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Bürgermeister Sipple will nur eines: "leben!"

Es ist ein Zeichen von Anstand, sich zum Jahreswechsel alles Gute zu wünschen. Für Bürgermeister Dr. Bernd Sipple hat dieser Brauch heuer freilich eine weitaus größere Bedeutung. Der 48-Jährige erholt sich derzeit von einer Stammzellentransplantation.

MICHAEL BRENDEL | 0 Meinungen

Der 25. Oktober 2012 könnte rückblickend einer der wichtigsten Tage im Leben Bernd Sipples sein. An jenem Donnerstag vor zwei Monaten hat sich der Herbrechtinger Bürgermeister an der Uniklinik in Freiburg einer Stammzellentransplantation unterzogen.

Sie war nötig geworden, weil sich die Hoffnung als trügerisch erwiesen hatte, Sipple könne nach der Diagnose, am bösartigen Non-Hodgkin-Lymphom erkrankt zu sein, von einer Chemotherapie Heilung erwarten. Eine erste war bereits 2010 erfolglos geblieben, bei drei weiteren im Laufe des vergangenen Sommers verhielt es sich ebenso. Lediglich eine Strahlentherapie zeigte vorübergehend Wirkung.

Sipple baute deshalb auf eine Stammzellentransplantation und empfand es wie einen „Sechser im Lotto“, dass nach lediglich vierwöchiger Wartezeit über die Deutsche Knochenmarkspenderdatei ein passender Spender ermittelt worden war. Ein einziger nur, aber eben dieser könnte der ersehnte Lebensretter sein. Sipple zeigte sich jetzt im Gespräch mit unserer Redaktion jedenfalls hoffnungsfroh, in absehbarer Zeit als geheilt gelten zu können.

