Partner der

Bienen leiden unter moderner Landwirtschaft

Die Frühjahrsblütenhonig-Ernte ist in diesem Jahr schlecht ausgefallen, berichtet Demeter-Imker Günter Friedmann. Das liege nicht nur am Wetter. Maßnahmen der modernen Intensivlandwirtschaft machten den Bienen das Leben schwer.

Anna-Lena Buchmaier |

„Die Frühjahrsblütenhonig-Ernte ist fast ganz ausgefallen“, sagt Demeter-Imker Günter Friedmann aus Küpfendorf. Er ist seit 30 Jahren Berufsimker und besitzt rund 350 Bienenvölker. „Ein wenig Honig brachten später dann noch Raps, Himbeere und Weißdorn. Damit haben wir immerhin die Hälfte des normalen Ertrags ernten können.“ Nur dank des Waldhonigs, der je nach Wetter aber im Schnitt nur alle fünf bis sechs Jahre geerntet werden könne, sei es doch noch eine normale Saison geworden. Doch darauf könne man nächstes Jahr nicht erneut zählen.

Schuld am Honig-Desaster sei zum einen das kalte Wetter im Frühjahr gewesen, weshalb die Bienenvölker spät in die Brut gekommen seien. Zum anderen würden die Imker im Kreis seit einigen Jahren einen besorgniserregenden Trend beobachten: „Die Landwirtschaft hat eine Stufe der Intensivierung erreicht, die Kollateralschäden und immense Folgekosten verursacht“, sagt Günter Friedmann. „Wiesen werden in atemberaubendem Tempo mit modernsten Maschinen mit Mähwerken von bis zu zehn Metern Breite gemäht. Die Bienen haben keine Chance, vorher weg zu fliegen. Und die, die es überleben, finden auf der abgemähten Fläche keine Blumen mehr.“

Rund 10 000 Bienen, Tausende Hummeln und andere Insekten würden laut Friedmann, der sich dabei auf eine Schweizer Studie bezieht, pro Hektar bei Mäharbeiten sterben.

„Früher ist das Mähen einer großen Wiese das Tagesgeschäft eines Bauern gewesen; bevor der Bauer die letzte Wiese gemäht hat, ist die erste schon wieder nachgewachsen“, sagt der 57-Jährige. Heute würden Wiesen einer Gemarkung innerhalb weniger Stunden gemäht. Resultat: Man mäht schneller, als Blumen nachwachsen. „Die Bienen leiden dann unter einem 14-tägigen Hunger, bis die Blumen wieder sprießen“, erklärt der hauptberufliche Imker.

So auch bei der heute gängigen Wiesenbewirtschaftung durch die Silage: „Fünfmal im Jahr wird Silage geerntet – Gras, das vor der Blüte gemäht und dann milchsauer vergoren wird“, erklärt Friedmann. Von solchen Wiesen hätten die Bienen nichts. „Für Bauern ist diese Technik natürlich eine große Entlastung und sehr effizient. Aber unsere Gesellschaft hat die Zusammenhänge im Ökosystem aus den Augen verloren. Für viele ist eine Wiese kein Organismus, sondern ein Produktionsfaktor“, so Friedmann. Die Landwirtschaft arbeite langfristig gesehen gegen die Natur. „Auf den Feldern blüht schon lange nichts mehr“, sagt Friedmann.

„Zudem wird für die Biogasproduktion viel Mais angebaut, der keinen Nektar und minderwertige Pollen gibt.“ Ein ähnliches Problem stellen laut Friedmann die neuen Rapssorten dar, die nicht genügend Nektar für Honig abgeben würden.

Insekten sterben bei Mäharbeiten

So sei beispielsweise die Region bei Neresheim oder das Nördlinger Ries im Sommer früher ein gutes Blütenhoniggebiet gewesen. „Jetzt nicht mehr, weil die Sorten gewechselt haben“, berichtet der Imker.

Laut Friedmann gäbe es auch Alternativen zum Maisanbau für die Energiegewinnung: „Man könnte andere Blütengemische anbauen. Das Problem ist, dass Mais sehr ertragreich ist, er bringt Masse und Geld. Alternativ müsste der Konsument eben einen Cent mehr pro Kilowattstunde bezahlen, damit die Bauern keine Verluste machen. Es ist wie beim Fleisch: Alles hat seinen Preis. Ich kann kein Glas Honig für zwei Euro kaufen und damit der Umwelt etwas Gutes tun“, sagt Friedmann.

Aggressive Insektizide

Zudem würden seit einigen Jahren höchst aggressive Insektizide zum Einsatz kommen, die bereits im Saatgut enthalten seien. „So zirkuliert das Mittel in der gesamten Pflanze, und die Biene nimmt es beim Nektarsaugen auf.“ Auch Schmetterlinge würden unter dem Einsatz von Spritzmitteln leiden und neuerdings vermehrt sterben. „Die Mittel sind 50 bis 60 Mal so giftig wie vor zehn Jahren. Die Bauern selbst können das auch nicht ändern, die müssen das Insektizid nehmen, das zum jeweiligen Saatgut angeboten wird.“

Die Folge all dieser Entwicklungen: „Die Landschaft ist ausgeräumt und leer, nur noch grün statt bunt. So sind mir beispielsweise im Juli im Allgäu vier Bienenvölker verhungert, ohne, dass ich ein Gramm Honig entnommen habe. Sie haben draußen nichts zu fressen gefunden“, konstatiert der Küpfendorfer. „Wenn es so weitergeht, kann es passieren, dass in zehn Jahren auch hier in der Region keine Bienen mehr leben können.“ Gegebenenfalls müssten Imker dann mit ihren Bienenvölkern in Gegenden mit mehr Blütenvielfalt reisen, Richtung Berlin, Polen oder nach Österreich, wo es im Gegensatz zu Deutschland einige Bio-Heuregionen gebe. Dies sei heute schon bei vielen Imkern üblich.

