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Sonderpräsenz: das richtige Rezept oder nur ein Placebo?

Objektive Sicherheitslage und subjektives Sicherheitsgefühl sind weiter denn je voneinander entfernt. Die Reaktion der Polizei ist eine Gratwanderung.

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Ungewohnter Auftritt: Berittene Polizei und andere Sondereinheiten sind seit einiger Zeit öfter in der Stadt zu sehen. Die sich daran knüpfende Frage ist auch, wie nachhaltig solche Einsätze sind.  Foto: 

Heidenheim gilt als ein sicheres Pflaster. Die beim Polizeipräsidium Ulm ermittelte Kennzahl, die die Belastung der Bevölkerung durch Kriminalität abbildet, liegt deutlich unter, die Aufklärungsquote über dem Landesdurchschnitt – und ist damit besser als es die öffentliche Meinung erlauben will, die von mehreren Faktoren bestimmt wird.

Zum einen suggerieren Einzelereignisse wie ein Rockermord auf offener Straße oder Juwelierüberfälle am helllichten Tag, dass die kleine heile Welt nicht mehr in Ordnung ist. Zum anderen wirkt sich die unablässig in die Wohnstuben kommende Bilderflut globalisierten Schreckens und die als allgegenwärtig empfundene Terrorbedrohung auch auf lokaler Ebene aus. „Die Kriminalitätslage ist seit vielen Jahren stabil, aber die Emotionslage der Bürger ist anders,“ bemerkt Polizeipräsident Christian Nill: „Und das ist momentan unser Problem.“

Die Problemlösung ist schwierig. Ein fast schon gebetsmühlenhaft gepredigter Ansatz geht in die Richtung, mehr polizeiliche Präsenz zu zeigen. In Heidenheim wird dies seit Mitte August in einer besonderen und besonders auffälligen Form praktiziert.

So haben die örtlichen Sicherheitskräfte vom Polizeipräsidium Ulm vorübergehend Verstärkung erhalten, darunter junge Polizeibeamte mit Einsatzerfahrung, aber auch Spezialeinheiten wie berittene Polizei und Hundeführer, mit deren Anwesenheit sowohl Straftaten als auch Ordnungsstörungen der Nährboden genommen und das Sicherheitsgefühl der Bürger gesteigert werden soll.

Wenn sich Polizisten hoch zu Ross durch die Stadt bewegen, fällt das auf, und insofern geht auch die Absicht auf. Die gewünschte Wirkung, die Polizei im öffentlichen Raum wahrnehmbarer zu machen, stellt sich ein. Was aber wirklich erreicht wird, ist eine andere Frage, auf die auch die Polizeiführung keine schlüssige, von Zahlen und Quoten untermauerte Antwort weiß. „Der Erfolg einer solchen Aktion ist nicht messbar,“ räumt Christian Nill ein, betont aber gleichzeitig, dass es sich bei dem Einsatz zusätzlicher Einheiten nicht um ein Schaulaufen handelt. Und tatsächlich, es wird eingeschritten und sanktioniert – sei's gegen Drogenkonsumenten, Sprayer, Randalierer und Ordnungsstörer.

Ob das Heidenheim tatsächlich sicherer macht oder nur Placebos mit einem Einmaleffekt fürs subjektive Sicherheitsgefühl sind, bleibt für viele Beobachter offen. Polizeichef Christian Nill hingegen will nicht von einem Mittel ohne Wirkung sprechen, „denn das würde bedeuten, man gaukelt etwas vor, was nicht ist“.

Ungeachtet dessen räumt er ein, dass man den Königsweg im Umgang mit der weit verbreiteten Sorge über die Unsicherheiten des täglichen Lebens noch nicht gefunden hat und dass man sich mit Sonderaktionen wie der in Heidenheim ein Stück weit auch auf eine Art Gratwanderung begibt: Tritt die Polizei richtig massiv auf, kann dies in der öffentlichen Wahrnehmung auch das Gegenteil bewirken und so gedeutet werden, dass die Lage schon richtig schlimm sein muss – ein klarer Negativ-Effekt.

Auch der Polizeipräsident will nicht, dass an jeder Ecke ein Polizist steht. Trotzdem: „Wir müssen den artikulierten Wunsch nach mehr sichtbarer, ansprechbarer Polizei so gut es geht umsetzen.“ Nill würde gern das Thema „Fußstreifen“ wieder verstärken, muss dies aber in einem Gesamtkonzept sehen, das die Frage der Polizeistärke nicht nur mit der Zahl der Stiefelspitzen beantwortet, sondern auch daran misst, wie man mit einer veränderten Einsatz-Disposition auf veränderte Anforderungen reagieren kann.

Die qualitative Verbesserung sieht er in der Möglichkeit, flexibler auf bestimmte Szenarien reagieren zu können, wie etwa beim unvergessenen Amokalarm an der Technischen Schule im November 2015: So schnell eine solche Armada auf die Beine zu stellen, da ist er sich sicher, wäre vor der Polizeireform nicht möglich gewesen.

Und doch, auch Stiefelspitzen spielen eine Rolle. Davon sind nicht zuletzt jene Polizisten überzeugt, die an der vielzitierten Basis arbeiten und bis heute nicht von einem Erfolg der Organisationsreform überzeugt werden konnten. Immerhin, einigen von ihnen wird jetzt Verstärkung zuteil.

Von 45 neuen Kollegen, die Anfang September im Polizeipräsidium Ulm als personeller Zuwachs begrüßt wurden, kommen fünf zum Polizeirevier Heidenheim und zur in Oggenhausen stationierten Verkehrspolizeidirektion Heidenheim. Allerdings: Meist reicht personeller Zuwachs gerade aus, um die Zahl der in Pension gehenden Beamten zu ersetzen.

Mehr zur Sicherheit in Heidenheim, speziell zum Thema Videoüberwachung des öffentlichen Raums, lesen Sie hier.

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