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Mergelstetter Naturfreunde feiern 90-jähriges Bestehen

Monatsbeitrag: drei Milliarden. Angesichts solcher Summen könnten sämtliche Vereine auf Mitgliederversammlungen verzichten. Allerdings ist der Betrag keinesfalls aus der Luft gegriffen, wie ein Blick in die Annalen der Mergelstetter Naturfreunde belegt, die jetzt ihr 90-jähriges Bestehen feiern.

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Die Mergelstetter Naturfreunde sind es gewohnt, kräftig anzupacken – wie hier bei einem Arbeitseinsatz rund um das Vereinsheim auf dem Erbisberg. Das rechte Bild zeigt das zunächst als Domizil dienende Blockhaus aus den Anfangsjahren.  Foto: 

Im November 1923 wurde ein sogenanntes Vollmitglied tatsächlich mit drei Milliarden Mark zur Kasse gebeten. Vier Monate zuvor – die Gründungsversammlung der Ortsgruppe im heutigen südlichen Vorort Heidenheims datiert vom 24. Juli 1923 – waren es aus damaliger Warte noch vergleichsweise günstige 3000 Mark gewesen. Wobei laut Satzung für Frauen 2000 und für Jugendliche 1000 Mark erhoben wurden. Aber die Inflation galoppierte eben durchs Land, und so wäre es bereits binnen Kurzem günstiger gewesen, die Wände eines Hauses mit Geldscheinen zu drapieren als mit einer Tapete.

Über ein offizielles Vereinsheim, das hätte wohnlich gestaltet werden müssen, verfügten die Mergelstetter Naturfreunde jedoch zunächst nicht. Auch der Akt der offiziellen Gründung ging auf „neutralem Boden“ vonstatten: in der „Linde“, die als ehemaliges Rathaus des Ortes in Erinnerung geblieben ist und heute die Geschäftsstelle des Sportvereins beherbergt.

49 Gleichgesinnte kamen dort also an einem Dienstag zusammen und legten den Grundstein für eine seit mittlerweile neun Jahrzehnten währende Tradition. Zum ersten Obmann in der Geschichte der Naturfreunde-Ortsgruppe wählte die Versammlung Karl Joas senior, zu seinem Stellvertreter Paul Vogel. Das Amt des Kassierers übernahm Jakob Langenbucher, als Schriftführer fungierte Hans Junginger.

Überreich war das Angebot an Möglichkeiten der Freizeitgestaltung damals nicht, und Reisen konnten sich nur die Wohlhabenderen leisten. Gleichzeitig blieb wenig Raum für Muße abseits des Arbeitsalltags. Und so suchten ganze Familien das Miteinander bei den Naturfreunden. Bei der ersten Hauptversammlung hatte der Verein bereits 121 Mitglieder.

Die schufen sich alsbald ein festes Zuhause. Auf dem Oberen Erbisberg bauten sie ein Blockhaus, das zur Sommersonnwende 1930 eingeweiht wurde. Vorträge und Wanderungen sollten der Arbeiterschicht fortan Abwechslung und Information bieten, doch nicht einmal zehn Jahre nach der Gründung wurde die Vereinsgeschichte jäh unterbrochen: Die Nationalsozialisten verboten am 25. März 1933 die Naturfreunde, weil ihnen deren Kritik am Kapital und an den vorherrschenden Klassenverhältnissen missfiel.

Offiziell vorbei war's mit der Bewegung, die ihren Ursprung in Wien hat: Im September 1895 hoben dort 185 Männer und Frauen den Touristenverein „Die Naturfreunde“ aus der Taufe. Sein Symbol zeigt einen Handschlag und drei Alpenrosen – als Zeichen für die Solidarität unter den Arbeitern.

Die Mergelstetter Naturfreunde standen also vor dem Nichts, waren enteignet, ihres „Häusles“ beraubt. Und doch ließen sie sich nicht unterkriegen, trafen sich auch weiterhin im kleinen Kreis. Heimlich natürlich.

„Fast unbeschreiblich müssen der Mut und die Entschlossenheit derer gewesen sein, die am 30. März 1946, nach einem Krieg und in Ungewissheit um die Zukunft die Ortsgruppe neu gegründet haben“, sagt Werner Wagenblast, der seit Januar 2012 das Amt des Vorsitzenden bekleidet. Ihm zur Seite stehen als Stellvertreterinnen Ingrid Eder und Renate Bassmann.

