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13 Schüsse aus Polizeipistole, zwei Verletzte, ein Jahr auf Bewährung

Auf seiner Flucht vor der Polizei hat ein 44-Jähriger nicht nur sein eigenes Leben riskiert, sondern auch das eines Polizisten. Das Landgericht Ellwangen hatte nun zu klären, ob dies mit Absicht geschah. Ausgerechnet die Aussagen der beteiligten Beamten machten es jedoch schwer, darauf eine Antwort zu finden.

Catrin Weykopf | 1 Meinung
Es war eine Flucht, die sich über mehr als zehn Kilometer hinzog. Und sie war teilweise so furchterregend und spektakulär, dass selbst das Gericht immer  wieder von einer „filmreifen“, „halsbrecherischen“ oder „waghalsigen“ Jagd sprach. Doch wie viel war der Flüchtende tatsächlich bereit zu riskieren, als er bei einem seiner Manöver einen Streifenwagen rammte und dabei einen Polizisten verletzte? Die erste Schwurgerichtskammer des Ellwanger Landgerichts kam unter dem Vorsitz von Richter Gerhard Ilg zu dem Schluss, dass der Angeklagte den Beamten nicht vorsätzlich verletzt hat. Doch das Urteil fiel auch deswegen zugunsten des 44-Jährigen aus, weil die wichtigsten Zeugen – allesamt Polizisten – keine einheitlichen Aussagen dazu machen konnten, was in jenen Schreckenssekunden geschehen war.

Alles begann mit einem harmlosen Parkplatzrempler

Begonnen hatte alles am 20. Februar 2011 gegen vier Uhr auf dem Parkplatz der Güssenhalle in Hermaringen. Bei dem Versuch auszuparken rammte der deutlich alkoholisierte Angeklagte ein nebenstehendes Auto. Passanten hatten den Vorfall bemerkt und sprachen den Mann an. Doch er ließ sich auf kein Gespräch ein – im Gegenteil – er drehte sich um und verschwand. Die Passanten meldeten das Geschehen daraufhin der Polizei, die die Identität des Mannes ermittelte. Statt aber direkt am Wagen oder vor der Haustüre des Angeklagten auf ihn zu warten, legten sich die Beamten zwischen Hermaringen und dem Wohnort des Mannes auf die Lauer – zwischen Nattheim und Oggenhausen.

Flüchtiger wollte Streifenwagen nach links abdrängen

Gegen sechs Uhr fuhr der Angeklagte schließlich – nach wie vor alkoholisiert – genau auf diesem Weg in Richtung seines Zuhauses – die Beamten folgten ihm und forderten ihn per Leuchtanzeige auf, anzuhalten. Doch er reagierte nicht. Nicht auf das Blaulicht, nicht auf das Martinshorn und nicht darauf, dass sich der Polizeiwagen neben ihn setzte. Wie die beteiligten Beamten berichten, versuchte der Flüchtige in dieser Situation sogar, den Streifenwagen nach links abzudrängen. Dass er außerdem nicht sonderlich beeindruckt von der Präsenz der Polizisten war, konnten die Beamten durch das Autofenster erkennen: Der Flüchtige soll sich in aller Ruhe sogar noch eine Zigarette angezündet haben. Die Jagd begann.

Polizist zog seine Waffe und schoss insgesamt 13 mal

Sie ging über die Landstraße nach Nattheim, in den Ort hinein und schließlich zu einem Waldweg, auf dem der Angeklagte aufs Gas drückte. Mit mehr als 100 Stundenkilometern fuhr er – so die Beamten – über den holprigen Weg. Eine „lebensgefährliche Situation“, wie es der Fahrer des Polizeiautos vor Gericht beschrieb. Als das Waldstück endete, führte der Weg wieder auf die Landstraße. Die Beamten hatten in der Zwischenzeit per Funk Verstärkung angefordert.
Kurz vor Zöschingen kam es schließlich zu der brenzligen Situation, auf der auch das Hauptaugenmerk des Prozesses lag: Der Angeklagte hatte unvermittelt sein Auto gebremst. Diese Gelegenheit nutzte der Fahrer des  ersten Streifenwagens und stellte sich schräg vor den Flüchtigen, um die Straße zu blockieren. Von hinten kam der zweite Streifenwagen und stellte sich ebenfalls schräg. Der Angeklagte war eingekeilt und die Beamten des vorderen Streifenwagens stiegen aus. Als der Angeklagte dies erkannte,  begann er wieder los zu fahren – ein Polizist zog seine Waffe und schoss. Insgesamt 13 mal feuert er auf den Wagen des Flüchtigen, traf den Motorblock, den Kotflügel, einen Vorderreifen und – wie sich später herausstellte – durch einen Querschläger auch den Flüchtigen.

