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Teile Gussenstadts bekommen bald selbstgemachte Wärme

Womöglich schon im kommenden Winter sollen Teile Gussenstadts mit Wärme aus der geplanten Biogasanlage im Gewann Häule versorgt werden. Das Interesse im Ort ist groß, die eigens gegründete Genossenschaft steht in den Startlöchern.

Jens Eber |

Die Zukunft der Wärmeversorgung in Gussenstadt ist grün. Nicht zwingend politisch gesehen, aber auf dem Ortsplan, den Thomas Häcker und Hermann Köpf ausbreiten, sind viele Häuser grün umrandet. Dort soll künftig die Energiegenossenschaft Gussenstadt für Behaglichkeit im Wohnzimmer und heißes Badewasser sorgen.

Häcker und Köpf sind Vorstandsmitglieder der Genossenschaft, die noch den Status „in Gründung“ trägt. Sie sind werdende Energieunternehmer, aber keine mit teuren Anzügen und PR-Phrasen im Gepäck. Sie sind Gussenstadter Landwirte, und wenn sie von der grünen Zukunft in ihrem Dorf reden, geht es handfest um Mist und Gülle, um Mais und Hackschnitzel – und die intelligentesten Möglichkeiten, aus diesen Rohstoffen möglichst umfassend Energie zu gewinnen.

Der Begriff „The Energiewende“ hat es als Lehnwort bereits bis über den großen Teich geschafft. Auch in Deutschland, und nicht zuletzt in Baden-Württemberg, ist die Energiewende längst in Bewegung – abseits langwieriger Diskussionen in der großen Politik. „Ich glaube immer mehr, dass die Energiewende nicht von oben nach unten funktionieren wird, sondern anders herum“, sagt Hermann Köpf. Wenn sich die Menschen vor Ort, soll das heißen, an der Energiewende beteiligen können, wird sie auch funktionieren.

Was die Gussenstadter Energiegenossenschaft plant, ist im Landkreis noch Neuland: Gemeinsam will man nahe der Kläranlage eine Biogasanlage bauen, die Strom erzeugt und damit Geld erwirtschaftet. Die im Gasmotor entstehende Wärme soll nicht, wie bei vielen älteren Anlagen, einfach über den Kamin entweichen, sondern über eine Wärmeleitung in den Ort transportiert werden. Über Wärmetauscher in den Kellern gelangt die Wärme schließlich in Wohnhäuser und öffentliche Gebäude.

Mitglieder der Genossenschaft sind derzeit ein rundes Dutzend Landwirte, die Gemeinde Gerstetten will beitreten, und auch die Abnehmer werden beteiligt sein. Das schaffe Transparenz und schließe den „Faktor Neid“ von vornherein aus. Die Überzeugungsarbeit vor Ort geschah bislang vor allem ehrenamtlich, sie zogen von Haus zu Haus, stellten ihre Pläne vor, stießen immer wieder auf Skepsis, insgesamt aber auf wachsendes Interesse. „Wir sind von der Idee überzeugt“, sagt Häcker.

Die Zustimmung im Ort sei groß. In einem ersten Schritt wollen sie das Wohngebiet im Norden und Nordosten Gussenstadts erschließen. Dort will sich offenbar ein Großteil der Anwohner beteiligen, auch Schule, Kindergarten, Feuerwehrhaus sowie die Turn- und Festhalle sollen künftig Wärme aus erneuerbarer Quelle beziehen.

Diese Gebäude mit ihren teils maroden Heizanlagen brachten Werner Häcker, den Gussenstadter Ortsvorsteher und Thomas Häckers Vater, erst auf die Idee: Einerseits bräuchte es neue Heizanlagen, die wohl sechsstellige Summen verschlängen, andererseits gibt es in nächster Umgebung Landwirte, in deren Betrieben reichlich Biomasse übrig bleibt, aus der Energie gewonnen werden kann. Häcker zählte Eins und Eins zusammen, die Idee von der Biogasanlage samt Nahwärmenutzung war geboren.

