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Zwei Ex-Suchtkranke erzählen: Wie man die Welt nüchtern erträgt

Philipp kiffte sich Tag für Tag das Leben schön. Renee versackte in der Spielhalle. Hier berichten sie, wie sie die Wende schafften.

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Aus der Sucht zurück ins Leben: Renee (links) und Philipp haben ein ähnliches Schicksal – und nun auch dasselbe Ziel: Die Sucht überwinden und das Leben nüchtern nicht nur ertragen, sondern sogar genießen zu können.  Foto: 

Mit 17 hat man noch Träume, sang Peggy March 1965 und schaffte es mit ihrem Lied über die Unbeschwertheit der Jugend in die deutschen Charts. Als Renee und Philipp 17 waren, hatten sie vor allem eines: Sorgen. Philipp kiffte sich Tag für Tag das Leben schön, nüchtern, fand er, war es nicht zu ertragen.

Renee versackte in der Spielhalle. Die Gesellschaft hat für solch „hoffnungslose Fälle“ nicht viel übrig. Chaoten! Nichtsnutze! Die Anschuldigungen gehen Hand in Hand mit der Überzeugung, dass Sucht nichts anderes ist als Faulheit und Schwäche. Wer wirklich will, so die gängige Meinung, der kann jederzeit aufhören.

„Irrtum“, sagt Margrit Fuchs, die bei den Guttemplern, Deutschlands größtem nichtkonfessionellen Suchtselbsthilfeverband, für die Spielsuchtgruppe Heidenheim zuständig ist. „Egal, um welche Sucht es sich handelt, man muss zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Menschen treffen und bereit sein, sich seiner Erkrankung zu stellen, nur dann kann man es schaffen.“

Die 58-Jährige spricht aus Erfahrung. Über 20 Jahre lang konnte sie die Finger nicht von Spielautomaten lassen. Sie urteilt deshalb nicht über Jungs wie Renee und Philipp. Sie weiß: Süchtige, die derart abgestürzt sind, stehen ohnehin vor einem Scherbenhaufen. Sie haben nicht nur Geld und Freunde verloren, sondern auch den Glauben an sich selbst. Was nützen da Vorwürfe? Hilfe muss her, und zwar nicht von außen nach innen, sondern in die andere Richtung. Hilfe zur Selbsthilfe.

Wie das geht, zeigt Margrit Fuchs beim Gruppenabend im Guttempler-Haus an der Virchow-Straße. Selbstbestimmt, eigenverantwortlich und gesund leben, das ist das Ziel. Der Weg dorthin ist kein Spaziergang. Sucht hat viele Ursachen, Sucht hat viele Formen. Es gibt Menschen, die können nicht mehr ohne Alkohol leben, andere brauchen Drogen, Computerspiele, Sex, Spielautomaten, Zigaretten oder Schokolade für das trügerisch-schnelle Glück. Die Liste der anerkannten Süchte ist lang, und seit einem Urteil des Bundessozialgerichts aus dem Jahr 1968 ist Sucht als Krankheit anerkannt.

Sucht als anerkannte Krankheit

In Selbsthilfegruppen berichten Betroffene von ihren Schwierigkeiten im Alltag. Sie lernen voneinander, geben sich gegenseitig Halt. „Einzige Bedingung ist Ehrlichkeit“, sagt Leiterin Fuchs. „Sonst macht das keinen Sinn.“ Für Philipp war das eine Herausforderung, denn ehrlich zu sein, das war dem hageren jungen Mann fremd geworden im Laufe seiner Drogen-Karriere. „Ich hab damals so viel gelogen“, erinnert er sich, „ich habe alle belogen.“ Natürlich auch sich selbst. Wenn Kumpels ihn warnten, es mit der Kifferei nicht zu übertreiben, winkte er ab. Er meinte, alles im Griff zu haben und jederzeit aufhören zu können – typisch für Suchtkranke. Dabei brauchte er am Ende vier Gramm Cannabis pro Tag, eine krasse Dosierung, wenn man bedenkt, dass er anfangs mit zwei Gramm durch die ganze Woche kam. „Sie können mir glauben, das war nicht immer ein tolles Gefühl. Nüchtern konnte ich die Welt nicht mehr ertragen. Ich habe gekifft, um mein verlorenes Lachen wiederzufinden.“

Margrit Fuchs ist irgendwas zwischen Mama und bester Kumpel, sanfte Stimme, fester Händedrück. Man spürt sofort: Der kann man alles erzählen! Renee und Philipp nahmen vom ersten Gruppenabend ein überwältigendes Gefühl mit nach Hause. Da war jemand, der Hilfe anbot, ohne eine Gegenleistung zu erwarten.

Aus Langeweile ins Spielcenter

Renee tat es gut, seine Geschichte erzählen zu können, ohne dass jemand mit dem Finger auf ihn zeigte.

Wie er nach der Realschule keinen Ausbildungsplatz gefunden und deshalb gejobbt hatte, irgendwo, irgendwas. Null Herausforderung, null Perspektive, so viele sinnleere Stunden, er langweilte sich tagein, tagaus. „Ich hatte überhaupt keine Idee, was ich anfangen soll mit mir. Irgendwann bin ich mit meinem Bruder ins Spielcenter.“

Anfangs schluckte der Automat die 10 Euro Taschengeld pro Woche, „es war nur Spaß“. Aber dann wurde die Sache ernst. Um sich das verlorene Geld zurückzuholen, setzte er immer höhere Beträge ein. Irgendwann ging der ganze Lohn drauf. 1000 Euro!

