tisch liegt, soll nun über die Zukunft einer vierköpfigen, in Dischingen lebenden Familie entscheiden. Eingereicht wurde dieser Antrag bereits – bei der Härtefallkommission im Innenministerium in Stuttgart.

Die Familie, um die es sich handelt, stammt aus Indien. Rajbir Kaur und Taranjeet Singh sind Flüchtlinge. Seit 2013 leben sie in Deutschland, mit ihren beiden Kindern und der Hoffnung, hier bleiben zu dürfen. Voriges Jahr im Juni dann die ernüchternde Gewissheit: Ihr Asylantrag wurde abgelehnt. Der Härtefallantrag ist ihre letzte Chance.

Warum eine indische Familie Asyl sucht

Warum ein Ehepaar aus dem Bundesstaat Punjab im Norden Indiens Asyl in Deutschland sucht? Aus einem Land, in dem kein Krieg herrscht? Die Antwort findet sich in alten gesellschaftlichen Traditionen und ungeschriebenen Gesetzen.

Eine unerlaubte Heirat

In Indien gibt es das Kastenwesen, eine Abgrenzung von gesellschaftlichen Gruppen. Diese Abgrenzung betrifft vor allem konservativ und traditionell lebende Familien. Zwischen verschiedenen Kasten darf es daher keine Eheschließung geben. Im Fall der Eheleute, die seit 2015 in der Arche in Dischingen leben, wurde gegen dieses gesellschaftliche Gesetz verstoßen: Die 34-jährige Rajbir stammt aus einer niedrigeren Kaste als ihr Mann, dessen Kaste höher angesehen ist. Zudem hätte sie mit einem anderen Mann zwangsverheiratet werden sollen. Dennoch haben sich die beiden füreinander entschieden, gegen den Willen ihrer Familien. Ein Verstoß gegen die Ehre.

Seit dem Tag ihrer Heirat seien die beiden in Indien deshalb nicht mehr sicher gewesen, sagt Inge Grein-Feil, die die Familie zusammen mit der Aktion „Freunde schaffen Freude“ unterstützt. „Fünf Männer standen plötzlich vor der Tür der Familie in Indien und drohten mit Gewalt“, sagt Grein-Feil, die auch von Ehrenmord spricht. Genau das drohe vor allem der jungen Frau und ihrer inzwischen zweijährigen Tochter Gurbani im Falle einer Rückkehr.

Zwei Cousinen wurden bereits ermordet

Bereits zwei ihrer Cousinen seien aus denselben Gründen ermordet worden, erzählt die junge indische Mutter unter Tränen. Ganze Klans würden sich in Indien vernetzen, um die Familie ausfindig zu machen und zu bestrafen, ergänzt Grein-Feil.

Der Onkel des 31-jährigen indischen Vaters erkannte damals diese Gefahr und verhalf dem Ehepaar zur Flucht. Nach der Erstaufnahme in Karlsruhe und einem Zwischenstopp in Heidenheim fand die Familie 2015 Zuflucht in der Arche.

„Hier haben sich die Beiden sehr gut integriert und sind bei Jung und Alt beliebt“, sagt Grein-Feil. Sie machen Sprachkurse bei der Volkshochschule und bei der pensionierten Dischinger Lehrerin Jutta Diemer, helfen bei Veranstaltungen und seien sehr freundlich und liebenswürdig. Der Vater, der keine Arbeitsgenehmigung hat, mache zudem einen Ein-Euro-Job beim Hausmeister in der Schule.

Misshandelt und traumatisiert

Die Angst, in ein Land zurück zu müssen, in dem ihnen Verfolgung und Tod drohe, blieb jedoch trotzdem, sagt Grein-Feil. Und damit nicht genug: Bei einem Unfall verbrühte sich die zweijährige Tochter vergangenes Jahr mit heißem Teewasser und erlitt am Oberkörper Verbrennungen zweiten Grades.

Zahlreiche Arztbesuche waren notwendig. Hilfe kam in dieser Situation auch von Annemarie Stoll von der Dischinger Nachbarschaftshilfe. Vor allem die Mutter sei durch dieses Erlebnis schwer traumatisiert, sagt Grein-Feil: Die junge Frau sei nämlich als Kind auch verbrüht worden – jedoch mit Absicht. Grein-Feil berichtet zudem von zahlreichen Misshandlungen, die der 34-jährigen Mutter durch die Stiefmutter in Indien zugefügt wurden. Und nun auch noch der abgelehnte Asylantrag im Sommer 2016 – ein harter Schlag für die junge Familie.

Und auch für das Team von „Freunde schaffen Freude“. „Wir konnten alle nicht mehr schlafen“, sagt Grein-Feil. Deshalb wandte sie sich an Anwalt Stefan Norder, der ihnen zu einem Härtefallantrag als letzte Möglichkeit riet.

Ein Berg an Arbeit

Erstellt wurde das umfangreiche Dokument von Grein-Feils Ehemann Siggi Feil in zweimonatiger Arbeit. Auf 36 Seiten mussten vor allem zwei Dinge herausgearbeitet werden: zum einen der Fluchtgrund und zum anderen ein Nachweis darüber, wie gut die Familie bereits integriert ist.

Gestützt wird das Ganze von 65 Anlagen. Darunter eine Liste mit Unterschriften von knapp 500 Dischingern, ärztliche Gutachten, die den psychisch schlechten Zustand der Mutter bescheinigen, und zahlreiche Helferschreiben. Auch CDU-Bundestagsabgeordneter Roderich Kiesewetter unterstützt die Familie mit einem Schreiben.

„Ohne Siggi und unseren Anwalt hätte ich das nicht geschafft“, sagt Grein-Feil, die den Antrag durch „Freunde schaffen Freude“ stellt und sich darin auch auf die bisherigen Integrationsleistungen des Vereins beruft. Und Annemarie Stoll von der Nachbarschaftshilfe ergänzt: „Die Regierung tut viel für die Flüchtlinge, aber leider kommen das Menschliche und die Integration bei Entscheidungen oftmals zu kurz.“ Deshalb setzt Stoll ihre Hoffnung jetzt auf den Härtefallantrag.

Jetzt heißt es warten

Neben vielen Dischinger Bürgern, die wollen, dass die Familie in Deutschland bleiben darf, ist dies vor allem der Wunsch des jungen indischen Paars. Die Mutter erklärt in gebrochenem Deutsch, dass sie ihre Kinder schützen muss: „Wenn ich allein wäre, dann würde ich zurückgehen.“

Es kann Monate dauern, bis sich die Härtefallkommission entscheidet. Bis dahin können alle Beteiligten nur warten. „Ich hoffe, dass die Nächstenliebe gewinnt“, so Inge Grein-Feil.

Eine Kommission als letzte Instanz

Härtefallkommissionen sind bei den Innenministerien der Bundesländer angesiedelte Gremien, die Ausländern ohne Aufenthaltsrecht zum Bleiben verhelfen können. Sie entscheiden, ob die Ausreise aus menschlichen oder moralischen Gründen unmöglich ist. Zusammengesetzt sind diese Gremien unter anderem aus staatlichen und kirchlichen Vertretern sowie Flüchtlingsorganisationen.

Im Fall der indischen Familie spielt das Kastenwesen eine entscheidende Rolle. Offiziell wurde das Kastensystem zwar 1949 in Indien abgeschafft, es bestimmt aber immer noch weite Teile des sozialen Lebens - vor allem in ländlichen Gegenden. Das klassische Kastensystem gliedert sich in vier Hauptkasten. Ganz oben stehen Priester, ganz unten Dienstleister.

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