In dieser hektischen Situation setzte der Angeklagte zurück, um sich zwischen dem hinter ihm stehenden Polizeiwagen und der Leitplanke hindurch zu drücken. Doch in dem hinteren Streifenwagen stand ein Beamter in der offenen Autotüre. Er wurde eingequetscht, als der Angeklagte sich mit seinem Wagen durch die enge Lücke presste.

Gutachter: „fahrerisch gesehen eine Meisterleistung“

Die beiden Streifenwagenbestazungen nahmen die Jagd wieder auf. Ein dritter hatte unterdessen eine Straßensperre errichtet. Doch auch diese brachte den Angeklagten nicht dazu, abzubremsen. Er wich aus, fuhr dabei über das Bankett und lenkte sein Auto wieder auf die Straße – fahrerisch gesehen eine „Meisterleistung“, wie ein Gutachter dem Gericht bescheinigte. „Allerdings im negativen Sinne.“

Kurz vor Nattheim bog der Flüchtige schließlich in einen Waldweg ein. Auf dem weichen Untergrund fuhr sich sein Wagen allerdings fest – die Polizei umstellte das Auto. Doch selbst in dieser – eigentlich ausweglosen – Situation drückte der Mann weiter aufs Gas. Die Beamten setzen ihn mit Pfefferspray außer Gefecht und nahmen ihn fest.

Die wichtigste Frage, die es für das Gericht bei all dem zu klären galt, lautete: Hat der Angeklagte gewusst, dass sich hinter ihm ein Beamter befand, als er sich dazu entschloss, rückwärts aus der Polizeisperre heraus zu brechen?

Der Angeklagte selbst, der im Verlauf des Prozesses nur wenig zur Aufklärung der Umstände beitragen konnte, weil er sich kaum erinnerte, bestand darauf, den Beamten nicht gesehen zu haben. Zu Gute kam ihm, dass eine Polizistin, die aus dem vorderen Streifenwagen ausgestiegen war, ihren Kollegen in der geöffneten Autotüre ebenfalls nicht gesehen haben will. Ihr Streifenkollege hingegen, der die Schüsse abgegeben hatte, will ihn deutlich erkannt haben.
Zwar war das Gericht bis zum Schluss überzeugt davon, dass der Angeklagte zumindest den Streifenwagen hinter sich gesehen haben muss. Doch nachweisen, dass auch der Polizist zu erkennen war und der Angeklagte damit vorsätzlich einen Menschen verletzen wollte, konnte es aufgrund der widersprüchlichen Aussagen nicht.

Bewährung und Führerscheinentzug für zweieinhalb Jahre

Zu einer Haftstrafe verurteilt wurde der Angeklagte dennoch – allerdings wurde sie zur Bewährung ausgesetzt. Wegen eines gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr, Trunkenheit am Steuer, Unfallflucht, gefährlicher Körperverletzung und Widerstand gegen Vollzugsbeamte verhängte das Gericht eine Freiheitsstrafe von einem Jahr. Überdies muss der Angeklagte auf seinen Führerschein, den er bereits in früheren Jahren zweimal abgeben musste, für mindestens zweieinhalb weitere Jahre verzichten. Außerdem muss der 44-Jährige eine Geldstrafe von 1500 Euro bezahlen.

Der Angeklagte zeigte sich nach dem Urteil erleichtert, hatte er doch vor der Verkündung den Richter noch gebeten: „Ich bitte Sie, ich will nicht in den Knast einwandern.“

1 Kommentar

25.03.2013 14:25 Uhr

Da muss man sich schon fragen,

warum haben die Polizeibeamte in Kenntnis der Person und seines Wohnortes nicht gewartet bis er zuhause angekommen war, da hätten sich unsere Staatsdiener viel Aufwand ersparen können. Oder wollten die mal Tatort mit Till nachspielen?

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