Im Moment existiert das „Baby“ vor allem in dicken Stapeln Papier. Mit etwas Optimismus, sagen Häcker junior und Köpf, könnte im späten Frühjahr die Genehmigung vorliegen. Die Bauzeit werde etwa drei bis vier Monate betragen. Parallel wollen sie die Wärmeleitung in den Ort verlegen und dort die Häuser anschließen sowie in den Kellern die Wärmeübergabestationen montieren. „Die Leute werden danach viel Platz im Heizkeller haben“, sagt Thomas Häcker. Der Netzausbau wird sich voraussichtlich über mehrere Jahre erstrecken. Schon jetzt sei freilich wichtig zu wissen, wie viele Häuser einmal angeschlossen werden sollen, um die Leitung von der Anlage in den Ort richtig zu bemessen.

Silos, Fermenter, das Haus für den Motor – auf den Plänen sieht alles nach einer mächtigen Anlage aus. Mit einer Leistung von 400 Kilowatt bewege man sich aber in der „Anfängerklasse“, sagt Häcker. Zu rund 70 Prozent wollen sie Mist und Gülle aus den an der Genossenschaft beteiligten Betrieben einsetzen, die zudem aus maximal sechs Kilometern Entfernung anliefern dürfen. Man wolle gar nicht erst irgendeine Form von „Biomasse-Tourismus“ entstehen lassen, betont Hermann Köpf.

Allerdings besteht etwa Rindergülle zum Großteil schlicht aus Wasser, pro Tonne lassen sich nur gut 20 Kubikmeter Gas gewinnen. Zum Vergleich: Aus einer Tonne Mais entweicht in der Anlage annähernd die zehnfache Menge Gas. Die restlichen 30 Prozent der nötigen Substratmenge sollen daher aus Mais-, Gras- oder so genannter Ganzpflanzensilage stammen. In der Anlage werde es eher gemächlich aber stetig gären, erklärt Häcker. Insgesamt wollen sie pro Jahr rund 17 700 Tonnen Substrat einsetzen, davon 12 500 Tonnen Gülle und Mist.

Synergien ist ein Stichwort, das beim Gespräch mit Köpf und Häcker immer wieder fällt. Die Wärmenutzung etwa ist ein Effekt der Stromproduktion, und die Reste, die nach der Vergärung übrig bleiben, sollen, wie Gülle oder Mist eben, auf Feldern ausgebracht werden. „Diese Gülle stinkt aber weniger“, sagt Köpf. Außerdem sei dieser Naturdünger ausgewogener als etwa reiner Schweinemist. Auch eine Synergie. Die Sorge, es werde durch die Biogasanlage zu mehr Transporten durch den Ort kommen, sei unbegründet. Lediglich während des Silierens komme es für einige Tage zu vermehrten Fahrten.

Dem Gesetz nach müsste die Genossenschaft die entstehende Wärme gar nicht nutzen, da sie mehr als 60 Prozent Gülle und Mist einsetzen wollen. Sie streben aber die so umfassende wie sinnvolle Ressourcennutzung an. Als „Vollversorger“ (Häcker) müssen sie dann aber auch an 365 Tagen im Jahr Wärme garantieren. Deshalb soll im Winter zusätzlich mit Holzhackschnitzeln geheizt werden. Köpf hat sich erkundigt: In einer vergleichbaren Anlage in Großbardorf (Unterfranken) müssen die Betreiber im Winter ab vier Grad unter Null zusätzlich heizen. Für Spitzenlasten, etwa bei extremer Kälte, will die Genossenschaft zusätzlich einen Ölbrenner vorhalten, der aber wegen des hohen Ölpreises nur im Ausnahmefall zum Zuge kommen soll.

In den vergangenen Monaten haben die Genossen etliche vergleichbare Anlagen angeschaut. Zweifel an ihrem Vorhaben sind offenbar nicht gewachsen. „Wenn sich die Vorteile herumsprechen, wird das oft zum Selbstläufer“, berichtet Hermann Köpf.

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