Herbrechtinger Schule für Sozialpädagogik will duales System

Fachschulen für Sozialpädagogik sollen ab dem Schuljahr 2012/13 auch eine dualorientierte Form der Ausbildung anbieten können. Für diesen Schulversuch wirbt das Kultusministerium derzeit um Modellschulen.

Vier Jahre braucht es in der Regel, bis Schüler der Evangelischen Fachschule in Herbrechtingen diese als staatlich anerkannte Erzieherinnen und Erzieher verlassen können. Auf ein einjähriges Berufskolleg bauen Unterkurs und Oberkurs auf, bevor im vierten Jahr ein Berufsanerkennungsjahr in einer sozialen Einrichtung folgt, für das es dann auch eine Ausbildungsvergütung gibt.

Bei dem nun vom Land forcierten Modell verkürzt sich die Schulzeit nicht, aber sie wird enger mit einer praktischen Ausbildung verknüpft. Von einer „dualorientierten“ Ausbildung spricht das Land, die nun mit Kindertagesstätten umgesetzt werden soll. Konkret heißt dies, dass die Schüler im Anschluss an das Berufskolleg zwei Tage pro Woche in einer Kindertageseinrichtung tätig sein sollen, mit der auch ein Ausbildungsbetrag geschlossen wird. Für die in Summe mindestens 1800 Praxisstunden wird über alle drei Jahre vom Träger dieser Einrichtung eine Ausbildungsvergütung in der Größenordnung von monatlich 703 bis 799 Euro bezahlt. Bei der Evangelischen Fachschule wird derzeit noch monatlich ein kleines Schuldgeld eingefordert.

„Das geht alles sehr schnell“, kommentiert Schmidt den Vorstoß des Kultusministeriums, dessen Beweggründe er aber gut folgen kann. „Die Kommunen haben Angst, nicht genügend Fachkräfte zu finden, wenn im Jahr 2013 der Rechtsanspruch für einen Betreuungsplatz für Kinder unter drei Jahren in Kraft tritt.“ Dass diese Ängste nicht nur Befürchtungen sind, sondern bereits teilweise der Realität entsprechen, kann Fritz Sanwald als stellvertretender Schulleiter bestätigen. Vor allem in großen Städten suche man schon händeringend nach Erzieherinnen und Erziehern. Verschärft werde dieser Engpass noch durch eine Anhebung des Personalstellenschlüssels, weiß Schmidt.

Dennoch, so unvermittelt, möchte man in Herbrechtingen auf den vom Kultusministerium auf das Gleis gebrachten Zug nicht aufspringen. Der Schulversuch wird laut Schmidt nicht nur das beherrschende Thema bei der dazu einberufenen Sondersitzung der Landesarbeitsgemeinschaft aller freien Fachschulen am 9. Februar sein, auch das hausinterne Trägertreffen am 14. Februar werde sich um die Frage drehen, ob man dem Modellversuch beitrete und wie dieser noch modifiziert werden könne. Denn, so Schmidt, „es gibt auch Kritikpunkte.“

Bereits bisher sei an der Evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik in Herbrechtingen wie an ihren drei weiteren Standorten die theoretische Ausbildung „sehr eng“ mit der beruflichen Praxis verzahnt und dies sogar in einer weiteren Spannbreite als in dem nun vorgeschlagenen Modell. Mindestens vier verschiedene soziale Einrichtungen lerne ein Schüler während seiner Ausbildung kennen. Schmidt spricht von einer „Breitbandausbildung“ im Hause, die gewährleiste, dass ausgebildetes Fachpersonal in Kindertagesstätten und Horten, aber auch in Jugendhäusern, Heimen oder Kinderstationen in Kliniken eingesetzt werden könne. „Bei der neuen Regelung ist der Schüler hingegen für drei Jahre an eine Arbeitsstätte gebunden. Dies habe auch zur Folge, dass die Schüler weniger pädagogische Stile und Milieus kennenlernten. „Ein Jugendhaus ist etwas ganz anderes als ein Kindergarten.“

Wenn die Ausbildung zu einem Gutteil in den praktischen Ausbildungsbetrieb verlagert werde, dann müsse auch sichergestellt sein, dass dort auch Personal mit Ausbildungsbefähigung vorhanden ist und dieses, so Sanwald, auch ausreichend Zeit für die Ausbildung habe. Nicht nachvollziehen können beide Vertreter der Fachschule die Überlegungen, wonach die Schüler bereits anteilig auf den Personalschlüssel der Fachkräfte angerechnet werden sollen. Dies umso weniger als nicht einmal ein Mindestalter angesetzt worden sei. Auch die Voraussetzungen an eine Ausbildung sieht man in Herbrechtingen als zu niedrig angesetzt. „Wer ein Kind hat und seit drei Jahren einen Haushalt führt, ist noch nicht automatisch für einen sozialpädagogischen Beruf qualifiziert“, meint Schmidt.

Durch die hohe zeitliche Gewichtung der Praxisausbildung im Dualen Modell befürchtet Schmidt zudem Beeinträchtigungen des pädagogischen Konzepts der Evangelischen Fachschule und besonders auf deren Schwerpunktbildung, die in Herbrechtingen auf dem musisch-ästhetischen Fachbereich liege. Dieses verpflichte Schüler jenseits des Stundenplans zu Besuchen von Vorträgen, Seminaren, Theater und Museumsbesuchen, um ihr Wissen zu erweitern.

Der Trägerverein der Fachschule, kann Schmidt versichern, werde sich mit „großer Offenheit“ an der Diskussion zum Schulversuch beteiligen, wenngleich man durchaus das Gefühl habe, derzeit „von Reform zu Reform“ gejagt zu werden. Ein Start bereits ab nächstem Schuljahr hielte Schmidt für die Evangelische Fachschule aber für einen Schnellschuss. „Dazu ist eine gewaltige Umstrukturierung der Lehrpläne und auch des Kollegiums notwendig.“ Generell bedauert Schmidt das Fehlen von Gelassenheit in pädagogischen Fragen. Es fehle etwas der lange Atem, um in Ruhe zu beobachten, ob sich Reformen bewähren oder nicht.

Wenn es allein darum gehe, Anreize für den Beruf des Erziehers zu geben, dann, so Fritz Sanwald, wäre die Erhöhung der Gehälter für die ausgebildeten Fachkräfte ein ganz einfacher Schritt.


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Autor: günter Trittner | 02.02.2012

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