Bald hatte Renee schon am Monatsersten keinen einzigen Cent mehr. Er pumpte Freunde an. Er musste sein Glück versuchen, unbedingt! „Man wartet immer auf den großen Gewinn. Aber die Automaten sind eben einfach schneller als du. Das hat mich aggressiv gemacht.“

Die beiden Freunde sprechen offen über ihr Leben, beschönigen nichts, gestehen sich ihre Fehler ein. Das muss man erst mal können, auch aushalten können. Wer will schon über sich selbst sagen, dass er sich für schlauer hielt als den Rest der Welt und dabei dümmer war als alle anderen?

„Ich dachte die kriegen mich nie“

Philipp war total überrascht, dass er just an seinem 18. Geburtstag zugedröhnt in eine Polizeikontrolle geriet, „ich dachte immer, die kriegen mich nie.“

Sein Führerschein ist erst mal weg. Oder Renee: „Mein Vater hat sich nie für mich interessiert. Es war nie jemand da, den ich um Rat fragen konnte.“ Nochmal Philipp: „Ich hatte nichts zu verlieren, weil ich schon ganz unten war. Ich hab auf der Straße gepennt. Es ging nur noch ums Überleben.“

Nochmal Renee: „Ich hatte auch ein Alkoholproblem. Irgendwann ist mir klar geworden, dass mich das nicht weiter bringt. Heute weiß ich, dass man auch nüchtern Spaß haben kann.“

Jung genug für den Neuanfang

Für Philipp und Renee liegen zwischen früher und heute Welten, dabei ist Renee erst 19 Jahre alt, Philipp erst seit ein paar Monaten volljährig.

Die beiden sind jung genug, um nochmal neu anzufangen. Aber wie sehr hadern sie mit ihrer Vergangenheit. So viel Mist gebaut!

Wenn sie sich mit Altersgenossen vergleichen, schneiden sie miserabel ab. Renee: „Ich hab viele tausend Euro in Automaten gesteckt. Was ich mit dem Geld alles hätte machen können!“ Philipp: „Als ich für eine Zeit nach Speyer zu meiner Mutter bin, wollte ich irgendwann nur noch in der Sonne sitzen und meine Ruhe haben. In einem Jahr hatte ich 80 Fehltage. Da bin ich von der Schule geflogen. Deshalb mache ich jetzt erst meinen Abschluss.“

Trotzdem. Das Leben geht weiter, und es geht bergauf. Philipp träumt von einer Karriere als Systeminformatiker und von einem Mercedes.

Renee beginnt im September eine Ausbildung zum Lackierer. Die Weichen sind gestellt, und Margrit Fuchs ist guter Hoffnung, dass ihre beiden Schützlinge in der Spur bleiben. Die Krise als Chance.

„Ohne meine Spielsucht wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin“, sagt sie. Philipp nickt. Er weiß genau, wovon sie spricht. Früher habe er null Selbstvertrauen gehabt. Dann die Trennung der Eltern, Probleme in der Schule, psychische Probleme, emotionale Einsamkeit. Die Kifferfreunde wurden Familienersatz. Oft habe er gedacht, seine alten Freunde würden ihn nicht mehr mögen, „aber die mögen dich schon, die mögen nur dein süchtiges Ich nicht.“

Heute wisse er, was er wolle, denn „je tiefer das Loch, desto stärker kommst du da raus“. Sein Rat an alle, die sich benebeln: „Hört auf! Versucht mal wieder auszuprobieren, wie es ist, euer Leben nüchtern zu leben!“

„Probiert das Leben nüchtern!“

Renee sagt, seine Spielsucht und die übermäßige Trinkerei seien kein „direkter Fehler“ gewesen, er bedauere aber, sein Problem nicht eher erkannt zu haben. Aber auch bei ihm habe sich einiges zum Guten gewendet: Geld übrig haben statt pleite sein, mit Freunden sprechen statt mit Spielcenter-Mitarbeitern, Sport statt Langeweile – super!

Und, ganz wichtig: Autofahren!

Renee: „Ich hab seit zwei Monaten meinen Führerschein. Letztens wurde ich angehalten, Gurtkontrolle. Aber es war alles ok, die Polizisten haben mir einen schönen Tag gewünscht, ich denen auch. Das war cool.“

Renee spürt, und er bekommt es auch hin und wieder gesagt: Sein Umfeld ist froh, dass er den Absprung geschafft hat, „ich bin ja auch froh“. Ganz aus der Gefahrenzone raus ist er aber noch nicht. Ein Kumpel geht in die Spielhalle. Kommst du mit? „Ich überleg manchmal schon kurz. Aber dann erinner ich mich an meinen Rückfall beim Rauchen. Da hat auch eine Zigarette gereicht. Ich bleib einfach weg.“

Ehrlichkeit als bester Schutz

Für Philipp und Renee ist die Spielsuchtgruppe auch weiterhin Pflicht. Hören, wie andere ihren Weg zurück ins Leben gestaltet haben, sehen, dass es anderen noch schlimmer ergangen ist. „Hier kann ich immer jemanden um Rat fragen“, sagt Renee, und Philipp freut sich über jedes Lob von Margrit Fuchs.

„Gut siehst du heute aus“, sagt sie, „viel besser noch als vor zwei Wochen!“ Der Gruppenabend ist ein bisschen wie nach Hause kommen, ein geschützter Raum, in dem jeder so angenommen wird, wie er ist. Für Renee ist Selbsthilfegruppe auch Motivation – und Selbstschutz.

„Wir sind hier ja immer ehrlich zueinander. Nie würde ich in dieser Runde lügen. Wenn ich mal einen schwachen Moment hab, stell ich mir vor, wie ich erzählen müsste, dass ich wieder mit dem Spielen angefangen hab. Nichts wär mir ärger als das.“

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