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Psychiatrie: Patienten zu Hause behandeln scheitert an der AOK

Im Rahmen eines Modellprojekts würde man in der Psychiatrie des Heidenheimer Klinikums gerne Patienten zu Hause behandeln. Das Sozialministerium hat den Versuch genehmigt, die AOK will für ihre Patienten nicht bezahlen. Nun liegt das Projekt auf Eis.

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Muss jemand, der an einer akuten psychischen Erkrankung leidet, zwangsläufig stationär ins Klinikum? Dr. Martin Zinkler, Chefarzt der Psychiatrie am Klinikum Heidenheim, sagt nein: „Nur das momentane Vergütungssystem zwingt uns zur stationären Aufnahme von Patienten.“ Dabei hätte eine Behandlung zu Hause für die Patienten große Vorteile: „Viele haben ein stützendes Umfeld, da würde es ihnen besser gehen als in der Klinik“, sagt Zinkler. Das Hauptproblem in der Behandlung psychisch Kranker sei das Vertrauen. Aufgrund der Geschichte der Psychiatrie, die dunkle Kapitel wie Euthanasie, Zwangssterilisation und Zwangsbehandlung umfasst, hätten psychisch Kranke mitunter Vorbehalte gegen einen Klinikaufenthalt. „Das führt dazu, dass sich auch sehr kranke Menschen mitunter nicht behandeln lassen“, so Zinkler.

Ein alternatives Behandlungsmodell ist das Hometreatment, bei dem das Klinikpersonal Patienten zu Hause besucht und behandelt. Finanziell ist diese Behandlungsmethode kostenneutral zur stationären Aufnahme. Während die Behandlungskosten in der stationären Psychiatrie in den letzten Jahren stetig angestiegen seien, würden die Kosten innerhalb des Modellprojekts für die nächsten acht Jahre festgeschrieben – auf dem momentanen Stand.

Trotzdem zieht die AOK nicht mit: Von zwei Modellprojekten, die das Sozialministerium nach § 64 b des Sozialgesetzbuches genehmigt hat, unterstützt die größte Krankenkasse nur eines: Die AOK Baden-Württemberg ist Kooperationspartner beim Modellprojekt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie mit dem Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim. Das Heidenheimer Modell bezahlen alle anderen Krankenkassen, jedoch nicht die AOK. „Damit käme für 47 Prozent der Patienten ein Hometreatment nicht in Frage“, sagt Dr. Zinkler.

Warum die AOK in Heidenheim nicht dabei ist, erklärt die Krankenkasse mit Hometreatment-Modellprojekten, die es zurzeit in fünf anderen Bundesländern gebe: „Die AOK Baden-Württemberg profitiert von den dort gewonnen Erkenntnissen und kann sich so auf Themen konzentrieren, die über bestehende Modellprojekte noch nicht gelöst werden.“

Dabei geht es beim Modellprojekt nicht nur um Erkenntnisse, sondern vor allem um eine Verbesserung der Behandlung für Patienten. Im anglo-amerikanischen Raum gibt es nämlich schon Erfahrungen und Forschungsergebnisse mit Hometreatment-Modellen. Prof. Ingmar Steinhart vom Institut für Sozialpsychiatrie in Greifswald hat diese ausgewertet und kommt in einem Artikel in der Fachzeitschrift „Psychiatrische Praxis“ zu dem Ergebnis, dass es bei Patienten, die zu Hause behandelt wurden, weniger Behandlungsabbrüche, geringere Kosten und eine höhere Zufriedenheit gebe. Dr. Martin Zinkler kann darüber hinaus noch persönliche Erfahrungen mit der Behandlungsform einbringen, die er während seiner zehnjährigen Tätigkeit als Psychiater in London gesammelt hat.

Auch im Sozialministerium in Stuttgart bedauert man, dass die AOK nicht mitzieht: „Aus Sicht des Ministeriums ist es sehr wichtig, dass die beiden Modellprojekte stattfinden“, sagt der zuständige Referent Dr. Thilo Walker. Mit dem Modellprojekt starten, aber zwei Abrechnungssysteme parallel fahren, das will man im Klinikum nicht. „Eigentlich wäre das Modell ja kostenneutral, aber wir können nicht höhere Verwaltungskosten damit erzeugen“, begründet Zinkler dies.

Modellprojekte in der Psychiatrie: gesetzlich gewollt und festgeschrieben

Neue Methoden der Behandlung von Patienten in der Psychiatrie, die eine Verbesserung darstellen, sind im Sozialgesetzbuch in § 64 b festgeschrieben. Nach diesem Paragraphen soll es in jedem Land mindestens ein Modellvorhaben geben, das auch die komplexe psychiatrische Behandlung im häuslichen Umfeld (also das Hometreatment) umfasst. Auch die Kinder- und Jugendpsychiatrie soll besondere Berücksichtigung finden. Beim Modellprojekt in Mannheim geht es um fächer- und sektorenübergreifenden Konzepte in der Behandlung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, aber nicht um Hometreatment.

Darüber, dass in der Psychiatrie nur aufgrund eines bestehenden Abrechnungssystems stationär behandelt wird, berichtete das Recherche-Zentrum Correctiv in Zusammenarbeit mit dem Magazin Focus vor zwei Wochen unter dem Titel „Der Psychiatrie-Skandal“. Einen Link zu diesem Text finden Sie unter www.hz-online.de/lesetipp

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