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Groß im Kommen: Dildoparty setzt auf alle Sinne

Schmuckparty, Kerzenparty, weitere, bei denen Putztücher, Kosmetik und Kochtöpfe verkauft werden. Nicht zu vergessen die Vorführung, bei der die Hausfrau am Ende überzeugt ist, eigentlich ein kleines Familienunternehmen zu führen. Der Partyrenner der Saison ist momentan ein ganz anderer: Der Verkauf von Liebesspielzeug bricht fast alle Rekorde.

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Fast. Denn an der Spitze steht gewiss noch immer die englische Firma, die seit Jahrzehnten weltweit die Schränke mit Plastikschüsseln, -geschirr, -besteck und praktischen Haushaltshelfern zu füllen weiß. Die Verkaufsidee, die Einsatzmöglichkeiten der Produkte „live“ zu erleben – idealerweise bei einem Gläschen Sekt (das lockert Stimmung und den Verschluss des Geldbeutels) – äffen die Schmuck-, Kerzen- und Putztuchproduzenten erfolgreich nach.

Fragt die Gastgeberin „Kommst du zu meiner Was-weiß-ich-Party?“, ist der Ablauf allen klar. Man trifft auf andere interessierte Frauen, tauscht Erfahrungen aus, lässt die Ware durch die Reihen wandern und bestellt. Mindestens eine Kleinigkeit, mal weniger, mal mehr. Meist mehr.

An einem guten Verkaufsergebnis sind am Ende ausnahmslos alle interessiert: die Beraterin (was sich von selbst versteht), die gastgebende Hausfrau (sie wird am Umsatz beteiligt) die begeisterten Käuferinnen (sie wollen der Gastgeberin etwas Gutes tun und werden für ihr Kommen mit einem netten Präsent belohnt).

Auf der „Toy(Spielzeug)party“, die umgangssprachlich unter „Dildo-Party“ läuft, sieht das nicht anders aus.

Pünktlich eingetroffen sind an diesem Abend ein starkes Dutzend Frauen, in der Altersspanne zwischen 19 und 43 Jahren. Wollen wir sie stellvertretend einmal Lisa, Angelika, Maike oder Claudia nennen.

Bis sich alle Damen begrüßt und bekanntgemacht, Salzstangen, Chips und der hochprozentige Himbeerlimes die erste Runde gemacht haben, vergeht die erste halbe Stunde.

Jessica Sarodi, verheiratet, Mutter von drei Buben, wartet geduldig. Die 33-Jährige arbeitet seit acht Jahren als Beraterin, schmeißt im Schnitt an jedem Wochenende zwei Partys. Ausgebucht ist sie bis April (Stand: 20.30 Uhr).

Mit Charme und Witz zaubert sie im den folgenden vier(!) Stunden das Erotikspielzeug Stück für Stück aus dem Koffer, plaudert aus dem Nähkästchen und entlockt der 35-jährigen Claudia die Bemerkung: „Ich habe das Gefühl, bisher hinter dem Mond gelebt zu haben.“

Sachlich erklärt die Beraterin die Funktionen und die Unterschiede zwischen Dildo und Vibrator, empfiehlt Trainingsgeräte für den Beckenboden, stellt Körperpuder mit Geschmack vor, Öle, die sich auf der Haut erwärmen, wenn man sie anhaucht, Kerzenwachse, die sich auf dem Körper in Massageöle verwandeln.

Die Fragen der Frauen, die als Krankenschwester, Sportlehrerin, Ergotherapeutin, Arzthelferin arbeiten, beantwortet sie fachgerecht, die der Studentin, Industrie-, Groß- und Einzelhandelskauffrau detailliert, bringt es immer mal wieder auf den (G-)Punkt und taucht in die Geschichte ein.

Seit der Steinzeit kenne das Individuum die Vorzüge von Stimulatoren. Heutzutage bleibe die App oder eine Fernsteuerung nicht außen vor.

Die Bezeichnung der Ware muss sich hinter dem englischen Plastikschüsselhersteller nicht verstecken. Unter „Hitparade“, „Naschkätzchen“ „Candy“ und „Eidgenosse“ weiß jede Frau, sofort was Sache ist. Bei den „Ultras“ denkt sie erst gar nicht an fanatische Anhänger einer Fußballmannschaft.

Wer ein wenig Englisch kann, weiß mit Bezeichnungen wie „Rabbit“ (Kaninchen) und „Bunny“ (Häschen) auf Anhieb etwas anzufangen. Die meisten Formen und Musterstücke sprechen ohnehin eine deutliche Sprache.

„Paris Ducky“, mit dem Unschuldsblick, sieht so aus, als könne sie kein Wässerchen trüben „Der kleine Paul“ – vertraut man auf sein Aussehen – tarnt sich als Wimpertusche, Lippenstift und Parfumflacon. Jedenfalls gehöre er, meint jedenfalls Beraterin Sarodi „in jede Handtasche oder ins Auto.“ So lasse sich, wenn sie einer Kundin glauben dürfe, „ein Stau auf Deutschland Straßen leichter ertragen.“ Batterieausfall, Ladehemmung? Der USB-Stick tut im Fall des Notfalls seine Dienste.

So tastet sich die Runde Stunde um Stunde vor, fühlt, riecht, probiert, vergleicht, reibt sich ein, diskutiert über Größenverhältnisse, Geräusche, Material und Design, denkt vermutlich das, was Angelika verblüfft ausspricht: „Auf was für Ideen die Leute kommen.“

An exakt 61 dieser Ideen hat Jessica Sarodi die aufgeschlossene, wissbegierige Gruppe an diesem Abend teilnehmen lassen. Das starke Dutzend kennt sich nun besser aus mit Turbo-Boostern, Pulsatoren, Fun-Knöpfen, Paarvibratoren und der dazugehörigen App. Ein Kreuzchen hier, ein Kreuzchen dort, der Umsatz: Nicht von schlechten Eltern.

Als die Beraterin ihren Koffer packt, ist der ein wenig leerer, der Terminkalender voller. 25 Prozent der Geladenen kennen noch eine Freundin, eine Nachbarin, Kollegin, Mitbewohnerin, Kommilitonin, die man nicht länger unwissend lassen will.

Prüderie ade. Emanzipation auch. Zumindest beim Gedanken an Handschellen, Fernsteuerungen, Lederpeitschen, Ketten und Fesseln. Letztendlich ist alles eine Frage des Geschmacks. Vanille, Himbeere, Kokos, Banane: selbstverständlich im Angebot.

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