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Ostersonntag 1945: Flieger greifen Zug mit KZ-Häftlingen an

Vor 70 Jahren erlebte unsere Gegend ihre schwersten Kampfhandlungen des Zweiten Weltkriegs: Alliierte Tiefflieger griffen an. Historiker Alfred Hoffmann erinnert an diese Zeit – und an einen tragischen Angriff, der heute vor 70 Jahren genau am Ostersonntag einen Zug voller KZ-Häftlinge traf.

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Der Krieg kam schließlich auch zu uns. Schon am 17. Dezember hatte man im Landkreis Heidenheim nachts den blutroten Himmel über dem Ulmer Feuersturm sehen können, hier bei uns war aber stets nur die eine oder andere Bombe in freiem Feld niedergegangen.

Aber im Frühjahr 1945 kam der Krieg, schnell und knapp über dem Horizont: Am 14. Februar 1945 kamen beim ersten Tieffliegerangriff im Bahnhof Königsbronn 20 Männer, Frauen und Kinder ums Leben, die aus Ludwigshafen nach Heidenheim gebracht werden sollten. Fünf Tage später gab es sieben Tote beim Bahnhof Dischingen und weitere sieben bei verschiedenen kleineren Attacken, bevor im März für einige Wochen trügerische Ruhe einkehrte. Besonders der Angriff von Königsbronn ist seit Langem wohl bekannt.

Hierorts kaum bekannt ist jedoch ein Vorfall, der sich genau heute vor 70 Jahren am 1. April 1945 abspielte, damals der Ostersonntag. Am Bahnhof Oberkochen wurde an diesem Tag von Jagdflugzeugen ein Güterzug beschossen, der tragischerweise mit über 2000 KZ-Häftlingen beladen war, die vom KZ Neckarelz nach Dachau gebracht werden sollten. Der alliierte Angriff forderte acht Tote und etwa zehn Schwerverletzte.

Tragisch: 2000 KZ-Insassen in Güterwaggons

Der Fall ist dokumentiert, auch durch Dietrich Bantel vom Heimatverein Oberkochen und durch Arno Huth von der Gedenkstätte Neckarelz: Nach drei nächtlichen Gewaltmärschen über 80 Kilometer waren die ausgemergelten und erschöpften Häftlinge in den frühen Morgenstunden des 1. April bei Schwäbisch Hall eingetroffen und vermutlich im Bahnhof Hessental in vierzig geschlossene Güterwaggons verladen worden.

Man war in Blöcken auf Abstand marschiert, und so bekamen die zuletzt Eintreffenden die Waggons unmittelbar hinter dem Tender: Jedem war klar, dass dies die gefährlichsten Plätze waren, denn erfahrungsgemäß waren die Lokomotiven das Hauptziel der Jagdflieger, die zunehmend das Hinterland der Front ins Visier nahmen. Man war zwar erleichtert, sich nicht wie befürchtet zu Fuß bis Dachau weiterschleppen zu müssen, andererseits rückte auch die ersehnte Befreiung wieder in weite Ferne. Um acht Uhr fuhr man ab. Der Himmel war nur leicht bewölkt, es hätte ein ruhiger, friedlicher Ostermorgen werden können. Die Zeiten waren nicht so.

Einige Salven, dann drehten die Flieger ab

Gegen 11 Uhr, kurz vor Oberkochen, wurde der Zug von einer Gruppe amerikanischer Mustang-Jagdflieger angegriffen, die die Deutschen wegen ihrer auffällig lackierten Leitwerke „Rotschwänze“ nannten. Zahlreiche Geschosse der Maschinenkanonen trafen die ersten Waggons, der Dampfkessel der Lok wurde regelrecht durchsiebt und verlor Druck, der Zug kam, größtenteils noch außerhalb des Bahnhofs, zu stehen. Noch im Ausrollen sprangen hinter den Wachen auch die Häftlinge aus den Waggons, liefen in alle Richtungen auseinander und suchten im Gelände Deckung. Der letzte der (wahrscheinlich) vier Flieger, der offensichtlich inzwischen an der gestreiften Kleidung gemerkt hatte, wen sie da beschossen, drehte ab. Die anderen folgten.