Herr Dr. Sipple, zu Beginn eine banale Frage, aber zugleich die wichtigste: Wie geht's?    
Ich habe ein neues Immunsystem bekommen, weil in meinem alten der Krebs saß. Jetzt muss ich viele Medikamente nehmen, und die bewirken, dass ich ziemlich stark zittere und feinmotorisch Probleme habe. Außerdem strengt mich vieles noch sehr an, und ich fühle mich schnell schlapp.Aber das wird vergehen. Und deshalb überwiegt die Dankbarkeit dafür, dass so viele für mich gebetet, mir Kraft gegeben und mir Mut gemacht haben. Ich freue mich über die Gelegenheit, im Gespräch mit Ihnen all diesen Menschen für ihre Anteilnahme zu danken. Zu erfahren, wie viele sich für mich interessieren, war sehr emotional für mich und hat mir gut getan.
Weshalb haben Sie sich in Freiburg behandeln lassen?    
Meine Frau kommt aus Frankreich. Und die Nähe zur Grenze hat es ihr ermöglicht, immer wieder einmal Heimatluft zu schnuppern, ihre Seele ins Gleichgewicht zu bringen. Es war ja auch für sie eine schwierige Zeit. Sie saß jeden Tag an meinem Krankenbett. Ob es mir nun gut oder schlecht ging.
Welche medizinischen Eingriffe wurden vorgenommen?    
Mitte August war die erste Chemotherapie in diesem Jahr, anschließend folgten noch zwei. Transplantiert worden bin ich dann am 25. Oktober. Dafür war ich einen Monat lang in Freiburg, einen weiteren Monat dauerte unmittelbar danach die Reha. Sie war Voraussetzung dafür, dass ich jetzt zu Hause sein kann, ohne mich täglich ärztlich betreuen lassen zu müssen.Sie müssen sich das so vorstellen: Bei mir saß der Krebs in den Zellen, die das Blut produzieren. Deshalb wurden mir gesunde Stammzellen übertragen, die in den Röhrenknochen anwachsen und begreifen müssen, dass sie jetzt in einem fremden Körper leben.
Ein Lernprozess, bei dem sie Hilfe brauchen?    
Genau. Momentan ist noch eine sogenannte Spender-Wirt-Reaktion erkennbar. Das heißt, dass die neuen Stammzellen sich dagegen wehren, an dem ungewohnten Ort zu sein und deshalb immer mal wieder vor allem die Schleimhäute angreifen. Ich muss deshalb immunsuppressive Tabletten schlucken, die das neue Immunsystem in Schach halten. Es wird erst dann seine volle Wirksamkeit entfalten, wenn ich die Tabletten nicht mehr nehmen muss.
Wann das der Fall sein wird . . .    
. . . lässt sich schwer abschätzen, weil das individuell verschieden ist. Es ist Sache der Ärzte, zu entscheiden, in welchen Schritten die Dosierung der Tabletten heruntergefahren werden kann. Momentan gleicht mein Immunsystem noch dem eines Babys. Wegen der fehlenden Widerstandskraft nehme ich alle möglichen Infekte wie ein Schwamm auf. Deshalb meide ich große Menschenansammlungen und muss das noch längere Zeit tun.
Dass man Sie derzeit selten in der Öffentlichkeit sieht, ist also kein Anlass zur Sorge, es gehe Ihnen extrem schlecht, oder Sie wollten sich verstecken?    
Ganz und gar nicht. Wenn ich Geschäfte meide und stattdessen meistens daheim bin oder spazieren gehe, dann einfach zum Schutz vor Infekten. Die Ausbildung des neuen Immunsystems braucht halt ihre Zeit. Da kann man nichts beschleunigen oder erzwingen.
Was vermissen Sie gerade am meisten?    
Als sehr emotionalem Menschen fehlt mir vor allem der direkte Kontakt zu den Menschen. Manchmal wäre eine herzliche und spontane Umarmung einfach schön. Ich durchlebe gerade eine Form der Isolation, die vor allem stark den psychologischen Bereich berührt. Hinzu kommen natürlich die körperliche Müdigkeit und die reduzierte Leistungsfähigkeit.
Wann Sie Ihren gewohnten Tagesablauf zurückbekommen, wieder im Rathaus am Schreibtisch sitzen können . . .    
. . . bestimme zu 50 Prozent ich, indem ich meinen körperlichen Zustand bewerte, und zu 50 Prozent die Ärzte. Es kommt auf deren Einschätzung an, wann mein Immunsystem so stabil ist, dass ich ohne die Gefahr permanenter Infekte mit meinen Mitarbeitern zusammen sein kann, auch wieder Gemeinderatssitzungen leiten kann. In Absprache mit dem Landratsamt strebe ich eine Wiedereingliederung an, sodass ich mich dann stundenweise wieder einem kompletten Arbeitstag nähern kann.
Wie läuft die Nachsorge ab?    
Ich fahre regelmäßig nach Freiburg, und einmal pro Woche stelle ich mich im Heidenheimer Klinikum vor. Dr. Voica Ghilescu, die Chefärztin der Strahlenklinik, betreut mich schon seit September 2009, und ich fühle mich bei ihr bestens aufgehoben.
Möchten Sie den Menschen treffen, dessen Stammzellen Sie bekommen haben?    
Ja, ich will ihn kennenlernen. Allerdings erfahre ich erst in zwei Jahren, um wen es sich handelt.
Wenn man normalerweise Verantwortung für eine Stadt trägt, gibt man die Gedanken an die berufliche Pflicht sicher selbst dann nicht mal eben an der Garderobe ab, wenn es einem gesundheitlich sehr schlecht geht. Gelingt es Ihnen dennoch, das Geschehen im Rathaus vorübergehend auszublenden?    
Natürlich juckt es einen permanent in den Fingern, sich einzumischen. Das stimmt schon. Schließlich bin ich aus Überzeugung und mit Begeisterung Bürgermeister. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass es ein Fehler ist, wenn man meint, sich ohne umfassendes Hintergrundwissen einbringen zu können. Man ist dann einfach zu weit vom Tagesgeschehen weg, um fundierte Entscheidungen treffen zu können. Deshalb habe ich das auch schnell bleiben lassen. Ich werde aber natürlich permanent informiert, was so läuft. Im Übrigen bin ich unserem Beigeordneten Thomas Diem, meinen ehrenamtlichen Stellvertretern und allen Mitarbeitern in der Verwaltung sehr dankbar, dass die Dinge so reibungslos laufen.
Mit welchen Erwartungen und Zielen gehen Sie ins neue Jahr?    
Mein wichtigstes Ziel heißt einfach: leben! Ich bin dankbar für die zweite Chance, die ich bekommen habe, und erlebe jetzt vieles deutlich bewusster. Es wäre falsch zu sagen: warum ausgerechnet ich?

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