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Wie findet man sein persönliches Familienglück?

Der Kinder- und Jugendpsychologe Dr. Thomas Fuchs, am 2. Mai Referent bei den „Heidenheimer Impulsen“, hat eine mögliche Antwort parat.

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Nächster Referent bei den „Heidenheimer Impulsen“: der Kinder- und Jugendpsychologe Dr. Thomas Fuchs.  Foto: 

Nicht immer müssen die Kinder der Grund dafür sein. Dennoch zählte man im Heidenheimer Standesamt im vergangenen Jahr insgesamt 176 Scheidungen. „Bis dass der Tod euch scheidet“ ist also bei weitem nicht mehr für alle Menschen die Basis für eine glückliche Familie. Dass das aber auch anders sein kann, dafür tritt der Kinder- und Jugendpsychologe Dr. Thomas Fuchs mit seinem Kollegen Jens Corssen an und wird Inhalte seines am 3. April erschienenen Buches „Familienglück“ auch in Heidenheim präsentieren. Den nächsten Beitrag in der Reihe „Heidenheimer Impulse“ bestreitet Fuchs am Dienstag, 2. Mai, ab 19 Uhr im Lokschuppen und wird dort über die Kernaussagen seines Buches reden und diskutieren.

Herr Fuchs, Eltern wollen bekanntlich nur das Beste für ihre Kinder. Und dann bringt der Alltag seine eigentlich ganz normalen Konflikte mit sich. Plötzlich sind Kinder lästig, weil sie persönliche Freiheiten erheblich einschränken, es gibt sogar Eltern, die bereuen ernsthaft das Kinderkriegen. Warum tut man sich das Ganze also überhaupt an?

Dr. Thomas Fuchs: Weil Kinder etwas Einzigartiges sind. Um aber gleich auf diese Bereuen zurückzukommen: diese Bewegung „regretting motherhood“, bei der Frauen öffentlich das Kinderkriegen bereuen, ist einer dieser Gründe, warum ich gemeinsam mit dem Verhaltenstherapeuten Jens Corssen das Buch „Familienglück“ verfasst habe. Dass Menschen so weit gehen zu sagen, Kinder zu bekommen bzw. zu haben mache nicht glücklich. Oder, als ich vor einiger Zeit eine Studie gelesen habe, in der Kinder als Wellness-Schädlinge bezeichnet wurden. Das kann ich als Vater von drei Töchtern nicht bestätigen.

Was läuft da also schief?

Oft sind es falsche Erwartungen, die wir an unsere Kinder haben. Daraus entstehen dann Enttäuschungen. Durch die Arbeit in meiner Kinder- und Jugendpsychologiepraxis in Schwäbisch Gmünd, ist es mir wichtig: akzeptiert die Einzigartigkeit eures Kindes. Es bringt nichts, sich darüber zu beklagen, dass man sich einen Bücherwurm gewünscht und es aber mit einem Zappelphilipp zu tun hat. Erwartungen wie diese können dem Familienglück schaden.

Ganz konkret: warum sind viele Familien heutzutage nicht mehr glücklich?

Eigentlich unterscheiden sich die Probleme heutiger Familien gar nicht so sehr von jenen vor 25 Jahren, als ich meine Praxis eröffnet habe. Die neuen Medien sind natürlich ein täglicher Kampf, ich sehe in diesem Bereich vollkommene Hilflosigkeit, viele Eltern haben komplett unterschätzt, welche Probleme das mit sich bringt.

Eins ist aber klar: wir sind eine verwöhnte Elterngeneration, weil wir andere Erwartungen haben an unsere Lebensgewohnheiten als sie unsere Eltern hatten. Deshalb werden Kinder doch überhaupt erst als Wellness-Schädlinge betitelt. Kinder müssen funktionieren, damit unser Stressfass nicht überläuft. Auch die Familienverhältnisse sind andere als früher: mehr Patchwork, weniger verfügbare Großeltern.

Das merken sie sicher auch in ihrer Arbeit als Familienpsychologe.

Ja klar. Im Prinzip sind die Vorträge, die ich halte, die Essenz der Erfahrung meiner ersten 25 Jahre in diesem Beruf. Ich bin kein Erziehungsberater, aber auch als kassenzugelassener Therapeut macht sich fast immer bemerkbar, dass das Seelenband zwischen Eltern und Kind gerissen ist. Aus klinischer Sicht ist meist schon das Fundament des Zusammenlebens erschüttert. Ich hatte zum Beispiel den Fall eines Vierjährigen, der hat immer dann, wenn die Erzieherin gesagt hat, dass jetzt aufgeräumt werde, die Stühle aus dem Fenster geworfen. Völlig klar, dass bei dem Kind etwas nicht stimmen kann.

Wie wird mal also eine glückliche Familie?

In einer glücklichen Familie sind alle Mitglieder zugleich diszipliniert und konsequent, gelassen und vor allem positiv gestimmt. Wir nennen es den Hausbau des Familenglücks, man braucht einen roten Faden, gewisse Grundtechniken, auf die man sich beziehen kann.

