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Was Deutsch-Türken in Heidenheim zum Referendum sagen

Anders als in größeren Städten bleibt es unter türkischstämmigen Heidenheimern auch nach dem Wahlsonntag ruhig – wobei die Meinungen durchaus auseinander gehen.

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Das knappe Ja der Türken zu einem Präsidialsystem beschäftigt nicht nur die Außenpolitik.

Seit bekannt wurde, dass gerade die in Deutschland lebenden wahlberechtigten deutlich klarer für einen noch mächtigeren Staatspräsidenten Erdoğan stimmten als ihre Landsleute in der Türkei selbst, haben sich viele Seiten zu Wort gemeldet: Türkische Oppositionelle, die teils wütend auf die „Deutschtürken“ sein sollen, aber auch konservativere deutsche Politiker, die nicht verstehen können, dass man die Vorteile eines freiheitlichen Staates nützt, von dort aus aber für einen autoritär geführten Staat stimmt.

Deutsch-Türkischer Club: Nur wenige haben abgestimmt

Darüber ärgert sich der Deutsch-Türkische Club Heidenheim. Nachdem „vom angeblichen Scheitern der Integration oder mangelnder Loyalität von scheinbar 66 Prozent der Deutsch-Türken“ gesprochen werde, liefert Hasan Cildir im Namen des Clubs eine eigene Rechnung: Demnach hätten sich in den beiden baden-württembergischen Konsulatsbezirken Stuttgart und Karlsruhe gerade 111.000 Wahlberechtigte an der Abstimmunge beteiligt – bei rund 428 000 Menschen mit türkischem Pass oder türkischer Herkunft.

Die 72 000 „Ja“-Stimmen im Land entsprächen also kaum 17 Prozent aller Türkischstämmigen in Baden-Württemberg. „Den übrigen 74 Prozent war die Abstimmung egal oder sie waren gar nicht wahlberechtigt“, so Cildir. „Was wir eigentlich brauchen ist Gelassenheit, Verständigung, politische Bildung, Debattenkultur und Vernunft bei der Mediennutzung“, heißt es beim Deutsch-Türkischen Club.

Junge Türken stehen hinter Erdoğan

Wie sehen es andere? Vor allem unter jungen Türken in Heidenheim scheinen Recep Tayyip Erdoğan und die Regierungspartei AKP beliebt zu sein.

„Die meisten haben bekommen, was sie wollten“, sagt der 18-jährige Rasim Divrik in Bezug auf seine Altersgenossen. „In meinen Augen ist Erdogan der einzig, seriöse Staatschef der für die Türkei infrage kommt“, meint der Heidenheimer Gymnasiast und ist mit dieser Meinung nicht allein.

Der Gerstetter Mustafa Tekinsoyfindet: „Erdogan ist jemand, der seine Versprechen einhält und für viel Gutes gesorgt hat.“ Innerhalb der Region hält der Abiturient die Erdoğan-Befürworter für klar in der Überzahl.

Die beiden jungen Männer sind sich einig: Die Bestrebungen der Regierungspartei AKP, den Islam stärker mit dem traditionell laizistischen Staat zu verbinden, seien richtig und wichtig und mit ein Grund für die klare Zustimmung zum Präsidialsystem – gerade unter deutschen Türken.

Frust über Berichterstattung

Frustriert sind die beiden über die Berichterstattung in den westlichen Medien. „Ich habe noch nie eine positive Nachricht über die Türkei oder Erdogan in deutschen Medien gesehen“, sagt Divrik.

Dass unzählige Journalisten in der Türkei ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen dürfen oder für ihre Berichterstattungen im Gefängnis sitzen, spielt für ihn in diesem Zusammenhang keine Rolle – umgekehrt habe ihn die hiesige Berichterstattung eher in seiner Zustimmung zu Erdoğan bestärkt.