Seit 2009 spürt Friedmann die Konsequenzen der modernen Landwirtschaft deutlich, da habe er zum ersten Mal früher mit der Winterfütterung beginnen müssen, weil die Bienen im Spätsommer nichts mehr zu fressen gehabt hätten. Das Problem: Der Imker muss genau abwägen, ob er die Bienen bei Bedarf bereits im Spätsommer mit einem Zuckergemisch zufüttert – was bedeutet, dass er den anschließend produzierten Honig in derselben Saison nicht mehr verkaufen darf – oder ob er darauf wartet, dass die Bienen noch Nektar finden und im schlimmsten Fall verhungern.

„Es geht allen Imkern im Kreis so, auch wenn es manche nicht zugeben wollen. Wenn ein Imker zu wenig Honig produziert, gilt er gemeinhin als unfähig. Dass es aber an der Veränderung der Natur liegt, wagt keiner zu sagen.“

Der Preis der modernen Intensivlandwirtschaft für die Umwelt sei hoch. „Insekten sind wesentlich für das Bestehen der Welt und es wird weitergearbeitet, als wäre alles in Ordnung.“ Erst im Jahr 2003 hätten sich die Imker gemeinschaftlich politisch organisiert, doch der Berufsstand müsse laut Friedmann noch aktiver werden. „Es dauert zehn bis 15 Jahre, bis sich das Bewusstsein der Menschen ändert und sie die Problematik wahrnehmen, doch so viel Zeit haben wir im Bezug auf die Bienen nicht mehr.

Bienenvölker verhungern

Der Imker-Verband sollte vor die Politiker treten und sagen: „Wir sind 70 000 Imker in Deutschland, wir könnten eine Wahl entscheiden. Wie steht ihr zum Maisanbau für Biogas? Zudem müssen wir mit den Bauern ins Gespräch kommen. Die machen das ja nicht mit Absicht, sondern viele wissen sicher nichts vom Insektensterben“, so Friedmann. Auch wenn die Ernte 2013 dank des Waldhonigs als gesichert gilt: Im Winter könne man die Bienen nur mit einem Gemisch aus Zucker und eigenem Blütenhonig am Leben halten. Friedmann hofft, dass es im nächstes Jahr besser läuft.

Imkermeister und Landwirt Claus Uwe Fähnle vom Bezirksimkerverein Heidenheim macht weitgehend das Wetter für die Pleite verantwortlich, wenn auch der Verein die Bedrohung der Bienen durch die Landwirtschaft als schleichenden Prozess wahrnimmt. Gerade die Silage sei schädlich, denn es würde auch mittags bei sommerlichen Temperaturen und zu Bienen-Flugzeiten gemäht. „Eine Alternative wäre, abends oder nachts zu mähen“, sagt Fähnle. Immerhin seien bestimmte Neonikotinoide, mit denen Saatgut gebeizt würde, nun für eine bestimmte Zeit verboten worden. „Die Landwirte, mit denen ich in Kontakt stehe, bitte ich zudem, spätabends zu spritzen, wenn die Bienen nicht mehr fliegen. Es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Ohne Spritzen geht es nicht, gerade beim Raps“, sagt Fähnle.

Frische Futter für die Rinder

Bei den Landwirten reagiert man mit Verständnis: „Wir sind uns der Problematik bewusst“, sagt Christian Ziegler. Der Vorsitzende des Kreisbauernverbandes hat kürzlich an einer Ausschusssitzung der Imker teilgenommen: „Die Landwirtschaft hat sich in puncto Grünland und Wiesen geändert“, sagt Christian Ziegler. „Für die Rindviehhaltung wird viel Frischfutter benötigt, weshalb das Gras sehr jung geschnitten wird, bevor die Pflanzen in voller Blüte stehen“, sagt der Verbandsvorsitzende.

„Ich denke, in Zukunft wird sich einiges ändern, vielleicht sogar vonseiten der Regierung, dass Bauern dazu aufgefordert werden, Blühstreifen oder blühende Äcker zu schaffen. Das Problem ist nur, dass Blühstreifen verunkrauten, was schlecht für die Landwirte ist“, sagt Ziegler: „Aber es gibt Alternativen, man muss nur Anreize schaffen. Die Landwirtschaft ist gerne bereit, auch etwas für die Insekten zu tun, wenn die Regierung uns dafür einen bürokratischen Mehraufwand erspart. Ohne Bienen stirbt der Mensch“

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

Zum Schluss

Studie: Meiste Reiche leben in ...

Weltweit gibt es immer mehr Millionäre. Auch in Deutschland steigt die Zahl der Reichen. Das geht aus einer Studie des Beratungsunternehmens Capgemini hervor. mehr

Mückenplage droht – ...

Wo kommt sie vor? Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus).

Deutschland droht eine Stechmückenplage. Der Grund: das feuchtwarme Wetter. Experten bitten darum, Mücken zu fangen und einzusenden. mehr

YouTube-Star Moritz Garth ...

Justin Bieber war der erste, der noch nicht ganz so bekannte Moritz Garth will ihm folgen. Musiker, die auf der Onlineplattform Youtube Erfolge feiern, wagen sich auch in die richtigen Charts vor. mehr