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AKW Gundremmingen: Doch nicht sicher bei Erdbeben?

Droht bei einem schweren Erdbeben in Gundremmingen eine Kernschmelze? Die Frage schien geklärt. Doch Atomexperten bezweifeln nun erneut die Sicherheit.

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Die Vorstellung ist eine schreckliche: Ein Erdbeben erschüttert das AKW Gundremmingen. Die Stöße dauern so lang und sind so stark, dass Wände und Putz aufreißen. Im Kraftwerk fallen plötzlich alle Systeme aus, die nicht in erdbebensicheren Gebäuden untergebracht sind. Auch die externe Stromversorgung bricht ab, die Warte fällt aus und über Stunden gibt es keine Hilfe von außen.

So, bzw. noch detailreicher, lautet das Szenario, das zugrunde gelegt wird, wenn es um die Erdbebensicherheit von Atomkraftwerken geht. Es wird dabei zwar davon ausgegangen, dass ein solches Erdbeben höchstens alle 10 000 Jahre und in einem 200-Kilometer-Umkreis um das Kraftwerk auftritt. Doch wenn es auftritt, stellt sich die Frage: Übersteht Gundremmingen ein solches Szenario, ohne dass es zur Kernschmelze kommt? Können die Brennstäbe ausreichend und lange genug gekühlt werden, selbst wenn um das Kraftwerk herum der Ausnahmezustand herrscht?

Diese Fragen sind seit Jahren Zankapfel zwischen Behörden, Betreiber, Prüforganisationen und Atomkritikern und haben in Regelwerke, Gutachten und Gegengutachten gemündet. Ein erstes Gutachten von 2013 bezweifelte die Sicherheit. Eine zweite Untersuchung kam 2016 zu dem Schluss, dass das AKW sicher sei. Nun liegt Gutachten Nummer drei vor, verfasst von Prof. Manfred Mertins, der unter anderem verantwortlich war für die Erarbeitung der derzeitigen AKW-Sicherheitsanforderungen.

Mertins kommt zu dem Schluss: Gundremmingen ist nicht sicher.

Der Grund für diese Beurteilung ist ein nachträglich eingebautes System namens Zuna. Es soll die zwei bestehenden erdbebensicheren Kühlsysteme um ein drittes ergänzen, denn nur wenn ein AKW drei vollständige, als Sicherheitssysteme anerkannte Notkühlungen hat, gilt es als erdbebensicher.

Mertins führt mehrere Gründe auf, warum die Sicherheit in Gundremmingen nicht gewährleistet sei: Zum einen werde das Zuna-System seit seiner Errichtung 1996 nicht einmal vom Bundesumweltministerium oder von Prüforganisationen wie der Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) und dem Tüv als vollwertiges Sicherheitssystem bezeichnet, sondern werde mal als „sonstiges sicherheitstechnisch wichtiges System“, oder „unterstützendes“ oder „Notfallsystem“ bezeichnet. Doch der wichtigere Punkt aus Sicht von Mertins: Das Zuna-System verfügt nicht über einen Zwischenkühlkreislauf.

Zwischenkühlung zwingend

Dieser sei deswegen von Bedeutung, weil er eine zusätzliche Barriere für Radioaktivität darstellt. Wenn etwa im Innenkühlkreislauf Lecks entstehen und radioaktives Wasser austritt, wird durch eine Zwischenkühlung verhindert, dass dieses in die Donau gelangt. Fehlt die Zwischenkühlung, könne Strahlung eher an die Umwelt gelangen. Im Gutachten heißt es zudem: Ein Zwischenkühlkreislauf sei zwingend, um den gültigen Stand von Wissenschaft und Technik zu erreichen. Selbst die ältesten noch laufenden Kraftwerke, darunter Fessenheim, verfügen über Zwischenkreisläufe in der Notkühlung, so Mertins. Sein Fazit: „Beim AKW Gundremmingen sind die notwendigen Voraussetzungen zur Störfallbeherrschung nicht gegeben.“

Rückendeckung bekommt Mertins von Lothar Hahn, ehemals technischer Leiter der Gesellschaft für Reaktorsicherheit. Hahn hat Mertins Gutachten rezensiert und bezeichnet es als schlüssig. In Auftrag gegeben wurde es von der Grünen Bundestags- und der bayerischen Landtagsfraktion. Federführend: die Karlsruher Abgeordnete Sylvia Kotting-Uhl, die seit Jahren die Sicherheit im AKW Gundremmingen infrage stellt. Kotting-Uhl sagt zum Mertins-Gutachten: „Unglaublich, dass dieses AKW immer noch laufen darf. Gundremmingen muss unverzüglich vom Netz, solange es die Anforderungen nicht erfüllt.“ Der Betreiber des AKW hatte Kritik an der Notkühlung wiederholt zurückgewiesen und betont, dass alle Sicherheitsanforderungen erfüllt werden.

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