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Von der schiefen Bahn zum Anti-Aggressivitäts-Trainer

Der Heidenheimer Burak Özüak befand sich viele Jahre auf der "schiefen Bahn". Heute ist der 38-Jährige geläutert - und gibt seine Erfahrungen weiter. In Stuttgart arbeitet er als Anti-Aggressivitäts-Trainer mit jugendlichen Straftätern.

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Back to the roots: Burak Özüak arbeitet heute als Sozialarbeiter mit Straftätern und Häftlingen in Stuttgart. Auch er selbst hat eine kriminelle Vergangenheit hinter sich, ihren Anfang nahm diese unter anderem hier, am Ostplatz in der Oststadt.  Foto: 

Es war in der achten Klasse, als ein Lehrer zu Burak Özüak sagte: „Du wirst mal eine Knast-Karriere hinlegen“. Der Lehrer sollte Recht behalten.

Knapp 20 Jahre später: Gewalt, Körperverletzungen und Gefängnis sind tatsächlich das tägliche Brot des Heidenheimers, der mittlerweile in Stuttgart lebt. Dort arbeitet der heute 38-Jährige seit 2011 bei der Sozialberatung als Anti-Aggressivitäts- und Coolness-Trainer. Seine Hauptklientel: Mehrfach- und Intensivstraftäter, allesamt vorbestraft wegen schwerer Körperverletzung.

Dass er dabei als Trainer fungiert und nicht selbst zum Klientel gehört, dachte vor wenigen Jahren vermutlich noch keiner. Denn die Lebensgeschichte vieler seiner Klienten entspricht auch seiner eigenen. Der Weg zurück auf den Pfad der Tugend war ein langer.

Geboren wurde Burak Özüak in Regensburg als Kind türkischer Eltern. Als sich seine Eltern scheiden ließen, kam er nach Heidenheim. Dort ging er zur Schule, baute sich einen Freundeskreis auf, wurde erwachsen.

Eine Perspektive hatte der Jugendliche damals nicht. Positive Vorbilder? Fehlanzeige.

Stattdessen verbrachte er mit seinen Freunden oft ganze Nachmittage und Nächte am Ostplatz in der Oststadt; hier nahm auch Özüaks kriminelle Laufbahn ihren Anfang. Bald war die Gruppe über die Landkreisgrenzen hinaus bekannt und berüchtigt.

Drogen, Körperverletzung, Revier-Kämpfe mit anderen Gruppen, letztendlich Gefängnis. Und irgendwann die Erkenntnis: Noch weiter nach unten geht es nicht.

Heute kann Burak Özüak ganz gelöst über diese Zeit sprechen, doch damals, am Wendepunkt seines Lebens, sah das ganz anders aus.

„Ich musste mich entscheiden: Bleibe ich in Heidenheim, mit allem Negativen um mich herum? Oder schlage ich einen neuen Weg ein?“, fasst Özüak seine Gedanken von damals zusammen. Beistand erhielt er in dieser Zeit ausgerechnet von einem Diakon. Dieser bestimmte den weiteren Lebensweg des Heidenheimers maßgeblich mit.

Denn Özüak entschloss sich, seine kriminelle Vergangenheit hinter sich zu lassen – und wurde an einer evangelischen Missionsschule in Unterweissach aufgenommen. Dort widmete er sich der Religions- und Jugendpädagogik, beschäftigte sich mit seiner Persönlichkeitsbildung und der Aufarbeitung seiner Vergangenheit. „Lebensschule“, bezeichnet er jene Zeit heute.

Im Zuge dessen konvertierte Özüak auch zum christlichen Glauben. Bis dahin waren Religion und speziell der Islam zwar durchaus präsent in seinem Leben, wenn auch nicht maßgebend. Auch heute noch bezeichnet er sich eher als spirituell denn tiefgläubig.

Doch war der Aufenthalt in der Missionsschule dennoch sein Sprungbrett in eine neues Leben und die Tätigkeit als Sozialarbeiter. „Ich wollte nicht den Rest meines Lebens im Knast verbringen. Die Missionsschule hat mir den Arsch gerettet“, sagt Burak Özüak. Diese verließ er als Diakon, fand zunächst eine Stelle als Jugendhausleiter und dann bei der Sozialberatung in Stuttgart. Dort gibt er Fortbildungen an Schulen, in Betrieben und für pädagogische Fachkräfte, arbeitet mit Straftätern und jugendlichen Häftlingen in der JVA Stammheim, auch ein Heidenheimer war schon mit dabei. Das Durchschnittsalter liegt bei etwa 20 Jahren, alle sind männlich.

Beinah täglich bekommt er so vor Augen gehalten, wie sein Lebensweg auch hätte verlaufen können. Denn der Großteil seiner Klienten, wie Özüak die Straftäter, mit denen er arbeitet, nennt, haben ähnliche Biografien, viele Bruchstücke davon finden sich auch in seiner wieder.

Eine zerbrochene Eltern-Kind-Beziehung, Schulabbrüche, eigene Opfer-Erlebnisse in der Kindheit. Die Erfahrung, als Kind von Einwanderern immer „der Ausländer“ zu bleiben, zu wissen wie es ist, als „der Türke“ abgestempelt zu werden, das Gefühl, nicht dazuzugehören. Der Wunsch nach Anerkennung, nach Vorbildern, nach Orientierung.

Und irgendwann selbst vor der Frage zu stehen: Will ich Opfer oder Täter sein? „Die Jugendlichen wollen durch ihre Tat cool wirken. Je brutaler die Tat, desto mehr Aufmerksamkeit bekommen sie dafür“, erklärt Burak Özüak. Denn am Ende, so der Sozialarbeiter, gehe es immer um Anerkennung. Vor allem für jene Jugendliche, die das Prädikat „Migrationshintergrund“ mit sich tragen, sei das ein zentraler Aspekt: Obwohl meist schon in der dritten Generation hier, fehlt ihnen Anerkennung und Orientierung, müssen sie gegen Stigmatisierung kämpfen und das Klischee vom kriminellen Ausländer ertragen – und erfüllen dieses letztendlich, in dem sie ihre Wut und Enttäuschung mit Gewalt kompensieren.

Vieles davon hat Burak Özüak genauso selber erlebt, doch versucht er diese Erfahrungen zum Guten zu verwenden. „Dank meiner Erlebnisse habe ich oft leichteren Zugang zu den Jugendlichen“, sagt Özüak. Dennoch versucht er, seine Biografie nur in den äußersten Notfällen einzusetzen; wenn gar nichts mehr geht, damit sich einer öffnet.

Mit sich und seiner eigenen Biografie ist Burak Özüak heute im Reinen. Vorwürfe macht er niemandem. Gewalt und Kriminalität spielen für ihn nur noch beruflich eine Rolle.

Dass ihm eines Tages die Arbeit ausgehen könnte, daran glaubt er nicht: „Ich habe einen krisenfesten Job.“

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