Großes Durcheinander, markerschütternde Schreie, Stöhnen der Verletzten. Die Wachen bildeten eine Postenkette und trieben die Häftlinge unter brutalen Stößen wieder zusammen. Eine größere Anzahl hatte fliehen können, Oberkochener Zeitzeugen berichteten, dass sie Häftlinge versteckten, ihnen Nahrung und zivile Kleider gaben. Manche Gefangene, darunter einer, der sich als Priester zu erkennen gab, kehrten aber auch freiwillig zum Bahnhof zurück.

Im ersten Waggon hinter der Lokomotive waren nach Aussage eines Häftlings allein fünf Kameraden gestorben. Die Schwerverletzten wurden herausgetragen und auf Gepäckhandkarren oder auf den Bahnsteig gelegt. Außer zwei Rotkreuz-Helferinnen und anderen Hilfskräften war bald auch ein junger Militärarzt des Heidenheimer Lazaretts zur Stelle, der in Oberkochen wohnte. Er nahm so gut es ging die Erstversorgung der Verletzten vor und nahm einem Verwundeten sogar den Arm ab, damit er nicht verblutete. Fahrdienstleiter Anton Feil, von dem aus dem Jahr 1985 ein schriftlicher Zeitzeugenbericht stammt, half mit dem Rettungskasten des Bahnhofs aus.  Der Militärarzt, Dr. Eberhard Sußmann, dürfte es auch gewesen sein, der dafür sorgte, dass die schwersten Fälle auf einem Firmenlastwagen ins Lazarett nach Aalen gebracht wurden (wo allerdings zwei von ihnen anscheinend nur noch tot eintrafen).

Dass Zivilisten zusahen, rettete viele Häftlinge

Der luxemburgische Häftling Ernest Gillen, der sich auch im Zug befand, bezeichnete es als großes Glück, dass der Angriff nicht auf freiem Feld, sondern unter den Augen der Einheimischen stattfand: „Wäre dies außerorts geschehen, hätten wir sicher keine Verletzte, aber viele Tote gehabt. Die Zeugen aus den Reihen der Bevölkerung haben viele von uns gerettet allein durch ihre Anwesenheit. Das vergessen wir Häftlinge nicht.“

Nicht einmal nach dem Angriff gab es Wasser

Die Häftlinge hatten den ganzen Tag noch nichts gegessen. Manche machten sich sogar über Blumenzwiebeln und Rhabarberwurzeln her. Außerdem hatten sie Durst. Am Bahnhofsgebäude befand sich damals noch ein Brunnen mit Trinkwasser. Feil: „Ich weiß noch genau, wie einige der Gefangenen mit ihren Essnäpfen Wasser entnehmen wollten, was aber von dem den Zug begleitenden SS-Offizier sehr scharf verweigert wurde. Dieser Mann, ca. 1,85 Meter groß, hagere Gestalt mit recht ruppigem Gesicht, schwang dauernd seine Reitpeitsche und hatte einen großen Hund (Ulmer Dogge) bei sich. Er patrouillierte dauernd dort hin und her, so dass auch wir keine Möglichkeit hatten, den Leuten Wasser zukommen zu lassen“.

Die acht Toten, darunter ein Deutscher, wurden von den Häftlingen unter Bewachung und  mit Unterstützung der Gemeindeverwaltung  auf Gepäckkarren zum evangelischen Friedhof gebracht, aber außerhalb seiner Einfriedung in einem Sammelgrab beerdigt. Dass man sie nicht im Friedhof oder auf dem (doch gleich nebenan liegenden!) katholischen Friedhof begrub, mag daran gelegen haben, dass man sich über ihre Religionszugehörigkeit nicht im Klaren war. In vergleichbaren Fällen in anderen Orten hatte man solche Bedenken freilich nicht.

