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Zeugen haben Angst bei Aussagen im Rockerprozess

Mit Hilfe von Beobachtern der Schießerei und einem Aussteiger sollte gestern Licht in das Geschehen vom 7. April gebracht werden.

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Nicht ganz einfach gestaltete sich am vierten Verhandlungstag im Mordprozess nach der Schießerei an der Clichystraße die Vernehmung des Personals aus dem Friseursalon, in dem das Geschehen am 7. April seinen Ausgang nahm. Die drei Friseure sagten alle mit Dolmetscher aus, die türkisch, rumänisch und kurdisch übersetzen mussten. Die beinahe babylonische Sprachverwirrung brachte selbst den sonst äußerst gelassenen Vorsitzenden Richter Gerhard Ilg an den Rand seiner Geduld.

Gruppen treffen sich beim Friseur

Die Mitarbeiter des Männersalons schilderten eine Szene, die so auch in einem Gangsterfilm beginnen könnte: Der Angeklagte, Mitglied der rockerähnlichen Gruppierung Black Jackets, saß auf dem Friseurstuhl und ließ sich wie alle zwei Wochen Bart und Haare schneiden. Seine beiden Begleiter saßen solange im Wartebereich des Männerfriseursalons.

Dann, so schilderte es der Besitzer des Friseurgeschäfts, habe das später verstorbene Opfer, der 29-jährige Vizepräsident der United Tribuns, durch die Scheibe in den Salon hereingeschaut. Daraufhin betrat er zusammen mit seinem 25-jährigen Bruder, der später auch angeschossen wurde, den Friseursalon. Kurz darauf kamen zwei weitere Mitglieder der United Tribuns.

Zwischen den Gruppierungen entwickelte sich ein Streitgespräch, von dem der Friseur nicht viel verstand, da die Männer deutsch sprachen. Es sei um ein kaputtes Auto gegangen, soviel wurde klar. Der Mann nahm zwar eine angespannte Atmosphäre wahr, jedoch sei nicht laut gestritten worden. „Gibt es ein Problem?“, habe er seinen Kunden gefragt. Dieser habe gesagt, nein, es gebe kein Problem. Er habe nicht ängstlich gewirkt, nur etwas aufgeregt.

Als der Friseur mit dem Haarschnitt fertig war, gingen die beiden Gruppen nach draußen. Nach wenigen Minuten hörten die Mitarbeiter des Friseurgeschäfts Schüsse, zwei Männer liefen nach draußen. Auf dem Boden lagen die beiden schwer verletzten Opfer. Der 25-Jährige mit Bauchschuss habe den 47-jährigen Mitarbeiter des Friseurs um Hilfe gebeten. Dessen 29-jähriger Bruder, den drei Schüsse getroffen hatten, blutete stark und habe nicht gesprochen. Mit Handtüchern aus dem Friseursalon versuchten der Mitarbeiter des Friseurs und weitere Zeugen, die Blutungen zu stillen.

Eine Mitarbeiterin des Reisebüros gegenüber sah noch den Täter mit der Waffe auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehen und dann ihn und zwei weitere Männer in einen dunklen VW Golf einsteigen. Nachdem diese weggefahren waren, lief die Frau auf die Straße. Zu diesem Zeitpunkt seien aber schon einige Menschen am Tatort gewesen, die den Verletzten halfen. Mehrere Zeugen hatten das Kennzeichen des Autos notiert, so dass der mutmaßliche Täter schon 15 Minuten später in Giengen festgenommen werden konnte. Hilfreich für das Gericht waren auch Fotos und kurze Videos, die ein Rechtsanwalt aus seinem Büro auf der anderen Straßenseite aufgenommen hat. Die Bilder zeigen, wie drei Personen in das Fluchtfahrzeug einsteigen und wegfahren.

Am gestrigen Verhandlungstag wurde aber auch klar, dass es nicht für alle Zeugen ganz einfach ist, in diesem Prozess auszusagen. So hat beispielsweise eine Familie, die direkt über dem Friseursalon wohnt, die Schüsse gehört und beobachtete, wie die Gruppe der Black Jackets mit dem Auto wegfuhr. „Ich habe Angst“, sagte die Frau, bevor sie ihre Zeugenaussage machte.

Mehrere Zeugen berichteten, sie hätten den 26-jährigen Angeklagten mit einer Waffe in der Hand beobachtet. Nur einer davon will gesehen haben, dass einer seiner Begleiter die Waffe in den Hosenbund gesteckt habe, bevor er als Beifahrer ins Auto einstieg. Von einem Zeugen wurde die Waffe als Revolver mit Trommel beschrieben. Die Waffe ist bis heute verschwunden.

Noch mehr Angst bei seiner Zeugenaussage hatte ein 20-Jähriger, der am Jahresende 2015 als Supporter beim Chapter Riverside der Black Jackets dabei war. Er hatte sich schon am 9. Februar dazu entschlossen, eine Aussage bei der Polizei zu machen. „Es hat mir keinen Spaß mehr gemacht wegen dem Streit mit den United Tribuns“, so der Auszubildende über seine Gründe dafür.

„Das war auch gefährlich“

„Das war auch gefährlich“, sagte der junge Mann über seine Anhängerschaft zur Gruppe. Allerdings konnte er auch nicht genauer erklären, warum er bei den Black Jackets dabei sein wollte. Er sei mit zwei anderen Steinheimern zusammen Supporter geworden, offenbar wollten sie gerne Teil einer Gang sein. Auf die meisten Fragen antwortete der 20-Jährige mit der Aussage: „Keine Ahnung“. Ob er tatsächlich wenig Ahnung hatte, weil er in der Hierarchie ganz unten stand und auch selbst nie direkte Anweisungen für eine Straftat bekommen haben will, oder ob er keine Ahnung haben wollte, das blieb bis zum Schluss unklar. Der spannendste Satz seiner Aussage bezog sich auf das Selbstgefühl der Black Jackets: „Wir alle hatten Messer dabei – zur Sicherheit.“

Unmut über diese Zeugenaussage wurde aus dem Black-Jackets-Lager in den Zuschauerreihen laut. Der Richter verwarnte nach Ende der Sitzung einen Besucher, der aus seiner Sicht versucht hatte, den Zeugen einzuschüchtern.

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