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Abendgymnasium: Lernen, wenn andere schon abgeschaltet haben

Sich als Erwachsener noch einmal auf die Schulbank zu setzen, ist keine übliche Entscheidung. Wer macht das in Heidenheim und warum?

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Mit Motivation dabei: Andreas Albeck (links) und Uwe Gödrich sind am Abendgymnasium, weil sie studieren möchten.  Foto: 

Uwe Gödrich, 27, Schilder- und Lichtreklamehersteller aus Herbrechtingen. Andreas Albeck, 44, zwei Kinder, Einzelhandelskaufmann aus Heidenheim. Tobias Abele, 30, Landwirt aus Dunstelkingen. Sie alle und noch weitere Erwachsene sitzen am Mittwochabend in einem Klassenzimmer des Werkgymnasiums und folgen dem, was Lehrerin Karin Gromer gerade über binomische Formeln erklärt.

Der gängige Schulbetrieb ist längst vorbei, und wenn die fünf Stunden Mathe-Unterricht am Abendgymnasium um sind, ist es draußen längst dunkel. Den Schülern macht das nichts aus: „Das Lernen ist einfacher, wenn man in der Schule ist, weil man es will, und nicht, weil man es muss“, sagt Uwe Gödrich. „Man ist viel konzentrierter und will nicht mehr in die Disco oder so“, scherzt sein Nebensitzer Andreas Albeck.

Die beiden sind hier, weil sie gerne noch studieren würden – Psychologie und vielleicht internationales Management – und dafür einen höheren Abschluss brauchen. „Zum Glück ist die Lehrerin sehr geduldig mit uns“, sagen sie. Man unterstütze sich zudem gegenseitig und bilde Lerngruppen.

Es geht nur um den Schulstoff

Zehn Schüler sitzen gerade im Klassenzimmer, sie besuchen die zehnte Klasse, die erste, die es am Abendgymnasium gibt. „Man muss sich erst ein Bild machen vom Stand aller Schüler und dann versuchen, alle auf die Oberstufe vorzubereiten“, erklärt Lehrerin Karin Gromer. Das sei zwar schwierig, aber bei Erwachsenen sei zumindest die Erziehung abgeschlossen und es gehe rein um den Schulstoff.

Zwei weitere Klassen sind heute Abend noch da, eine elfte und eine dreizehnte. „Ich bin wirklich froh, dass ich keine Eltern treffen muss“, sagt eine der anderen Lehrerinnen und lacht. Die seien viel komplizierter als erwachsene Schüler.

Insgesamt arbeiten derzeit 14 Lehrer am Standort Heidenheim, das Teil des Abendgymnasiums Ostwürttemberg ist. Weitere Standpunkte sind in Aalen und Schwäbisch Gmünd, der Unterricht findet entweder von Montag bis Donnerstag am Abend statt oder von Donnerstag bis einschließlich den ganzen Samstag. 27 Schüler sind in Heidenheim für dieses Schuljahr angemeldet, eine erfreuliche Zahl. Allerdings war das auch schon anders, weshalb der Standort Heidenheim mal auf der Kippe gestanden hat.

Bürgermeister Rainer Domberg sitzt im Vorstand des Trägervereins vom Abendgymnasium und ist froh darüber, dass derzeit wieder genug Nachfrage da ist. „Ich halte das unbedingt für notwendig, unsere drei Standorte zu halten. Die nächsten Abendgymnasien gibt es erst wieder in Stuttgart und in Augsburg“, sagt er.

Die Anmeldungen seien wie Wellenbewegungen – mal sind es mehr, mal wieder weniger. Domberg führt das darauf zurück, dass man mittlerweile nicht mehr für jeden Studiengang Abitur braucht und dass das Angebot, sein Abitur zu machen, gewachsen ist. Obendrein sei es total anstrengend, an vier Abenden in der Woche oft bis 22 Uhr im Unterricht zu sitzen, wenn man vorher arbeiten war.

Man muss einen Job haben

Das Abendgymnasium ist eine Privatschule und es ist Voraussetzung, dass man einer Beschäftigung nachgeht. Man muss mindestens 19 Jahre alt sein, nach oben gibt es keine Grenzen. „Unsere bisher älteste Schülerin hat das Abi mit 68 Jahren gemacht, das war ein Lebenstraum von ihr“, erinnert sich Dita Schneider-Sutter, stellvertretende Schulleiterin und Leiterin des Standorts Heidenheim. Der Großteil der Schüler sei aber zwischen 20 und 30 Jahre alt.

Was den Ablauf betrifft, verhält sich eigentlich alles wie an anderen Gymnasien auch. Die Schüler bekommen Hausaufgaben, sie haben zur gleichen Zeit Ferien und schreiben beim regulären Abitur mit. Zwar gehören Fächer wie Religion, Kunst und Sport nicht zum Fächerkanon, aber das könnte zeittechnisch gar nicht gestemmt werden. Alle Schüler lernen eine zweite Fremdsprache und müssen bis zum Abitur eine Naturwissenschaft machen. Und auch Studienfahrten und Projekttage gibt es.

Dazu gehört aber, dass immer wieder jemand abbricht, weil Beruf, Familie und Schule zu viel auf einmal sind. „Teils haben ältere Schüler aber auch einen Vorteil“, sagt Schneider-Sutter. „Sie können ihr Wissen an Erfahrungen andocken, es besser einordnen, ihr Vorwissen nutzen. Und vor allem kommen sie mit einer Vision hierher – das ist der Schlüssel zum Erfolg.“

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