Behördlicherseits begnügte man sich später mit der lapidaren Aussage, dass die Identität der Häftlinge nicht festgestellt werden  konnte – ein Punkt, dessen Fragwürdigkeit bisher keinem so recht auffiel; denn abgesehen davon, dass man hätte nachfragen können, trugen die Häftlinge ja Nummern, anhand derer sie eindeutig hätten identifiziert werden können – wenn man sie denn notiert hätte. Die Leitung der Gemeinde – Bürgermeister Otto Heidenreich war gleichzeitig NSDAP-Ortsgruppenleiter – scheint an den KZlern jedenfalls kein großes Interesse gehabt zu haben, wenn er auch nach dem Krieg das Gegenteil behauptete und sogar eine aktive Beteiligung bei der Versorgung der Häftlinge hervorhob. Ein summarischer Eintrag ins Sterbebuch erfolgte erst 1947.

Unwürdige Beerdigung ohne gute Gründe

In der Zwischenzeit hatte Feil eine Ersatzlok angefordert. Sie kam um 14.30 Uhr, aber es dauerte noch fast anderthalb Stunden, bis die Häftlinge wieder verladen waren und der Zug weiterfahren konnte. Bald darauf muss er Heidenheim passiert haben. Am 2. April 1945 gegen vier Uhr morgens traf er mit 2007 Häftlingen in Dachau ein. Beim Ausmarsch aus Neckarelz waren es 2097 gewesen. In den nächsten beiden Tagen wurden in den Dachauer Listen 45 Nachzügler vermerkt, bei denen es sich möglicherweise um Geflohene handelt, die wieder aufgegriffen wurden. Bleibt mit den zehn Toten von Oberkochen und den Verletzten in Aalen ein Rest von um die 30 Häftlingen, die entweder schon auf dem Evakuierungsmarsch umgekommen waren oder denen vielleicht tatsächlich die Flucht gelang.

Der SS-Offizier, der den Gefangenen in Oberkochen nicht einmal Brunnenwasser gönnen wollte, war übrigens der Transportführer, SS-Untersturmführer Heinrich Wicker. Erst 23 Jahre alt, aber schon altgedienter Veteran. Bereits mit 16 diente er in der Wachmannschaft des KZ Dachau. An der Ostfront wurde ihm der Kiefer durchschossen, sein Gesicht war durch Brandwunden entstellt. Einige Tage nach der Neckarelzer Evakuierung und dem Angriff von Oberkochen leitete er auch den jetzt wirklich mörderischen Hessentaler Todesmarsch, von 750 Häftlingen starben hier mindestens 135.

Weltweit bekannt wurde Wicker aber durch die kampflose Übergabe des KZ Dachau an die Amerikaner am 29. April und die Fotos, die dabei gemacht wurden. Kommandant Weiß hatte ihm und seiner Kampfgruppe am Vortag das Lager überlassen und sich mit der eigentlichen Wachmannschaft aus dem Staub gemacht. Wicker war nicht geflüchtet, was er leicht hätte tun können, sondern hatte sich der Verantwortung gestellt, wohl ahnend, dass er damit ein Himmelfahrtskommando übernahm. Wenig später war er tot, ob von US-Soldaten erschossen oder von den befreiten Häftlingen gelyncht, wurde nie geklärt.

Fünf Opfer liegen bis heute in Oberkochen

Wer in Oberkochen heute das Grab der acht Opfer des Angriffs vom Ostersonntag 1945 sucht, wird nur noch einen Grabstein für fünf finden, und zwar, weil der inzwischen erweitert wurde, im evangelischen Friedhof. 1953 wurden nämlich zwei der Toten, die sich mittlerweile, wodurch auch immer, identifizieren ließen, nach Frankreich überführt und der Deutsche wurde bei dieser Gelegenheit in einem Einzelgrab bestattet – als „unbek. Deutscher Soldat † März 1945“(!).

 
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