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Schlaganfall: Viele Patienten kommen nach wie vor schlicht zu spät

Die Stroke Unit mit jährlich 600 Behandlungsfällen zählt zu den besten ihrer Art und wird noch weiter optimiert. Nur: Viele Patienten kommen nach wie vor schlicht zu spät.

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Morgens um 7.15 Uhr war die Welt plötzlich nicht mehr in Ordnung. Der rechte Arm erlahmte, ließ sich nicht mehr bewegen, und nur weil der erschrockene Mann das einzig richtige machte und das Klinikum sein Bestes tat, wurde das Schlimmste verhindert: Um 8.02 Uhr war der Schlaganfall-Patient auf dem Schlossberg, und schon um 8.13 Uhr wurde das gefäßverschlussauflösende Medikament verabreicht.

Das Beispiel eines perfekten Zusammenspiels von DRK, Zentraler Notaufnahme und Neurologie ist nicht aus der Luft gegriffen. Im Klinikum Heidenheim wird bei 80 Prozent aller Schlaganfall-Patienten, die für eine Thrombose in Frage kommen, innerhalb einer halben Stunde die Diagnose getroffen und mit der Behandlung begonnen. „Ein Spitzenwert im Land,“ versichert Dr. Karl-Heinz Huber-Hartmann, Chefarzt der Klinik für Neurologie, in deren Stroke-Unit – zu deutsch Schlaganfall-Einheit – jährlich rund 600 Menschen medizinisch, pflegerisch und physiotherapeutisch versorgt werden.

Weit über dem Standard

All dies geschieht auf sehr hohem Niveau. Die Schlaganfall-Station erfüllt die Vorgaben der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft, wird regelmäßig zertifiziert, erzielt außergewöhnlich gute Ergebnisse und nimmt nach übereinstimmender Experteneinschätzung eine weit über dem Standard liegende Stellung ein. Die Stroke Unit verfügt seit knapp zwei Jahren im Zentrum für Intensivmedizin über eigene sechs Betten, was die Wege zwischen Neurologen, Internisten und Intensivmedizinern stark verkürzt und die Qualität der traditionell guten Zusammenarbeit von Intensivmedizinern und Neurologen noch weiter verbessert hat. Die Nähe zur Allgemeinen Neurologiestation gewährleistet, dass Schlaganfall-Patienten in die nächstgelegenen Zimmer verlegt werden, wo sie ohne Arztwechsel weiter von den Spezialisten der Stroke Unit versorgt werden.

Im besonderen Blickfeld steht die medikamentöse Lyse-Therapie, mit der viele Hirn-Arterienverschlüsse beseitigt werden können. Die Medikamente verdünnen Blut und sollen den Blutpropf auflösen. Diese auch Thrombolyse genannte Notfallbehandlung ist jedoch zeitlich beschränkt, nur innerhalb von viereinhalb Stunden möglich: ein Zeitfenster, innerhalb dessen im Klinikum Heidenheim nach eigenen Angaben „leider nur“ 30 Prozent der Schlaganfall-Patienten eintreffen.

Vergleichsweise seltener kommt die Technik der mechanischen Thrombektomie zum Einsatz. „Diese Methode wird hier im Haus nicht gemacht,“ sagt Chefarzt Huber-Hartmann, denn für die operative Wiedereröffnung von Gefäßen im Gehirn braucht es entsprechende Expertisen erfahrener Operateure, die eine Mindestanzahl von Patienten behandeln. Auf diesem Feld arbeitet die Heidenheimer Stroke Unit bereits seit Jahren mit den hochspezialisierten Fachdisziplinen im Günzburger Bezirkskrankenhaus zusammen, die im engen Verbund zur Universitätsklinik Ulm stehen. 2016 sind von Heidenheim aus zwölf Patienten nach Günzburg geschickt worden.

Um die Kooperation zwischen den Neuro-Fächern weiter zu verbessern, die Formen der Zusammenarbeit mehr zu strukturieren, ist erst vor kurzem das Neurovaskuläre Netzwerk Ostwürttemberg gegründet worden. Gemeinsam wollen die Universitätsklinik Ulm, die Universitäts- und Rehabiliationskliniken Ulm (RKU), das dortige Bundeswehrkrankenhaus, die Kliniken Landkreis Heidenheim gGmbH, das Klinikum Christophsbad in Göppingen, das Ostalb-Klinikum Aalen und die Sana Kliniken Landkreis Biberach mit ihren jeweiligen hochspezialisierten Ressourcen die Standards bei der Schlaganfallversorgung hochhalten.

Unterschätzte Vorwarnzeichen

Die Stroke-Units bleiben nach wie vor das Rückgrat der landkreisübergreifenden Schlaganfall-Versorgung. Dies gilt auch für die Heidenheimer Einheit, deren interne Prozesse optimiert worden sind, damit die Patienten unverzüglich die bestmögliche Behandlung erhalten, sobald sie die Schwelle des Krankenhauses überschreiten. Doch alle Schnelligkeit und Qualität der Versorgung nützen wenig, wenn Schlaganfall-Patienten nicht oder zu spät ins Klinikum kommen, weil sie typische Anzeichen für einen Schlaganfall – plötzlich auftretende halbseitige Lähmungen von Arm oder Bein, Taubheitsgefühle, Seh- und Sprachstörungen – als Vorwarnzeichen nicht rechtzeitig erkennen, unterschätzen oder gar ignorieren.

„Wer solche Symptome verspürt, darf nicht warten,“ betont Heidenheims Neurologie-Chefarzt, der keine Probleme mit Patienten hat, bei denen der Verdacht gleich nach der Erstuntersuchung ausgeräumt werden kann. „Lieber fünf Patienten zuviel als einer zu wenig,“ ist seine Devise, denn nicht selten geht es um Leben oder Tod oder um die Frage, welche dramatischen Spätfolgen bei rechtzeitigem Eingreifen verhindert werden können. Im Übrigen zeigt die auf dem Schlossberg gemachte Erfahrung, dass nur bei zehn Prozent aller Patienten mit neurologischen Symptomen andere Ursachen zugrunde liegen.

Die Aufklärung über die Gefahren eines Schlaganfalls ist dem Klinikum denn auch eine Herzensangelegenheit. Dies wird sich auch am Montag, 24. Juli, zeigen, wenn Karl-Heinz Huber-Hartmann und sein Experten-Team den Arbeitsplatz auf den Eugen-Jaekle-Platz verlegen werden, um dort im Rahmen eines Aktionstages über Schlaganfall und Diabetes zu informieren. In einem Doppelstockbus, dessen Innenraum zu einer kleinen Praxis umgestaltet worden ist, können Interessierte einen Schlaganfall- und Diabetes-Risiko-Check machen. 2016 waren hunderte Bürger gekommen, um sich die gebotenen Ratschläge zu Herzen zu nehmen.

Für den 50-jährigen Mann, der da frühmorgens schlagartig aus seinem gewohnten Alltag gerissen worden war, ist am Ende alles noch einmal gut gegangen. Zwar sah man am Folgetag im Rahmen der Computertomographie noch einen kleinen Defekt im Gehirn, aber die Lähmung des Armes ist vollständig verschwunden – lediglich der Faustschluss war rechts noch leicht schwächer als links. Die aktuelle Prognose von Chefarzt Huber-Hartmann ist vielversprechend, lässt bei aller sachlichen Formulierung das Herz höher schlagen: „Der Patient wird wieder ohne Behinderung in sein normales Leben, auch Berufsleben, zurückkehren können.“

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