Da wäre zunächst das Fundament, das sind die seelischen Grundbedürfnisse des Kindes: es will geliebt werden, es will Spaß haben, nicht nur Dinge machen, die ihm nicht gefallen. Es braucht ein gesundes Selbstwertgefühl. Das bekommt es nicht, wenn es fortwährend vermittelt bekommt, dass die Eltern mit ihm unzufrieden sind. Wenn etwa der Vater das Kind, wenn es aus der Schule eine Zwei nach Hause bringt, fragt, warum es nicht eine Eins ist. Jens Corssen und ich empfehlen Eltern, ruhig mal auf Merkkarten die Grundbedürfnisse zu notieren und sich am Abend nochmal zu vergewissern, ob man heute diese Bedürfnisse des Kindes bedient hat.

Und wie geht's beim Hausbau weiter?

Dann kommen die vier Säulen. Die erste Säule nennen wir „Einzigartigkeit akzeptieren und Stärken stärken“. Enttäuschungen bei den Eltern lösen keine positiven Reaktionen beim Kind aus. Ein Kind ist nicht schließlich nicht auf einmal ein Katastrophenkind. Die Ratgeberliteratur bietet dazu zwei Richtungen: entweder dem Kind gegenüber konsequent sein oder das Laissez-faire-Prinzip.

Säule zwei?

Nennen wir „Disziplin und Konsequenz“. Da kommen wir auf den Begriff Erziehungsquark zu sprechen, etwa wenn Eltern ihre Kinder erst bestrafen wollen, dann aber doch belohnen. Nehmen wir ein Kind, das immer und immer wieder fragt, ob es etwas Bestimmtes haben kann. So lange, bis die Eltern irgendwann komplett genervt dieses Bedürfnis erfüllen. So lernt das Kind, dass es nur oft genug nachfragen muss und schon bekommt es, was es will.

Säule drei nennen Sie die „gehobene Gestimmtheit“

Genau, hier geht es um Gelassenheit. Eine positive Grundstimmung kann vieles einfacher machen. Man muss nicht alles rosarot sehen, aber gut drauf zu sein macht alle glücklicher. Ich habe in meiner Praxis oft Mütter sitzen, die sagen sie seien deshalb hier, weil sie Zuhause die „Arschkarte“ gezogen hätten. Natürlich können Kinder schwierig sein, aber es wird mit Sicherheit nicht einfacher, wenn wir jede Situation im täglichen Umgang mit diesem Denken angehen. Eltern muss klar sein: ja, es kann mal Ärger geben. Dann muss auch wieder die Gelassenheit zurückkehren.

„Seelenband erhalten“ ist die vierte Säule. Was meinen Sie damit?

Es geht darum, die Beziehung zum Kind nicht zu verlieren. Wir zerren heute viel zu sehr an den Kindern, legen mehr Wert auf die Leistungsbereitschaft als auf die persönliche Beziehung. Das Seelenband braucht aber Zeit und Beziehung. Ich hatte in meiner Praxis einen besonders krassen Fall: ein 14-Jähriger erzählte mir, sein PC verstehe ihn besser als sein Vater.

Nun ist das Dach dran, oder?

Genau. Das Dach steht als Symbol der Beziehung der Eltern zueinander. Ohne Dach gibt es keinen Schutz für die Kinder. Und wenn sich Eltern uneinig sind, sich ständig streiten oder es gar zur Trennung kommt, dann fehlt dieser Schutz. Völlig klar, dass dies nicht dem Wohl der Kinder dient.

jetzt haben wir viel über die Eltern geredet. Was aber können Kinder tun für ein glückliches Zusammenleben?

Kinder müssen erst mal gar nichts tun, nicht anfangen, Rücksicht zu nehmen. In dem von uns formulierten Konzept ist das auch gar nicht vorgesehen. Wir sind überzeugt, dass Familienglück dann erreichbar ist, wenn die Erwachsenen sicher handeln, Haltung bewahren und keine falschen Erwartungen haben. Kinder müssen nicht so sein, wie wir es haben wollen.

Was also sollten Eltern auf keinen Fall tun?

Niemals sollte man die Persönlichkeit eines Kindes entwerten, es als Faulenzer oder was auch immer betiteln. Viele Menschen unterscheiden nicht zwischen einem bestimmten Verhalten und der Person an sich. Ich zitiere da gerne Max Frisch: „Du sollst dir kein Bildnis machen“. Also im Hinblick darauf, wie mein Kind sein soll.

Ein zweiter Punkt: auf keinen Fall sollten Eltern ihr Verhältnis zu ihrem Lebenspartner opfern. Eine starke Mama-Papa-Beziehung stärkt auch die Kinder. Deshalb sollte man ständig miteinander kommunizieren, teilhaben am Leben des anderen, nicht darüber klagen, wie es andere doch vermeintlich besser haben, während man selbst zu kurz kommt.

Am Dienstag, 2. Mai, kommen Sie im Rahmen der „Heidenheimer Impulse“ zu einem Vortrag in den Lokschuppen. Was darf man da erwarten?

Vorrangig biete ich ein Coaching für die wilde Achterbahnfahrt für das Leben mit Kindern. Nein, natürlich möchte ich mit dem Publikum das Haus des Familienglücks bauen, dazu auffordern, auf dieses Ziel hinzusteuern. Mehr wird nicht verraten. Ich bin jedenfalls überzeugt davon, dass eine glückliche Familie die wichtigste Keimzelle für das Wohl in dieser keinesfalls friedfertigen Welt ist.

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