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Gundremmingen: Ein AKW wie kein zweites

Ist das AKW Gundremmingen weniger sicher als die anderen noch laufenden deutschen Atomkraftwerke? Kürzlich bekannt gewordene Zahlen einer Analyse der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit legen diesen Schluss nahe. Wie die Untersuchung allerdings bewertet werden muss, ist umstritten.

Catrin Weykopf | 1 Meinung

Hätte, wäre, wenn ... Etwas salopp formuliert, ist das die Herangehensweise der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit, wenn sie sogenannte Precursor-Analysen vornimmt. Dabei nehmen die Atomexperten ein reales Ereignis, das sich in einem Kraftwerk ereignet hat und unterstellen, dass zusätzlich noch viel mehr schief gelaufen ist. Dass zum Beispiel Sicherheitssysteme zum Zeitpunkt des Geschehens defekt waren, oder dass mehrere ungeplante Ereignisse gleichzeitig eintraten. Ziel ist es herauszufinden, inwiefern echte Zwischenfälle theoretisch dazu in der Lage gewesen wären, als Vorbote eines Reaktorkernschadens zu wirken.

Längst nicht alle Zwischenfälle in Atomkraftwerken werden dieser Analyse unterzogen, sondern nur solche, die ein Risikopotenzial haben, das den enormen Aufwand einer Precursor-Berechnung rechtfertigt. Im Falle des AKW Gundremmingen gab es in den Jahren 1993 bis 2010 insgesamt 14 Ereignisse, die so untersucht wurden. Damit ist Gundremmingen unter den heute noch laufenden deutschen AKW – rein zahlenmäßig – Spitzenreiter.

Bedeutet häufiger auch gefährlicher?

Doch was bedeutet das? Sylvia Kotting-Uhl, Abgeordnete aus Karlsruhe und atompolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, hat mittels mehrerer Anfragen an die Bundesregierung die Veröffentlichung der Zahlen bewirkt, darunter jüngst die Untersuchungsergebnisse für das Jahr 2010, die bislang noch nicht publik waren.

Der Rückschluss, den sie zieht, ist eindeutig: „Gundremmingen ist das gefährlichste Kraftwerk“, sagt sie. Dies lasse sich nicht nur durch die Anzahl der Precursor-Ereignisse belegen, sondern offenbare sich auch beim tieferen Blick in die Ergebnisse. Denn die Kraftwerke, die im Untersuchungszeitraum von 1993 bis 2010 die Liste in punkto Häufigkeit von Ereignissen anführen, sind allesamt Siedewasserreaktoren. Das Kraftwerk mit den meisten Precursor-Zwischenfällen ist dabei Krümmel, südöstlich von Hamburg. Dort gab es zwischen 1993 und 2010 gleich 22 Ereignisse. Doch der Knackpunkt: Alle anderen AKW der Siedewassertechnologie sind unterdessen vom Netz – alle außer Gundremmingen.

Für Kotting-Uhl bedeutet die Zahl von 14 Precursor-Ereignissen damit ein Argument mehr gegen das Kraftwerk, bei dem darüber hinaus bis heute ungeklärt sei, „ob es den deutschen AKW-Sicherheitsanforderungen genügt“, so die Grüne.

Urheber der Studie mahnt zur Behutsamkeit

Zu einem deutlich anderen Blick auf die Ergebnisse mahnt indes die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS), die die Vorfälle im Auftrag des Bundesumweltministeriums untersucht. Dort rät man zur Behutsamkeit mit den Zahlen, weil weder die Häufigkeit von Precursor-Ereignissen noch die Art der Zwischenfälle dazu geeignet seien, Vergleiche zwischen den verschiedenen Kraftwerken zu ziehen. Jedes Ereignis entstehe unter eigenen Bedingungen und werde auf Basis seiner eigenen, nicht vergleichbaren Bedingungen weiterberechnet, heißt es sinngemäß in einer Stellungnahme der GRS.

Stellt sich die Frage, welchen Zweck die Untersuchungen dann haben? Wie die GRS dazu auf ihrer Internetseite erklärt, seien die Analysen geeignet, Schwachstellen aufzudecken, die mit herkömmlichen Prüfverfahren nur schwer erkennbar seien. Auf Basis der Ergebnisse können etwa Prüfintervalle verkürzt oder Nachrüstungen empfohlen werden. Und auch wenn ein absolutes Maß für ein Risiko oder die Sicherheit einer Anlage nicht ermittelt werden könne, so böten die Ergebnisse dennoch ein „Indiz für das Sicherheitsniveau eines AKW“, so die GRS.

Dass eben dies in Gundremmingen ein „anerkannt hohes“ sei, betont Kraftwerkssprecher Tobias Schmidt. Dies hätten die Ergebnisse mehrerer Stresstests bestätigt. Bis heute sei die Anlage zudem Vorbild für internationale Siedewasser-Konzepte. Und: die Gundremminger Reaktoren stünden den noch laufenden Druckwasserreaktoren „bei der Sicherheit in nichts nach“, so Schmidt.

Die Listen der Precursor-Ereignisse zum Download

Dateiname : Kleine Anfrage 2011
Dateigröße : 433.88 KBytes.
Datum : 15.12.2015 16:46
Download : Herunterladen
Dateiname : Kleine Anfrage 2014
Dateigröße : 245.64 KBytes.
Datum : 15.12.2015 16:46
Download : Herunterladen
Dateiname : Kleine Anfrage 2015
Dateigröße : 291.68 KBytes.
Datum : 15.12.2015 16:47
Download : Herunterladen

1 Kommentar

16.12.2015 20:50 Uhr

German Angst

Weltweit sind KKW im Bau und Deutschland setzt auf Braunkohle für die Grundlast. Dem unbeirrbaren Deutschen kommen mittlerweile nur noch Geisterfahrer entgegen.
Wer an die Illusion von Wind und Sonne glaubt, möge sich über deren Beitrag in der dunklen Jahreszeit zuerst informieren.

Ein KKW scheint nur noch betreibbar, wenn alle Grünen von deren Unsicherheit überzeugt werden können. Seltsamerweise ist das Uran und Quecksilber, welches die Verbrennung von Kohle in Deutschland freisetzt, keiner größeren Diskussion ausgesetzt.
Unser neues Klimaziel von 1,5 erreicht Deutschland nochmal wie ?

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