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Heidenheimer Kunstmuseum: Wo der Tod Teil des Alltags ist

Zehn zeitgenössische Künstler reagieren in der neuen Ausstellung auf das in ihrem Heimatland allgegenwärtige Morden: "De muerte presente".

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Horrorfilme und Dokumentationen paranormaler Phänomene reflektiert der mexikanische Künstler E.S. Mayorga (oben beim Aufbau mit seinem Künstlerkollegen Vincent Zucca) in seiner Installation fürs Kunstmuseum.  Foto: 

Starken Tobak gibt's zu sehen und zu denken bei der ersten Ausstellung im Heidenheimer Kunstmuseum nach der Sommerpause: „De muerte presente“ heißt diese Schau, die sich, so der deutsche Untertitel, mit dem „Tod in der mexikanischen Gegenwartskunst“ auseinandersetzt.

Gezeigt werden Arbeiten von zehn Künstlern, die teils in Mexiko leben, die teils in die USA oder nach Europa emigriert sind und die auch nicht alle unter ihrem realen Namen erkennbar sein wollen.

„Diese Ausstellung ist einmalig“, meint Museumsleiter Dr. René Hirner und meint das durchaus auch im eigentlichen Wortsinn: Diese Kompilation entstand nur für Heidenheim, wo sie zwischen dem 9. Oktober und 15. Januar zu sehen ist. Eine Kooperation mit anderen Häusern gibt es nicht – Hirner hatte das Glück, eine Kuratorin zu kennen, die die Kunstszene des bewegten und ausgesprochen todesbewegten Landes kennt, das in den letzten Jahrzehnten zerfressen wurde von unvorstellbar menschenverachtender, maximalkrimineller Anarchie.

Jeanette Brabanetz ist Kunsthistorikerin und üblicherweise tätig für das Kunstmuseum in Albstadt; sie hat fürs Heidenheimer Haus kontaktiert, sortiert und die inhaltliche Vorbereitung geleistet.

So hat sie gesorgt für eine Ausstellung, die alles andere als harmlos ist, sondern untersucht, mit welch unterschiedlichen künstlerischen Mitteln zeitgenössische Künstler sich mit der allgegenwärtigen Gewalt in ihrem Lande und deren Folgen auseinandersetzen.

Wer sich wirklich einlassen will auf das in ganz unterschiedlichen Medien Dargestellte, sollte zumindest bei einigen Arbeiten starke Nerven und eine robuste Kuttel mitbringen.

Es soll hier nicht, wie das mexikanische Zeitungen gerne tun, blutgeilem Voyeurismus zugearbeitet werden: Die dortige Regenbogenpresse wird, nicht umsonst, vor Ort gern die „Rote Presse“ genannt – weil sie die Farbe des Blutes gerne in unzähligen Fotos dokumentiert.

Aber es sei beispielhaft doch auf eine Arbeit verwiesen, die von Carlos Amoralis (ein Pseudonym?) stammt: Gezeigt wird ein gehäuteter Menschenkopf mit stieren Augäpfeln – ursprünglich ein schamloses Pressebild. Amoralis aber hat dieses, sinniger- wie gnädigerweise, künstlerisch überarbeitet: „La Lengua de los Muertos“ (2012, „Die Sprache der Toten“) ist verunschärft und wird überdeckt von einer abgezogenen Orangenhaut, die nicht nur die schiere Grauslichkeit der Vorlage anteilnehmend überdeckt, sondern zugleich den Vorgang des Häutens in eine allgemeinverbreitete Form übersetzt.

Gezeigt werden Installationen, Graphic Novels, eine Netzprojektion, Fotografien, Grafiken, Videos, Hörstücke. „Klassische künstlerische Techniken sind nicht vertreten“, sagt Hirner – also beispielsweise keine Zeichnungen oder Gemälde.

Dominant im frisch renovierten Hugo-Rupf-Saal (unter anderem mit neuem Boden, neuer Verdunkelung) ist ein 12,5 Meter breite, drei Meter hohe Querwand. Auf ihr hat der 1948 geborene Carlos Aguirre (auch das ein Namen, der aus anderem künstlerischem Kontext bekannt ist – und auf den, im gegenwärtigen Mexiko offensichtlich ausbleibenden, „Zorn Gottes“ verweist) die Spitznamen mexikanischer Verbrecher vermerkt. „El Fin“ (das Ende) liest man da oder „El Fantasma“ (der Geist), aber auch weibliche Namen – „La Barbie“ etwa.

Die damit gemeinten Mörder werden auf diese Weise „mythologisiert“, meint Hirner, aber doch wohl auch bagatellisiert und verniedlicht. „Paisaje mexicano“ heißt diese monumentale Arbeit, die auf Augenhöhe des Betrachters als Gegenwelt Zeitungsbilder von Mordopfern zeigt. Das hat was von Agitprop und ist doch von klirrender künstlerischer Dialektik.

Als „absoluten Superstar“ qualifiziert Hirner Teresa Margolles; die 1963 geborene Künstlerin, die bei der Documenta, der venezianischen Biennale und anderen weltweit bedeutenden Ausstellungen vertreten war, zeigt in Heidenheim drei Arbeiten.

Da ist, erstens, eine Audio-Arbeit, in der einer schildert, wie eine Prostituierte umgebracht wurde – man kann sich der Zeugenschaft nicht entziehen. Da ist, zweitens, ein Video, das, so Hirner, „auf einzigartige Weise Minimal Art verbindet mit der Auseinandersetzung mit dem Tod“.

Und drittens wird „La Sombra“ („Der Schatten“) gezeigt. Vorgestellt werden Tötungsorte, die aber bereits von Mordspuren gesaubert wurden, wo also „Tatort-Reiniger“ tätig geworden sind. Überhaupt arbeitet die Künstlerin gerne mit Leichenwasser, verwendet dieses etwa zum Guss von Betonbänken. Leichenwasser, im öffentlichen Raum ausgebracht, verdunstet rasch – was dann als doppelte Metapher der Vergänglichkeit verstanden werden kann.

Über 20 Arbeiten zeigt die Heidenheimer Ausstellung; das Titelbild stammt von Miguel Calderon (wiederum kein kunsthistorisch unbeleckter Namen): Es zeigt liegende Körper; doch die Fotos sind eine Simulation: Arrangiert wurde hier eine Art Todes-Posing. „Stellt Euch vor, Ihr seid tot“, sagte der Künstler zu Besuchern eines beliebten Parks in Mexiko-City. Und so entstanden scheinbar absurde und doch nicht unvorstellbare Arrangements – etwa mit Grill oder Kindergeburtstags-Luftballons.

Auch eine Simulation ist das Projekt von Jose Jimenez Ortiz, bei dem eine vermeintliche Internet-Startupfirma fragt: „Wenn Ihr sterbt – wie wollt Ihr Euch auf Facebook präsentieren für die Ewigkeit?“

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