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Hartmann-Prozess: über 100.000 Euro Prozesskosten versus 7.000 Euro Schaden

Ein Spediteur und ein ehemaliger Mitarbeiter von Hartmann wurden wegen gemeinschaftlichen Betrugs zu Bewährungsstrafen verurteilt.

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Im Hartmann-Logistikzentrum in Herbrechtingen kam es zu den Betrugsfällen.  Foto: 

Nach vier Verhandlungstagen ist im Prozess gegen einen Spediteur und einen ehemaligen Mitarbeiter des Hartmann-Logistikzentrums in Herbrechtingen ein Urteil ergangen: Die beiden wurden vom Schöffengericht schuldig gesprochen, das Unternehmen über einen Zeitraum von mehreren Jahren hinweg betrogen zu haben.

Dabei dauerte der Prozess länger als der Zeitraum der Taten umfasste. Bereits zum dritten Mal wurde in diesem Herbst versucht, Licht ins Dunkel zu bringen, der erste Anlauf liegt schon Jahre zurück, ein zweiter scheiterte im Sommer. Dass für die jetzige Verhandlung insgesamt wieder vier Freitag-Vormittage benötigt wurden, ist in erster Linie dem Verteidiger des Spediteurs zu verdanken, der versuchte, ein Gutachten Stück für Stück zu zerlegen.

Taten liegen schon Jahre zurück

Im Kern wurde den beiden Angeklagten vorgeworfen, zwischen Februar 2007 und September 2011 einen organisatorische Lücke im Hartmann-Logistikzentrum erkannt und geschickt ausgenutzt zu haben, um sich zu bereichern. Dabei ging es um Retouren, die vom Spediteur geliefert, und deren Mengen von dem ehemaligen Hartmann-Mitarbeiter manipuliert weitergegeben worden waren, so dass mehr abgerechnet werden konnte als tatsächlich geliefert wurde. Der ursprünglichen Anklage zufolge entstand Hartmann dadurch ein Schaden von rund 45 000 Euro, der Lager-Mitarbeiter soll vom Spediteur rund 14 000 Euro erhalten haben.

Rund 10 000 Vorgänge geprüft

Rund 10 000 einzelne Vorgänge musste der Gutachter prüfen, zu jeder Rechnung einen Lieferschein finden und zuordnen und überprüfen, ob die Mengen korrekt abgerechnet wurden. Eine der Schwierigkeiten war dabei, dass es wesentliche Belege nicht mehr gibt, da die Mengen teils nur auf „Fresszetteln“, so Richter Eberhard Bergmeister, vermerkt waren. Ein anderes Problem ist, dass die angelieferten Mengen nicht gewogen oder exakt vermessen sondern nur auf ihre Kubatur hin geschätzt wurden.

Kein Wunder, dass sich die Erstellung des Hauptgutachtens über Monate hinweg hinzog – und dann noch ein Nebengutachten gefordert wurde. Alles in allem – das wurde im Laufe der Verhandlung deutlich – belaufen sich die Prozesskosten dadurch auf deutlich mehr als 100 000 Euro.

Anhand von einzelnen Belegen versuchte der Verteidiger des Spediteurs dann über mehr als zwei Verhandlungstage hinweg, die Glaubwürdigkeit des Gutachtens zu untergraben. Zu diesem Zeitpunkt war die ursprünglich angeklagte Schadenshöhe aufgrund der Untersuchung schon deutlich reduziert.

Doch Gutachten hin oder her: Letzten Endes spielte es beim Urteil, wenn überhaupt, dann nur eine untergeordnete Rolle. Oberstaatsanwalt Oliver Knopp war in seinem Plädoyer von einer Mindest-Schadenssumme von 14 000 Euro ausgegangen. Er sah den Tatvorwurf als erwiesen an. Dabei stützte er sich auf ein Gespräch, das der Ex-Hartmann-Mitarbeiter mit Vorgesetzten und einem Betriebsrat geführt hatte, und in dem er die Taten eingeräumt sowie einen Aufhebungsvertrag unterschrieben haben soll. Dieses Geständnis, das später widerrufen wurde, und eine E-Mail, die der Angeklagte nach diesem Gespräch an seinen früheren Vorgesetzten geschrieben und in dem er diesen um Entschuldigung gebeten hatte, sah Knopp als Beweis für die Schuld an. Er forderte für beide Angeklagte je ein Jahr Freiheitsstrafe, ausgesetzt zur Bewährung.

Der Verteidiger des Ex-Mitarbeiters sah die Taten nicht als erwiesen an, unterstellte dem damals neuen Chef des Angeklagten einen Belastungseifer gegenüber seinem Mandanten, um diesen loszuwerden, und plädierte aufgrund von ihm erkannter Unstimmigkeiten auf Freispruch. Er ging auch auf die Verfahrenskosten ein, „bei denen einem schwindlig werden kann.“

Auch der Verteidiger des Spediteurs plädierte auf Freispruch, sprach von einer „Hetzjagd“ gegen den Ex-Mitarbeiter, in die dann der Fuhrunternehmer verwickelt worden sei. „Bei der Schadenshöhe hätten die beiden ganz schön dumm gewesen sein müssen, hätten sie das getan.“ Die Behauptung, sein Mandant haben dem Lagermitarbeiter Geld gezahlt, sei „grotesk“.

Zehn Monate auf Bewährung

Das Gericht sah den Betrug als erwiesen an, und stützte sich dabei in erste Linie auf die Entschuldigungs-E-Mail. „Das werten wir als Geständnis“, betonte Bergmeister, der den entstandenen Schaden mit 7500 Euro bezifferte: „Das Verfahren wurde von der Verteidigung unnötig in die Länge gezogen, dadurch auch die hohen Kosten.“ Letztlich wurden die beiden Angeklagten schuldig gesprochen und zu jeweils zehn Monaten Haft – ausgesetzt zur Bewährung – verurteilt. Außerdem müssen sie für die Prozesskosten aufkommen.

Auf der HZ-Facebookseite wird über das Urteil diskutiert:

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