Einen wichtigen Tag in der Vereins-Historie stellt der 19. Januar 1957 dar. Damals trafen sich die Naturfreunde zu ihrer Hauptversammlung im „Ochsen“, und ohne dass dieser Punkt auf der Tagesordnung gestanden hätte, bestimmte die Idee, ein größeres Vereinsheim zu bauen, die Diskussion.

Gesagt, getan: Die Mitglieder spuckten in die Hände, packten an, und schon im Juni 1959 wurde das neue Domizil eingeweiht. In den 70er-Jahren erweitert und vor drei Jahren mit einem neuen Dach samt Fotovoltaikanlage versehen, ist das „Erbisberghaus“ bis heute Mittelpunkt einer Vielzahl von Aktivitäten. Das alte Blockhaus wurde derweil nicht entsorgt, sondern – ganz dem Gedanken der Nachhaltigkeit folgend – ab- und anschließend auf dem Gelände der Langenauer Naturfreunde teilweise wieder aufgebaut.

Anderen Vereinen gleich, haben auch die Naturfreunde mit dem sich unablässig wandelnden Freizeitverhalten zu kämpfen. Konsequenz: „Wir müssen unsere Ausrichtung immer überprüfen und gegebenenfalls verändern, so wie sich im Laufe der Vergangenheit auch die Gesellschaft verändert hat“, so Wagenblast.

Die Triebfeder mag heute im Gegensatz zu den Gründerjahren keine politische mehr sein, seinen Grundsatz, mit und in der Natur zu leben, hat der Verein hingegen nicht aufgegeben. So wurde 1984 das Vereinsgelände zur atomwaffenfreien Zone erklärt, seit Langem schon ist im Gebäude das Rauchen verboten, und sämtliche Aktivitäten, die sich stets ausdrücklich auch an Nichtmitglieder richten, sind geprägt von der Verantwortung gegenüber der Umwelt. So werden nun Insektenhotels, Nistkästen oder Futterhäuschen für heimische Vögel gebastelt, Wanderungen organisiert oder Vorträge angeboten.

Als die Landesgartenschau des Jahres 2006 anstand, nahmen sich die Mergelstetter Naturfreunde zusammen mit den Ortsgruppen aus Heidenheim, Giengen, Schnaitheim und Oberkochen des Eisweihers im Brenzpark an und verwandelten den dreckigen Tümpel in ein Biotop mit Flachwasserzone. Über Jahre hin zählte auch die Pflege von Heideflächen zum festen Aufgabenspektrum.

Angesichts des auf rund 50 Jahre angewachsenen Durchschnittsalters – wobei die 120 Mitglieder eine Spanne von zehn bis 85 Jahren abdecken – haben sich die Schwerpunkte mittlerweile etwas verschoben. So herrscht vor allem auf der 2010 gebauten Boulebahn regelmäßig Betrieb, was nicht zuletzt dem Miteinander von Jung und Alt förderlich ist.

Ohnehin kommt der Verbundenheit der verschiedenen Lebensalter seit jeher ein großer Stellenwert zu, wie sich beispielsweise im Juni 1969 zeigte. Damals bereits seit 42 Jahren in den USA lebend, kam überraschend der zur Riege der Gründungsmitglieder gehörende Martin Deißinger unter großem Hallo zum Monatsabend nach Mergelstetten. Und wenn am kommenden Samstag um 15 Uhr (der offizielle Teil mit Oberbürgermeister Bernhard Ilg beginnt um 17 Uhr) im Naturfreundehaus auf dem Erbisberg die Feier zum 90-jährigen Bestehen ansteht, werden auch Urenkel und Urenkelin des ersten Obmanns Karl Joas senior anwesend sein.

Selbst 51 Jahre alt und damit gewissermaßen im Zentrum der Generationen angesiedelt, zeigt sich Wagenblast entschlossen, an diesem Selbstverständnis der Naturfreunde weiter festhalten zu wollen: „Ich für meinen Teil werde alles daran setzen, unseren Platz in der Gesellschaft nicht preiszugeben.“

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