Partner der

Fürsamen: Wo einst die Alamannen „zum Schaffen“ gingen

Bei den archäologischen Ausgrabungen wird immer mehr deutlich, dass es schon im vierten Jahrhundert ein regelrechtes Industriegebiet gab.

|
Archäologe Hardy Prison mit einem im Fürsamen entdeckten Kleinod: eine gut erhaltene römische Fibel, die zum Schließen von Kleidern genutzt wurde.  Foto: 

Heidenheim ist eine Industriestadt – und das wohl schon viel länger als bisher gedacht. Denn schon vor rund 1700 Jahren, im dritten Jahrhundert, als die Alamannen am Ufer der Brenz im heutigen Fürsamen nördlich des Brenzparks siedelten, scheint es hier eine Art Industriegebiet geben zu haben. Darauf zumindest deuten die Spuren hin, die der Archäologe Hardy Prison hier seit Jahren findet.

Metallverarbeitung im großen Stil

Anhand von Verfärbungen im Boden kann er rekonstruieren, wo einst Häuser standen, wo es Feuerstellen gab, wo Grubenhäuser. „Wir haben getrennt voneinander zwei Bereiche in denen ganz klar Gewerbe beheimatet war“, so Prison. So findet sich im Fürsamen ein größerer Bereich, in dem die Spuren darauf hindeuten, dass die Alamannen hier in größerem Stil Metall verarbeiteten. In einem anderen Bereich finden sich etliche Grubenhäuser. „Die waren in den Boden eingelassen und relativ feucht und kühl. Hier fand Textilverarbeitung statt, weil sich Wolle so viel besser spinnen und weben lässt“, so Prison.

Auffällig ist, dass in der alamannischen Siedlung sowohl Metall- als auch Textilverarbeitung in großem Stil stattgefunden haben muss. „Das sieht schon nach regelrechten Betrieben aus“, so der Archäologe. Auffällig ist auch, dass diese eben nicht innerhalb der Wohnbebauung sondern konzentriert in anderen Bereichen angesiedelt waren. Will heißen: Schon die Heidenheimer Alamannen gingen zum schaffen – auch wenn die Wege deutlich kürzer waren als heute.

Nach dem Abzug der Römer siedelten die Alamannen im dritten und viert Jahrhundert an der Brenz. Und es scheint ihnen hier gut gefallen zu haben, denn für damalige Verhältnisse war der Ort eine Großstadt. Wie viele Menschen hier einst gelebt haben, wird man wohl nie herausfinden, weil der Archäologe bisher nicht an die Ränder der Siedlung gestoßen ist. Außerdem wurde noch kein Gräberfeld gefunden, das Aufschluss über die Größe der Bevölkerung geben könnte. Anhand der Häuser lässt sich jedoch hochrechnen, dass hier mindestens 600 Menschen lebten. Schon seit Jahren ist der Fürsamen die größte alamannische Siedlungsgrabung in Deutschland.

Ein Großteil der rund acht Hektar großen Fläche ist bereits archäologisch untersucht und ausgewertet. Und auch in diesem Jahr wird es sicherlich wieder etliche neue Erkenntnisse zu Heidenheims Frühgeschichte geben. Denn derzeit wird ein neues Grabungsfeld freigelegt, das insgesamt rund 1800 Quadratmeter umfasst.

Schichtenweise wird abgetragen

Mit viel Feingefühl, beinahe zärtlich, trägt der Baggerfahrer im nördlichen Bereich des Grabungsgeländes rund 1,50 Meter unter der heutigen Erdoberfläche mit der Schaufel Schicht für Schicht des Bodens ab, während Prison genau beobachtet, was dabei zum Vorschein kommt und dem Baggerfahrer präzise Anweisungen gibt.

Schon jetzt kann sein geübtes Auge an den Verfärbungen im Boden erkennen, wo früher Gebäude standen. Die waren in Fachwerk-Bauweise gebaut und die Pfosten haben Spuren in der Erde hinterlassen. Auch Feuerstellen sind deutlich auszumachen. Hinzu kommen kleine Funde wie etwa ein alamannischer Knochenkamm, die Prison schon beim Baggern entdeckt hat.

Und was erwartet der Grabungsleiter Hardy Prison in diesem Jahr auf dem Grabungsgelände zu finden? „Ich rechne sicher mit weiteren Bebauungspuren, vielleicht finden wir ja auch noch die eine oder andere Besonderheit, die uns ein noch besser Bild über die damalige Zeit vermittelt“, ist Prison zuversichtlich.

Großstadt der Vorgeschichte: Seit 7000 Jahren leben Menschen am Brenzufer

Im heutigen Fürsamen zwischen Brenzpark und Schnaitheim finden seit 1999 großflächige archäologische Siedlungsgrabungen statt. Inzwischen ist ein großer Teil der acht Hektar großen Fläche untersucht. Noch sind die Ausgrabungen nicht abgeschlossen, aber schon jetzt lässt sich sagen, dass es sich hier um die wohl größte zusammenhängende frühalamannische Siedlungsgrabung in ganz Deutschland handelt.

Schon weit vor vor der alamannischen Zeit war der Fürsamen als Wohngebiet beliebt. Die frühesten Siedlungsspuren stammen aus der Zeit der Bandkeramik (etwa 5000 v. Chr.) und sind damit jungsteinzeitlich. Darüber hinaus wurden im Fürsamen auch Scherben und Siedlungsstrukturen der Urnenfelderkultur (1000 bis 800 v. Chr.), der Hallstattzeit (750 bis 600 v. Chr.) und der Spätlatènezeit (120 bis 50 v. Chr.) nachgewiesen. Die Bronzezeitlichen Funde schließen nun eine weitere Lücke.

Außerdem haben die Grabungen der vergangenen Jahre ergeben, dass auch die Römer Mitte des 2. bis Mitte des 3. Jahrhunderts im Fürsamen siedelten und hier zumindest einen Gutshof für das nahe Reiterkastell unterhalten haben. Später (Ende des 3. bis Ende des 4. Jahrhunderts) kamen dann die Alamannen in den Fürsamen, der wohl, sie derzeitigen Erkenntnisse, auch nach deren Abzug bis ins frühe Mittelalter besiedelt blieb.

Lesen Sie jetzt die eZeitung schon ab 0,99 € / Monat
Die digitale 1:1-Ausgabe der Heidenheimer Zeitung steht Ihnen ab 4 Uhr morgens mit allen Nachrichten der Region zur Verfügung. » zum Angebot

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Partner der

Seniorenzentrum: Hermaringer Ortsmitte bekommt ein neues Gesicht

Wie wird das neue Seniorenzentrum in Hermaringens Ortsmitte aussehen? Die mit Spannung erwarteten Pläne wurden am Donnerstagabend in der Sitzung des Gemeinderates erstmals von Architekt Dietmar Ledwig erläutert. weiter lesen

22UAA