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Gewerkschaftschef Ralf Willeck warnt vor herbeigeredeter Krise

Krisen treiben Ralf Willeck an. Nicht, dass er sich welche wünscht. Aber seine Kämpfernatur tritt besonders dann zutage, wenn es eng wird. Das war der Grund, weshalb er sich zuerst als Betriebsrat, später in der Gewerkschaft engagierte. Seit einem halben Jahr tut er dies an der Spitze der IG Metall als Erster Bevollmächtigter in Heidenheim.

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Stellenabbau bedeutet auch weniger Mitglieder: Mit der IG-Metall-Bilanz ist Ralf Willeck nicht durchweg zufrieden.  Foto: 

Einen ersten Fingerabdruck als neuer IG-Metall-Chef hat er in dieser kurzen Zeit bereits hinterlassen mit dem Baustart für das neue Gewerkschaftshaus an der Bergstraße:„Es war ein Herzenswunsch von mir, dass sich die Gewerkschaftändert.“ So wie sich in 60 Jahren die Wirtschaft, das Leben geändert habe, seien heute die Ansprüche an die Gewerkschaft andere.„Wir sind nach wie vor eine Kampforganisation, aber Bildung und Mitgliederservice hat sehr stark zugenommen.“ Deshalb müsse die Gewerkschaft in die Stadt und für die Mitglieder sichtbar sein.

Dass er heute der Kopf der IG Metall in Heidenheim sein würde, hätte Ralf Willeck noch vor zehn Jahren nicht geglaubt. Als gelernter Kaufmann war er bei der damaligen Epcos AG im Qualitätsmanagement beschäftigt.„Ich war nicht bestrebt, Betriebsrat zu werden“, so der 48-Jährige, der in Schnaitheim seine familiären Wurzeln hat. Gewerkschaftsmitglied war er zwar, doch der Kämpfer in ihm meldete sich erst, als Epcos dem Standort Heidenheim an den Kragen wollte.„Der Reiz, mich zu engagieren, kam mit der Krise“, sagt Willeck. Als Willeck im Jahr 2000 für den Betriebsrat kandidierte, machte Epcos negative Schlagzeilen mit Personalabbau, Verlagerungen.„Ich konnte nicht mehr nur zusehen, sondern wollte in das Geschehen eingreifen und Schadensbegrenzung betreiben.“ Wutüber den Umgang mit den Kollegen trieb ihn an.

Während einige Menschen in unangenehmen Situationen schnell an die Grenzen ihrer Belastbarkeit kommen, reagiert Willeck ganz anders:„Ich funktioniere am besten, wenn ich unter positivem Druck stehe.“ Sicherlich war der Einsatz des Betriebsrates mit der Grund, dass Epcos sich schließlich auf einen Standortsicherungsvertrag einigte, der erst dieses Jahr unter TDK auslief. 2006 kehrte Ruhe ein– und für Willeck war damit auch etwas die Luft raus. Wahrscheinlich war es der Kampf um Epcos, weshalb Andreas Strobel, der damalige IGM-Chef, auf Willeck aufmerksam wurde. Am Rande einer Betriebsversammlung sprach er ihn an und gewann ihn für die Gewerkschaft.

Willeck steht voll uns ganz zu seiner IG Metall und deren basisdemokratischer Struktur. Es sei richtig, dass er sich ausschließlich den Mitgliedern verantworten müsse und von diesen gewählt werde.„Wir führen quasi ein Unternehmen, das allein dem Zweck dient, für die Mitglieder bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen durchzusetzen.“

Und damit formulieren sich für Willeck auch die Aufgaben: Allen voran der Erhalt des Tarifvertrags mit all den Errungenschaften wie bezahltes Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Froh ist Willeck, viele Mitglieder hinter sich zu haben. Dies sei die Stärke, mit der man gegenüber dem Arbeitgeber auftreten könne. Deshalb freut er sich auch, dass die IG Metall auf Wachstumskurs ist. Allein in diesem Jahr habe man 600 neue Mitglieder aufgenommen, sodass 12 600 Menschen der IG Metall im Landkreis Stärke geben. Das sei auch der Grund, weshalb man es schaffe, bei Arbeitskämpfen gute Kompromisse zu finden.

Als Gewerkschafter ist man meist kein unpolitischer Mensch. Auch Ralf Willeck beschäftigt sich über die Welt der Metall- und Elektronindustrie hinaus mit politischen Themen. Da wäre die Leiharbeit, der Kampf gegen den Niedriglohn, der die derzeit so heftig diskutierte Altersarmut nach sich ziehe.„Altersarmut ist nicht gottgewollt, dafür werden Weichen gestellt durch Niedriglöhne. Wenn heute ein Leiharbeiter mehr als 60 Jahre arbeiten müsste, um Mindestrente zu bekommen, ist es scheinheilig zu sagen, wir müssen etwas gegen Altersarmut tun. Wir müssen vielmehr etwas gegen Niedriglöhne tun.“

Genau hat Willeck die Entwicklung der Betriebe im Landkreis im Blick. Dabei sieht er nicht, wie viele Experten derzeit sagen, eine Krise am Horizont.„Wir spüren eine Beruhigung der Märkte, aber keine Abschwächung an sich.“ Fatal wäre es einer Ansicht nach, eine Krise herbeizureden. Wegen der psychologischen Wirkung ist Willeck daran gelegen, den Ball flach zu halten. Wenig hält er in diesem Zusammenhang von den derzeit viel befragten Wirtschaftsexperten, die hätten weder die Krise 2009 in ihrer Form vorhergesehen, noch den Boom 2010 und 2011. Als Gewerkschafter verweist Willeck darauf, wie gut die arbeitsmarktpolitischen Instrumente wie Kurzarbeit und flexible Arbeitszeit gewirkt hätten. Deshalb ist es seine Hoffnung, dass die Unternehmen daraus gelernt hätten, nicht wieder in die„stereotype Reaktion der Personalanpassung“ auf Schwankungen zu reagieren.„Ich plädiere dafür, einen kühlen Kopf zu bewahren.“

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