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„Manchmal stumm vor Glück“

DUNSTELKINGEN. „Haben Sie Zeit auf eine Tasse Kaffee?“, fragt Siglinde Broich-Bernt Passanten, die ihr zufällig begegnen. Auf der Straße oder im Café beispielsweise. Diesmal kommt der Vater zweier Mädchen zu Wort, die nicht seine leiblichen Kinder sind.

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„Ich würde es immer wieder tun“, sagt Joachim Kiunke und spricht damit die Pflegschaft und Adoption seiner Kinder an, für die er sich vor fast 20 Jahren mit seiner Frau zum ersten Mal entschieden hat. Die große Tochter ist mittlerweile 19 Jahre alt. Als Lindas Mutter tödlich verunglückte, sprang zunächst die Großmutter ein. Wenige Monate später übernahm das Ehepaar für immer die Verantwortung. Der Vertriebsingenieur: „Da war sie ein Jahr alt.“ Eine Adoption scheiterte an der Einwilligung des Kindesvaters.

So ganz anders die Geschichte von Tochter Nummer zwei. „Wir haben unsere Anna-Lena mit sieben Monaten bekommen und waren bereits die vierte Station für das Baby.“ Mittlerweile ist das Adoptivkind 14 Jahre alt und steckt mitten in der Pubertät.

„Spätestens dann stellt sich die Frage: Wo komme ich her?“, sagt der 52-Jährige, der mit der Familie in Dunstelkingen lebt. Dass er und seine Frau nicht die leiblichen Eltern von Linda und Anna-Lena sind, habe man den Kindern von Anfang an nicht verheimlicht. „Das wäre bei unseren Großen auch gar nicht anders möglich gewesen. Sie ist dunkelhäutig.“

Generell ist Joachim Kiunke der Meinung, dass man aus einer Adoption kein Geheimnis machen sollte. „Man muss den richtigen Zeitpunkt finden, um mit der Sprache herauszurücken.“ Sonst heiße es irgendwann einmal: „Ihr habt mich über viele Jahre belogen.“

Die Volksweisheit „Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr“, trifft auf den Vertriebsingenieur wohl in mehrfacher Hinsicht zu. „Ein Kind zu erziehen, ist eine Lebensaufgabe, selbst dann, wenn alles in sogenannten normalen Bahnen läuft.“ Für das häufig aggressive Verhalten von Pflege- und Adoptivkindern habe die Gesellschaft meist wenig Verständnis.

Der Vertriebsingenieur macht das am Beispiel von Anna-Lena deutlich. Die 14-Jährige hat vor einiger Zeit versucht, Kontakt mit der leiblichen Mutter aufzunehmen. Deren Ablehnung, die als Mitteilung über das Jugendamt kam, war für den Teenager niederschmettern. „Das birgt Zündstoff, der unserer Tochter zu schaffen macht“, hat Familie Kiunke schmerzlich erfahren müssen. Die Reaktion der Gesellschaft zermürbt das Kind. Auf die Frage „Wie kann eine Mutter das tun?“, gebe sich Anna-Lena selbst Antworten: „Ich bin schuld“, „Ich war nicht gut. Darum hat meine Mama mich verlassen, will nichts von mir wissen.“ Kein Gegenargument der Adoptiveltern könne da punkten, werde überhaupt gehört.

Die Verweigerung der Kindesmutter wirke sich fatal aus. Aggression, Trotz, Grenzüberschreitungen, Abkapselung – all das sei nur ein kleiner Teil der Auffälligkeiten. Das Umfeld, der Freundeskreis, die Schule reagierten irritiert oder besser gesagt mit Resignation. Das sehe selbst bei Pädagogen nicht anders aus. „Bei diesem Thema sind viele total überfordert.“

Um der Probleme Herr zu werden, die Anna-Lena umtreiben, hat das Ehepaar Kiunke viele, viele Seminare besucht, Literatur gewälzt, sich mit Verwandten, Freunden, Elternpaaren, Psychologen und Ärzten ausgetauscht, sich beraten lassen, Grenzen gesetzt, mal enger und wieder ganz anders. Der Kommentar: „Also, wenn das meine Tochter wäre, dann würde ich aber . . .“ habe zu keinem Zeitpunkt weitergebracht. Wie sagte schon Jacky Kennedy? In der Erziehung anderer Leute ist jeder ein Fachmann. Der Pflege- und Adoptivvater: „Das größte Problem ist das Verständnis des Umfeldes für verhaltensauffällige Kinder. Adoptiveltern kommen dabei immer wieder an ihre Grenzen.“

Joachim Kiunke und Ehefrau Edith hätte es geholfen, mehr über die Blutsverwandten ihrer Anna-Lena zu erfahren. „Der Charakter eines jeden Kindes hängt zu 90 Prozent von den Genen ab. Da lassen sich leichter Rückschlüsse ziehen. Aber wenn man die Eltern nicht kennt . . .?“, sagt der 52-Jährige und hängt kurz seinen Gedanken nach.

„Es hat sich gelohnt, so viel zu investieren“, resümiert der zweifache Vater. „Eine Quelle der Kraft waren immer unsere Urlaubsreisen und gemeinsame Unternehmungen.“

Einen jungen Menschen zu erziehen, habe viele schöne Seiten, wenn auch die Sorgen mit einem Pflege- oder Adoptivkind größer seien. Und dann zählt er voller Stolz die besonderen Begabungen seiner Töchter auf und sagt schlicht: „Manchmal ist man stumm vor Glück.“

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