Auflehnen gegen Türkei-Kritik

Auch ein entschiedener Erdoğan-Gegner, der seinen Namen aber trotzdem nicht im Zusammenhang mit dem Referendum am Sonntag in der Zeitung lesen möchte, hält die deutsche Berichterstattung über die Türkei für mitschuldig an der Einstellung der hiesigen türkischen Community: „Das Türkei-Bashing in den Medien verärgert viele Leute.“ Türken fühlten sich angegriffen, weil keine positives Bild ihrer Heimat gezeichnet werde.

Trotzdem kann der in Heidenheim als Sporttrainer aktive Mann das „Ja“ beim Referendum nicht verstehen. Wer, wie er selbst, die demokratische Freiheit und alle Rechte hier in Deutschland genieße, habe keine Berechtigung dazu, in einem anderen Land an Abstimmungen teilzunehmen, die eben diese limitierten. Wer einen Staat mitgestalten wolle, „der muss auch in diesem Staat leben“, sagt der türkischstämmige Mann.

Todesstrafe wäre Ablehr von Europa

Doch das Schlimmste könnte für ihn noch kommen. Mit einer Einführung der Todesstrafe, so der Heidenheimer mit Familie in der Türkei, wende sich die Türkei komplett von Europa ab. Seit ihrer Gründung sei die Nation immer westwärts gewandt gewesen, das könne sich unter Erdoğan mit seiner AKP ändern.

Auch eine stärkere Verbindung des Staates mit der Religion, dem Islam, bewirke eine solche Abschirmung. Die Türkei werde von den meisten hier lebenden Türken nur „als Urlaubsland erfahren“ und dementsprechend solle man sich verhalten.

Erdoğan-Befürworter Rasim Devrik sagt hingegen: „Die meisten Deutschtürken sind meiner Meinung nach noch patriotischer als die Bürger in der Türkei.“

In der Türkei trotzdem Türke

Man müsse die Entwicklungen in der Türkei in den nächsten Wochen zunächst beobachten, doch den Besuch bei der Familie in der Heimat sehen beide Seiten in den nächsten Jahren nicht gefährdet.

„Als Deutschtürke wird man in der Türkei trotzdem als Türke angesehen“, ist sich Devrik sicher. Gefährdet sehen die Heidenheimer Türken eher die Einreise nach Deutschland für Landsleute – und das Recht der doppelten Staatsbürgerschaft.

Konflikte zwischen Anhängern der beiden Lager wurden bisher in Heidenheim noch nicht offen festgestellt. Es kann zwar „ziemlich hitzig werden, wenn es um Politik geht“, aber große Meinungsverschiedenheiten oder gar Streitigkeiten bestehen unter türkischstämmigen Heidenheimern kaum bis überhaupt nicht, erklärt Mustafa Tekinsoy die Lage.

Auch für Erdogan-Anhänger gehört diese Debatte nicht nach Deutschland. „Der Streit hat hier nichts zu suchen“, sagt Rasim Devrik und betont, dass es unter den hiesigen Türken friedlich bleiben werde. Trotzdem ist es aber anscheinend schwierig für Erdoğan-Gegner, sich öffentlich zu äußern.

Herrscht ein Burgfrieden?

Das war nicht immer so: Im Herbst 2015 hatte es in Heidenheim zuletzt gleich zwei parallele Demonstrationen gegeben, damals gingen sowohl Anhänger wie Gegner der AKP auf die Straße, auch Türken und Kurden bezogen damals ihre unterschiedlichen Positionen.

Genau wegen der sehr unterschiedlich aufgestellten türkischen Gemeinschaft in Heidenheim blieb es seit dem Putschversuch im Jahr 2016 geradezu auffallend ruhig unter Heidenheims türkischer Bevölkerung, in der sich zuvor auch Anhänger der in der Türkei verfolgten Gülen-Bewegung zu erkennen gegeben hatten. Der „Burgfriede“ scheint zu halten – womöglich bleibt es schlicht dabei.

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